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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 371 - 372

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Der jüdische Adel in England
Date
1912-04-01
Page
Seite 371 - 372 (sequence 4)
Language
German
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371 Der jüdische Adel in England. •372 Schilds Judenpolitik öffentlich — in Rothschilds Gegenwart — demonstrieit. Politisch vertritt Rothschild die jüdischen Konservativen und Swaythling die Liberalen, in religiöser Beziehung ist das Gegenteil der Fall. Lord Rothschild hat eine merkwürdige politische und religiöse Wandlung durchgemacht. Sein Vater sprach oft von der „Jewish Nation*4 und bezeichnete die Emanzipation der Juden in England als „victory of the Jewish Nation". Davon will der Lord schon seit langer Zeit nichts mehr wissen. Einst eine Stütze der Liberalen, ist er heute ein Wortführer der Tories. Wer die Dinge in England in den letzten Jahren mit offenem Auge. verfolgt, wird zugehen, dass Rothschild durch seine Abschwenkung nach rechts weder bei Christen noch bei Juden an Popularität gewonnen hat. Natürlich ist er trotz aller „Konkurrenz'• noch immer der jüdische Lord. Die Juden in Whitechapel haben noch immer kein besseres Gesprächsthema als Rothschild und sein Vermögen. So kam es neulich zwischen zwei jüdischen Anarchisten in einem Whitechapel er Restaurant zu einer Keilerei, weil der eine Anarchist es gewagt hatte, Rothschilds Vermögen mit nur zehn Milliarden Pld. Sterling einzuschätzen. Das empfand der andere Genosse als Kränkung seiner nationalen Ehre. Rothschild, meinte er, sei noch immer reicher als alle amerikanischen Milliardäre zusammengenommen. . . . . Wenn ein gelber, dicker Nebel über Whitechapel hängt und die Bewohner des Ghettos sich nicht draussen bewegen können, sitzen sie in ihren Stübchen an den Kaminen und unterhalten sich gemütlich über Rothschilds Vermögen. . . . Jahre lang war der Lord gewöhnt, das Mincbagebet amJomKippur in der jüdischen „freien Volksschule" in Whitechapel zu verrichten — also in Gemeinschaft mit den armen Whitechapeler Juden — bis ihm eines Tages zu Ohren kam, dass ihm die Anarchisten nach dem Leben trachten. Seit jener Zeit steht er den ganzen Jörn Kippur unbeweglich auf seinem Standort in der in der Gity gelegenen Dukes-place-Synagogue. Obwohl seine Tochter den Lord Rosebery heiratete, hat sie sich nicht nur nicht getauft, sondern sogar ihren Kindern eine Liebe zum Judentum beigebracht, die Zeugnis von ihrem eigenen jüdischen Patriotismus ablegt. Als vor Jahresfrist ein Abgeordneter im House öf Commons, Mr. Belloc, über die Juden herfiel, stand der Sohn Lord Roseberys und der Enkel Lord Rothschilds, Mr. Nihil Primrose auf und verteidigte die Juden, indem er sich mit ihnen identifizierte und „von uns Juden4* spiach. Von den andern 16 jüdischen Mitgliedern des Hauses hielt es niemand für cot wendig, Mr. Belloc zu anworten. Die Kinder Lord i Roseberys interessieren sich für alle jüdische Fragen und tun mehr für uns, als wir wissen. Eine Enkelin von Lord Rothschild ist die jetzige Marchinous of Crew. Marquis of Crew, der Minister für Indien im Asquith-Ministerium und Vertreter der Regierung im House of Lords ist ein Schwiegersohn Lord Roseberys. Das Haus Swaythling hat zwei Mitglieder in der jetzigen Regierung, den hon. Montague als Unterstaatssekretär für Indien, der ein Bruder des jungen Lord Swaythling ist und Mr. Samuel, den Postminister, des jetzigen Lord Swaythlings Vetter. Die Namen beider jüdischen Kabinettsmitglieder haben einen sehr guten Klang und werden selbst von den gegnerischen Tories geschätzt. Ein drittes jüdisches Kabinettsmitglied ist Sir Rufus Isaaks, dem vor kurzem der persönliche Adel verliehen wurde. Er gilt als der beste Rechtsanwalt im Lände und leitet das Justizministerium, Jeder jüdische Adelige in England betrachtet es quasi als seine Pflicht, sich auf irgend einem Gebiete des sozialen und religiösen Lebens als Vorsteher hervorzutun. Lord Rothschild z. B. patronisiert die Kehila- Politik, Lord Swaythling patronisiert die Orthodoxie, Sir Francis Montefiore das jüdische Theater im East- End und den Zionismus (er ist Ehrenpräsident der English Zionist - Federation), Sir Isidore Spielmann nimmt sich junger jüdischer Künstler an, der Baronet Sir Adolph Tuck patronisiert die jüdische Theologie, Sir Rufus Isaak die jüdischen bildenden Künstler usw. Die jüdischen Adeligen sephardischen Ursprungs? wie die beiden Sassoons und Montefiore, erfreuen sich obgleich sie keine Peers sind, in christlichen Kreisen eines grösseren Ansehens als ihre askenasischen Kollegen. Sir Francis Montefiore z. B. ist mit dem höchsten Adel des Landes innig liiert und wird von den feudalsten Tories als ebenbürtig angesehen. Obgleich zionistischer Parteigänger und ausgesprochener Nationaljude, ist er wie kein anderer seiner Kollegen a very english noble. Sein stolzes Bekenntnis zum Judentum hat seinem Ansehen in den hohen aristokratischen Kreisen keinen Abbruch getan. Keiner von den jüdischen Adeligen in England ist so oft in Whitechapel wie Sir Francis Montefiore. Man findet ihn fast auf allen jüdischen Massen-Meetings. Wenn Rothschild der populärste jüdische Adelige ist, so ist Sir Francis Montefiore wohl der angesehenste, und in der hohen Gesellschaft der einflussreichste jüdische Adelige des Landes. Er ist Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle und man merkt es ihm an, dass er kein Parvenü ist. . . . Als vor kurzem ein Mitglied der Familie Montefiore in einer öffentlichen politischen Versammlung wegen seines Judentums angegriffen wurde, beeilte sich der Vorsitzende der Versammlung zu erklären: „Jeder Engländer muss einen Montefiore ebenso als englischen Edelmann betrachten und voll nehmen, wie einen Northumberland oder Salisbury" . . . Jeder gebildete Engländer weiss, dass die Montefiores keine Emporkömmlinge sind, sondern eine alte grosse Familie mit grossen Traditionen. Die jüdischen Adeligen in England, die zum grössten Teil konservativ sind, bewegen sich in Toiy- Kreisen. Die Tories sind bibelfest und Verehrer des alten Testaments. Sie übertragen ihre Verehrung des Judentums oft auf den jüdischen Edelmann. . . Es gibt in England noch heute eine grosse Anzahl altenglischer Adelsfamilien, die jeden Juden, der ihnen zu Gesichte kommt, mit geradezu schwärmerischer Liebe umgeben. Oft erhebt sich die ganze Gesellschaft, wenn ein Jude eintritt — aus Ehrfurcht vor seinem Judentum. „He is the son of the chosen people", heisst es dann. In solchen Kreisen verkehren aber zumeist nur adelige, reiche Juden. Trotz des lebhaften Interesses des jüdischen Adels in England für alle Fragen des Judentums, vermochte er nicht der englischen Judenheit eine Gestalt zu geben weil die Mehrheit, osteuropäische arme Juden, dem aristokratischen sozialen Feudalismus fremd und ablehnend gegenübersteht. Die jüdischen Adeligen sind religiös und sozial anglisiert und die osteuropäischen Juden verbissene Demokraten. Aber ohne die nominelle Führerschaft der englischen jüdischen Adeligen in Hinsicht auf die englische Judenheit würden sie bei weitem nicht die Achtung in der englischen Gesellschaft gemessen, die sie jetzt geniessen. Ein Adeliger in England, der sich nicht für Kirche, Hospitäler, Politik und Kunst

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