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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 377 - 378

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Max Mandelstamm
Date
1912-04-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 3)
Language
German
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377 Max Mandel stamm. 378 wort auf die unausgesetzt ihn drückende Judennot möglichst unverzüglich gegeben werde, und so verHess er den Weg der von ihm anerkannten historischen Lösung der Judenfrage, sobald der grosse Führer des Zionismus gestorben war. Mandelstamm war keine Wartenatur, ihm war das Warten bis zur Zionisierung des gesamten Judentums mehr als ein Kummer, es schien ihm eine Sünde gegenüber den Notleidenden zu sein. Mit Herzl hätte er wohl im Zionismus verharrt und weiter gewartet, wenn nicht das Warten ohnehin abgekürzt worden wäre. Ohne Herzl ging er einen Seitenweg und kehrte auch nicht mehr zurück, als der Zionismus selbst an verschiedene praktische Palästinaarbeiten herangetreten war. Er ist dann immer mehr zur reinen Emigrationspolitik übergegangen und hat sich immer mehr einer Arbeit gewidmet, die kaum auch nur noch dem Gedanken des Territorialismus entspricht, aber jeder, auch der kleinste philantropische Schritt, den er unternahm, wurde durch seine Gesinnung und sein Wesen veredelt. Damit war er übrigens zu einem Jugendgedanken zurückgekehrt. Hatte er doch im Jahre 1881, als er zur bekannten Konferenz nach Petersburg berufen wurde, im Gegensatz zur überwältigenden Majorität der anderen jüdischen Vertreter die Parole der Auswanderung ausgegeben. Damals war er ganz vereinsamt, jetzt hatte diese Auffassung fast überall gesiegt, aber er selbst war nur halb mit dem Herzen dabei. Denn immer'wieder kehrte sein Gedanke zu jener grossen Idee der radikalen Lösung der Juden- * * Max Mandelstamm entstammte einer hochangesehenen Familie, die zahlreiche Männer des Wissens und der Bildung geliefert hat. Geboren im Jahre 1838 in Sehagory (Gouv. Kovvno), besuchte er bis zum 10. Lebensjahre den Cheder, kam dann auf die Schule in Mitau und absolvierte das Gymnasium in der Residenz der damaligen russisch-jüdischen Intellektuellen, in Wilna. Als sechzehnjähriger. Jüngling an der medizinischen Fakultät der Universität Dorpat immatrikuliert, beendete er 1860 seine Studien in Charkow. Später ging er nach Berlin, wo er unter Gräfe und Virehow weiterstudierte, und begab sich dann nach Heidelberg, wo er unter unmittelbarer Leitung des von ihm verehrten Helmholtz .seine erste grosse Untersuchung ausarbeitete. Von dort aus führte ihn sein Forschungstrieb nach Wiesbaden, wo er an der dortigen Augenklinik als Assistent anderthalb Jahre arbeitete. So aufs glänzendste vorbereitet, liess er sich in Kiew nieder, erwarb einen ungeheuren Patienten kreis und wurde Dozent an der Universität Eine Professur wurde ihm trotz aller Anerkennung wegen seines Judentums versagt, aber das jüdische Volk, das ihn ebenso als Arzt wie als frage zurück, zur Idee einer Regenerierung des jüdischen Volkstums durch ein neues konzentriertes Massenleben. Noch die letzten Gespräche, die ich vor seinem Tode, unmittelbar nach der stärksten Krise seiner Krankheit, mit ihm führen durfte, bewiesen aufs deutlichste, welch grosses Interesse der Verstorbene für die Entwicklung des nationaljüdischen Gedankens hatte. Max Mandelstamm war nach jeder Richtung hin eine reiche Natur, bis zum letzten Atemzug kraftstrotzend, arbeits- und lebensfroh und pflichtbewusst. In ihm kam eine ungewöhnliche Mischung von den Vorfahren ererbten jüdischen Geistes, wundersamer jüdisch-historischer Stimmungen und allgemeiner Kulturideale zum Ausdruck. In jeder seiner Aeusserungen spürte man die philosophische Durchbildung, sah man die Einflüsse von Spinoza und Kant, von Goethe und Heine, von Beethoven und Mozart, empfand man einen Hauch der* alttestamentlichen Welt und vernahm man ein Echo des grossen Judenleids, und die Liebe zur Menschlichkeit erkannte man auch dann, wenn diese berückende patriarchalische Figur, vom Temperament hingerissen, selbst in die Sprache stärkster Intoleranz verfiel. Welch edler und hoher Sinn sprach doch stets aus ihm! In seiner Gegenwart fühlte man sich immer in eine hehre AYelt versetzt und fast feierlich gestimmt. Denn er war selbst ein Stück russisch-jüdischer Geschichte, eine Persönlichkeit, wie sie deren das russische Judentum, nur wenig«? besessen hat. * Memchen bewunderte, liess es sich nicht nehmen, ihn immer von neuem als Professor zu bezeichnen. In Kiew trat er auch baldals Philanthrop und Kulturträger hervor, er organisierte die Hilfe für die Opfer der Pogrome von 1881 und trat mit grossem Selbstbewusstsein in der Kiewer Gouvernementskommission zur Diskutierung und Beantwortung der bekannten Ignatiewschen Fragen hinsichtlich der Juden hervor. Auch wahrend der jüngsten Pogromepoche hat er am Hilfs- 1 Averk einen starken Anteil genommen und seine Auffassung der Pogromsituation auf der Brüsseler Konferenz von 1906 kundgetan. Als Kulturträger war er viele Jahre in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kiewer Filiale der Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden tätig. Den Chowewe-Zion schloss er sich 1881, den politischen Zionisten 1897, den Territorialistcn 1905 an. Die Arbeit war seine zweite Natur. Während seiner letzten Krankheit quälte ihn nichts so sehr, als der erzwungene „Müssiggang", und er starb mitten in der Arbeit, bei den Vorbereitungen zur Herausgabe der zweiten Auflage seines fünfbändigen wissenschaftlichen Werkes zur Augenheilkunde, am Montag, den 18. März 1912. ZWEI CHA Wohl kaum noch einmal in der gesamten Volkslied - Literatur werden wir einem Parallelfalle begegnen, in dem ein und derselbe Text von zwei heimlichen Komponisten eine so augenfällig entgegengesetzte Auslegung sich hätte gefallen lassen müssen. Der berühmte, fast internationale. Inhalt des Chad - Gadjo - Liedes liegt uns hier in zwei Fassungen vor. Die erste hab ich vor etwa zehn Jahren in einer hiesigen, aus Hamburg stammenden Familie gehört, die zweite sangen wir in meinem Elternhause in Wilna. Wie die ewige, restlose Vergeltung, der alle fleischliehe und himmlische Kreatur unterliegt, ebenso )-GADJO'S. schwermütig wie vermessen-optimistisch ausgelegt werden kann, wie der Ssederabend, der Eigenart der in Frage kommenden Judenschaft entsprechend, heiter oder ernst beschlossen wird, davon mag sich jeder am Klavier überzeugen. Die getragene Melodie darf als eine der wunderbarsten angesprochen werden, die jemals vom Volke komponiert worden ist; der mehr würdige, ja mystische als elegische Ton ist von unendlich künstlerischem wie gemütlichem Reiz. Die lustige, die einem „Kosak" gleicht, strotzt von Uebermut. Ich habe für jedes Stück einen solchen Vers gewählt, in dem die ganze Weise ununterbrochen und formell einwandfrei vernommen wird. A. N.

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