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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Max Mandelstamm
Date
1912-04-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 2)
Language
German
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375 Max Mandelstamm. 376 den innersten Kern seines Wesens ausmachte. Denn er liebte die jüdische Eigenheit, den jüdischen Geist, das jüdische Volk und das jüdische Volkstum, nicht nur das abstrakte, mystische, sondern selbst das reale, verzerrte Volkstum der Gegenwart. Er, der wie selten jemand die Gebrechen des Ghettos kannte und stets die Degenerierung des Judentums fürchtete, er bewunderte zugleich das! jüdische Ghettoleben, er suchte dort den jüdischen Intellekt und berauschte sich an der jüdischen Elastizität. Die historischen Erzeugnisse des jüdischen Geistes waren ihm nur in ihrer Allgemeinheit, nicht in ihrer Differenzierung bekannt geworden, aber nicht nur verehrte er die erste grosse und einheitliche Vergangenheit d es b ib 1 isc h en J u d en - tu ms, sondern er labt e sich an jedem weiteren Bruchstück jüdischer Schöpf ungskraft, das ihm zu Bewusstsein kam, und seine Ideologie umfasste und verallgemeinerte ebenso die Begeisterung für den höhen ethischen Gehalt des 'unsterblichen Prophet enturns t wie den geringsten jüdischen Ghettowitz, über den er Tränen lachen konnte. Was er für das jüdische Volk als Organismus fühlte, wurde täglich durch das Leben gekräftigt. Endlose Szenen des Elends spielten sich unausgesetzt vor ihm. ab. Die Stadt, in der er lebte, Kiew, spiegelt von jeher die äussersten Anomalien des Judendaseins wieder. Hier tritt das Judenproblem in allen seinen Nuancen hervor, hier kann der aufmerksame Beobachter auch ohne spezielle Studien sich davon überzeugen, was die ungehemmte jüdische Kraft vermöchte und wozu sie durch alle raffinierten Unterjochungskünste degradiert wird. Das eigene Schicksal war für Max Mandelstamm nur eine Illustration zur Judenfrage, jeder Tag brachte ihm ins Haus andere Illustrationen und liess ihn wiederholt den Katastrophencharakter der jüdischen Geschichte erschauen. Denn Kiew ist stets eiii Blatt jüdischer Geschichte, ein trübes, aber ein lehrreiches ... So entstand für Max Mandelstamm aus Liebe und Schmerzen eine bestimmte Erkenntnis, er wurde zum flammenden Anhänger der Befreiung, der Rettung der jüdischen Volksmassen durch Konzentrierimg in einem Lande, das ihnen zueigen wäre. Der Entwürdigung und der Not' gegenüber, deren Augen- Max Mandelstamm. zeuge er fortwährend war, kannte er nur eine Antwort — den Territorialismus, der sich für ihn bald mit dem Zionismus deckte, bald diesen im Stiche liess. Ueber dreissig Jahre hindurch hat er diesem Gedankengang gehuldigt, und so war er einer der ersten bei der Entstehung der Chowewe-Zion-Bewegung, wie später einer der Führer zur Zeit der Organisierung des politischen Zionismus. Was er von seinen innerjüdischen Erlebnissen bei den grossen zionistischen Kundgebungen, am zweiten und am vierten Zionistenkongress, in programmatischen Reden der breiten Oeffentlichkeit mitteilte, bewies, wie tief er sein Volk nicht nur liohtn, sondern auch erfasste. Es waren Reden von seltener redn er isc h er Sc h w u ngk ra f t, ebenso schön wie geistreich, erfüllt vom höchsten Streben nach Wahrhaftigkeit und getragen - \ . \on übersprudelnder Be- _ geisterung. War es doch die Begeisterung, die ihn noch im hohen Alter in die Volksversammlungen trieb und ihn selbst von Privaten zu Privaten gehen liess, um Gelder für zionistische Zwecke zu sammeln, die Begeisterung war es, die ihn, den Denker und Träumer, zu einem der aktivsten Begründer de; Jüdischen Kolonialbank machte. Allerdings war hier noch ein ganz anderer Faktor hinzugekommen. Er hatte einen Menschen gefunden, dei für ihn — und nicht nur für ihn — bereits der regenerierten Judentypu^ darstellte, einen Menschen, den er über all» Massen liebte und an den er blindlings glaubte. Herzl war für ihn nicht nur, wie für die meisten Zionisten. das grösste Erlebnis^auf dem Wege zu ihrem Ideal, sondern auch die Lösung des Problems, das Wunder selbst. Es ist bekannt, wie sehr er Herzl geliebt und verehrt hat,-es ist aber weniger bekannt, wie glücklieb ihn Herzl gemacht hat. Dass es ihm vergönnt war. noch am Abend seines Lebens einen solchen Juden zu treffen und mit ihm Jahre hindurch in Einklang und Harmonie gemeinsam zu wirken, war für ihn di< schönste Genugtuung für alle Enttäuschungen. Denn immer wieder fühlte er sieh auch bei der Verwirklichung des zionistischen Ideals enttäuscht. Weder hatten sich die mächtigsten Faktoren des Judentums dem Zionismus angeschlossen, noch waren die politischen Hindernisse abgeschafft. Mandelstamm aber war ein Mann' von überschäumendem Temperament, sein Herz verlangte von ihm gebieterisch, dass eine Ant-

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