Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Ein Katalog
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584024-2600858--12956-2600954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
360 EIN KA' „Auch Bücher haben* ihre Schicksale*'. Ungesucht fällt dieses Wort von unseren Lipper, ungewollt löst es sich aus unserm Empfinden, wenn wir einer Büchersammlung gegenüber treten. Wie viel Begabung musste geweckt und genährt, wie viel Widerstand besiegt, wie viel Hingebung aufgebracht werden, um solch ein Buch zustande zu bringen, das erst wieder der. willigen Liebe bedarf, um zu seiner vollen Wertung zu gelangen. Wie ist es der zur Materie gewordene Ausdruck innerer und äusserer Erlebnisse, und wie oft ist es das Feiment zu neuen Gestaltungen» im Leben einzelner und vieler! Wie viele persönliche Erfahrungen haften au demselben, und wie sehr mutet uns "zuweilen"der "Weg an, den es seit seinem Insleben-treten von Hand zu Hand genommen, anregender und instruktiver vielleicht, als es das Buch an sich wohl sein mag. Mit Recht haben von jeher die Machthaber, Gegenströmungen befürchtend, von einer Handvoll bedruckter Blätter mehr Unheil erwartet als von der lebendigsten mündlichen Rede; und der Flammentod, zu welchem man die papiernen Unheilstifter verdammte, beweist, dass man dem Superlative der Gefährlichkeit nur mit dem Höchstausmasse von Unschädlichmachung begegnen zu können glaubte. Wie viele hebräische und jüdische Bücher sind aus solchen Motiven vernichtet worden; wie mussten sie geborgen und gehegt, als teuerstes Vermächtnis in den Familien gehütet und weiter gegeben werden, um der Verfolgung und. Vertilgung entgehen zu können. Wie bi'deten sie gar oft das einzige Gut, die gesamte bewegliche Habe, welche der ausgetriebene Besitzer mit sich führen konnte und durfte, wie mannigfach und wechselvoll mochten ihre Schicksale gewesen sein! Nicht zuletzt dürften es solche Erwägungen gewesen sein, welche dem in der Bekundung von Pietät so wohlbewanderten Judenvolke auch die Pflege des Bücherbesitzes zur pietätvollen Pflicht machten. Wie sorgfältig wurden lädierte oder schadhaft gewordene Exemplare, — oft mit mehr gutem Willen als Sachkenntnis, — geflickt, ergänzt und neu gebunden, und niemals durfte ein mit der Heiligen Schrift geschmücktes Blatt leichtsinnig oder mutwillig zerrissen werden. Befand sich doch in jeder Gemeinde ein kleiner freistehender Pavillon, das Schemoth-Häuschen, bestimmt, die ganz brüchig und unbrauchbar gewordenen Bücher, etwa die zerlesenen Chumisch-Exemplare der Schuljugend, aufzunehmen, um noch die Ruinen von Büchern vor profaner Behandlung zu bewahren. Auch in älterer Zeit bestand schon diese Uebung, wofür die in Alexandria befindliche Genizah, eine Anhäufung alter hebräischer und aramäischer Manuskripte, welche noch der wissenschaftlichen Hebung und Ausbeutung harren, Zeugnis ablegt. Die Wertschätzung alter Bücher, früher Druckwerke und altersbrüchiger Manuskripte, ist, seitdem man den kulturhistorischen Wert solcher Dokumente herauszufinden vermag, in der Kulturwelt allgemein geworden. Wollen wir auch nicht, unbescheiden, behaupten, man habe dieselbe bei uns gelernt, so dürfen wir dennoch für uns die Priorität der Erkenntnis des Wertes alter Bücher-• *) Katalog der S a1o-C oh n' sehen Schenkungen an die Bibliothek der Wiener Kultusgemcinde, von Dr. B. Wachstein, Gilhofer und Banschburg, Wien 1912. (\LOCj. ) Nachdruck verboten. schätze in Anspruch nehmen; wir haben-dieselbe zumindest nicht erst zu lernen gebraucht. Und clabs sie auch in jenen Teilen des jüdischen Volkes gekannt und geübt wird, welchen man selbst jüdischerseits so gerne und so häufig den kulturellen Sinn abspricht, dass sie selbst bei den chassidischen Rabbinen und Gläubigen heimisch ist, das spricht aus der hier vorliegenden Publikation, in welche wir ein wenig Einblick nehmen wollen. Rabbi Nachum Beer Friedmann in Sadagora gehörte dem Haushaltendes Wunderrabbi R. Jakob ben Israel, der Ruzyner genannt, als dessen Schwiegersohn an. Ausserdem genoss er als Urenkel dritter Generation nach jenem Rabbi Beer aus Meseritsch, der den Chassidismus zuerst in ein System gebracht hatte, bei den tief sensitiven Anhängern seiner Sekte ein auf Tradition gegründetes Ansehen. Allein auch persönlich scheint er zu jenen zwingenden Individualitäten gehört zu haben, welche man liebt um ihrer selbst willen, denen gegenüber man jede Berechnung aus dem Spiele lässt. „Als Privatmann am Hofe in Sadagora lebend", wie der Verfasser im Vorworte sagt, dürfte R. Nachum Beer auf das Leben und Treiben daselbst wenig oder gar keinen Einfluss geübt haben. Sein Lebenswerk galt der Anlage und dem Ausbaue einerhebräischen Bibliothek, welche als ein ungeteiltes Ganzes wohl an Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit nur von der Baron Günzburg'schen Bibliothek, doch von keinem anderen Privatbesitze übertroffen worden sein dürfte. Jung an Jahren verstorben, hatte der Rabbi nur 20 Jahre lang seinen Sammlerfleiss betätigen können. Dennoch, bildet die hier katalogisierte Bibliothek mit mehr als 900 Bänden kaum den vierten Teil des von dem Rabbi angehäuften ßücherschatzes. Dieses Viertel wurde von dem Kustos der Wiener Kultu*gemeinde - Bibliothek, Dr. B. Wachstein, einem Historiker von erstaunlicher Personalkenntnis der Autoren und Rabbinen vom Beginn der .Neuzeit ab, mit kritischer Distinktion ausgewählt, von dem Mitglied des Kultusvorstandes Herrn Salo Cohn angekauft und als dessen Schenkung dem Bücherstande der Kultusgemeindc- Bibliothek einverleibt, und die letztere somit in die vorderste Reihe hebräischer öffentlicher Bibliotheken vorgeschoben. Dieser Schenkung ging im Jahre 1899 die von demselben Mäzen angekaufte Halberfctamm-Bibliothek voran, auf welche Dr. Güdemann aufmerksam gemacht hatte. Herr Salo Cohn benannte diese erste Schenkung nach dem Namen seines Vaters Baruch-Cohn-Bibliothek, eine Nomenklatur, welche spätem Geschichtsschreibern als Wegweiser dienen mag. Der Stolz jedes Büchersammlers, Wiegendrucke und Inkunabeln, ist auch hier in seltenen Exemplaren vertreten. Eindrucksvoller jedoch als solch ein ganzes Bücherkonglomerat ist jedes einzelne Bändchen, das zuweilen nach seinem Alter, seinem Autor, seinem Druckorte und dem Weg, den es von Hand zu Hand gemacht hat, wahrlich „Bände sprechen" mag. Der Verfasser des Kataloges hat jedes einzelne dieser Bücher zum Gegenstande eines eingehenden Studiums gemacht. Und in der Tat dürfte ja bei vielen der älteren Druckwerke das seinerzeit Zufällige und Nebensächliche zu dem heute erst Interessanten und Beachtenswerten geworden sein. Der gelehrte Inhalt so manchen Werkes ist ja gewiss von späteren Autoren wiederholt, berichtigt