Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Der jüdische Adel in England
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584024-2600863--12973-2600961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
373 Der jüdische Adel in England. 374 Wappen des Sir Adolph Tuck. interessiert, ist in der Gesellschaft unmöglich. Nun können sich die jüdischen Adeligen in England doch nicht für die christliche Kirche und für die christliche Philanthropie interessieren. (Eben, da ich diese Zeilen schliesse, £reht mir die Nachricht zu, dass der jüngst verstorbene Lord Wandsworth, ein jüdischer Nobel, die Riesensumme von 20 Millionen Mark einem zu gründenden interkonfessionellen Waisenhaus, das den Namen vermacht hat. Lord Wandsworth fahren soll Wandsworth war der erste Peer dieses Namens. Da er kinderlos war, erlischt mit ihm der Adelstitel. Der verstorbene Lord war früher Herr S. J. Stern und tat sich als liberaler Politiker und Mitglied des Unterhanses hervor. Im Jahre 1895 ist er zum Lord Wandsworth kreirt worden. Von den vielen Legaten, die er in seinem Testament vorgesehen hat, erhält auch das Londoner jüdische Altersheim 100 000 Mark. Er war Gründer und Präsident dieser Institution. Die jüdische Gesellschaft Londons hatte den alten Lord Wandsworth, der ein Sonderling war, vernachlässigt, und wie es heißt, soll er als Protest gegen diese schlechte Behandlung sein Geld interkonfessionellen Institutionen hinterlassen haben. Er hinterlässfc offiziell 31 Millionen Mark.) Siesind Wappen des Baron Michelham. Wappen des Sir E. L. Samuel. also gezwungen, sich jüdisch zu betätigen. Als Führer des „auserwählten Volke*" gemessen sie auch Ansehen und hohe Achtung bei den Engländern, und diese Achtung trägt zweifelsohne zur Befestigung ihrer Position bei und lässt manchen Engländer vergessen, dass sie zum grössten Teil deutschen Ursprungs sind. Der iüdische Adel in England, der viele Licht- und Schattenseiten hat, wird noch mehr Relief und Stil bekommen, sobald der Gäi ungsprozess in der englischen Judenheit aufhören und der Kristallisationsprozess beginnen wird. MAX MANDELSTAMM. Nachdruck verboten. Von Leo Max Mandelstamm gehörte zu jener Sorte von Menschen, die über die Welt nur sehr knapp verteilt *ind. Dem Geiste nach ein Aristokrat, dem Herzen nach ein Demokrat, vereinigte er in seinem Wirken '■ine seltene Kombination weiser Perspektiven und impulsiver Entschlüsse. Nicht Zufall war es, dass er, 'ler berühmte Augenarzt und begeisterte Jünger und Lehrer der Wissenschaft, den Hauptteil seiner geistigen Kraft der praktischen Betätigung im Dienste des (idischen Volkes widmete. Auch war seine Neigung •ur Judenpolitik nicht etwa eine immer wiederkehrende Improvisation noch eine Folge äusserer Umstände, vie es vielfach den Anschein hatte, — so dass er selbst laran zu glauben anfing und die Entstehung seines uitionalen Gefühls auf die erste ihm nicht jüdisehcreits widerfahrene Unbill zurückführte. Wahr ist es, dass er die Bitternisse des Juden- '«>ses an seinem eigenen Leib in überreichem Masse ■rfahren hatte. Damals insbesondere, als er, ein Liebling seiner studentischen Hörerscharen und ein verkannter Gelehrter, von der medizinischen Fakultät ler Kiewer Universität dreimal zum Professor gewählt, d>er von der offiziellen Professorenvertretung jedesiial ob seines Judentums zurückgewiesen wurde. Stolz verliess er damals die Stätte, an der er jahrelang .mit jugendlicher Hingebung doziert, an der er als Leiter der Augenklinik bereits einen weiten-Ruf Motz kin. erlangt hatte, und er schuf sieh als Privatarzt ein eigenes wissenschaftliches Territorium, das in erster Reihe den Armen und Aermsten helfen sollte; Dezennien hindurch sind dann zu ihm Tausende, ja Zehntausende aus dem ganzen Ansiedlungsgehiet gepilgert, um durch seine Kunst das Augenlicht zu retten oder wiederzuerlangen. im Laufe der Zeit war es schliesslich eine ganze Armee, die sich zu Dank verpflichtet fühlte. So hatte er trotz seiner Abschliessung von den staatlichen Wissensinstituten auf seinem beruflichen Gebiet eine Fülle von Triumphen zu verzeichnen, und was er an Erfahrungen gesammelt, bat er in einem grossen Lehrbuch den weitesten Kreisen übermittelt. Nun empfand er wohl die Brutalität, mit der kleinliche Judenhasser und bureaukratische Kreaturen seine Leistungsfähigkeit zu hemmen gesucht hatten, zeitlebens tief schmerzlich, aber nicht das war der massgebende Antrieb zu seiner Begeisterung für sein Volk. Sein Tun resultierte nicht aus Verärgerung, sondern aus Liebe. Bei der grenzenlosen Popularität, deren er sich erfreute, und der Achtung, die ihm überall entgegengebracht wurde, war auch jedes Gefühl der Verärgerung ausgeschlossen. Er konnte und durfte mit seinem beruflichen Lebenswerk zufrieden sein. Was ihn zur JucJenpolitik trieb, war Jene jüdische Empfindung, die, wohl-ein Erbevieler Generationen,