Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Reb Schmuel und Reb Awrohom auf Wache
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 339 - 340 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584024-2600853--12937-2600944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
339 340 REB SCHMUEL UND REB AWROHOM AUF WACHE. Erinnerungen aus den Jahren 1813 und 1814. Von Siegfried Mehring (Breslau 1815—1865). Nachdruck verboten. Vorbemerkung. Nach zwei Richtungen dürfte diese Humoreske aus dem Nachlass meines Vaters über den dichterischen Wert hinaus' Interesse 'erwecken:* kulturhistorisch'und sprachlich. ' Die Begebenheit spielt sich in Breslau zur Zeit der Befreiungskriege ab und zeigt den Anfang des von Scharnhorst eingeführten Volksheeres in -Preussen. Zum ersten Male wurden die Juden aus dem Ghetto geholt, um als preussische Untertanen Heeresfolge zu leisten.. Man steckte sie zunächst in eine ganz aus Juden gebildete Kompagnie und Hess die älteren Jahrgänge. an der Bewachung der Heimatstädte teilnehmen.. Dass ein jahrhundertelang zum Kleinhandel gezwungenes Volk nicht plötzlich alle Tugenden des freien Mannes, namentlich persönlichen Mnt, an den Tag legen konnte, ist erklärlich. Die Uebertreibungen in der Charakterzeichnung der hasenfüssigen und undisziplinierten Juden gehören selbstverständlich zum Recht des Humoristen. Die Sittenschilderung ist durchaus treu und wirkt daher auch überzeugend echt. Der Jargon ist mit feinem Ohr dem jüdischen Volksmunde abgelauscht und soll die Form vergegenwärtigenr die bei den schlesischen Juden des vorigen Jahrhunderts gebräuchlich war. So kann die Humoreske als eines der seltensten Sprachdenkmäler einer Volksklasse gelten, die durch ihren talmudisch geschulten Witz nicht ohne Einfluss auf die geistige Entwicklung Preusscns blieb. Es genügt hier der Hinweis, dass aus der Volksschicht, in der jene Sprache verbreitet war, Männer hervorgingen, die zu den höchsten Würden im Staate gelangten. Der Niederschrift fehlt freilich das Wichtigste: der Tonfall. Das an die synagogalen Gesänge erinnernde Jüdeln, diese von gedankenlosen^ Schulmeistern .verspottete, psychologisch aber höchst beachtenswerte Ausdrucksweise der Ghettojuden, steht ebenso hoch über dem farblosen Niveau unserer alltäglichen Verkehrssprache, wie die ebenfalls als lächerlich geltende jüdische Geste über der hölzernen Teilnahmlosigkeit unserer Gliedmassen bei den modernen Salongesprächen. Erst die jüdische Klangfarbe gibt der Humoreske die Wärme und die Wirkung, wie sie durch den Vortrag des Verfassers seiner Zeit unzählige Male erprobt wurde. Sigmar Mehring* Die jüdische Bürgerwehr von 1813/14 oder Reb Schmuel und Reb Awrohom auf Wache. Humoreske aus der Breslauer „Franzosenzeit" von Siegfried Mehring. nischt. Mer kennen obber in de Luft fliegen, und dos is nischt mäglichl Schmuel: Worum? Awrohom: Weil der Pulvertorm ganz massiv gebaut is. Und nochher weiss ich aach, was ich mach*,, wenn der Torrn in de Luft fliegt. Schmuel: Nu, was möchst de machen? Awrohom: Hest e Kasche! Ich laaf fort! Nu naa — ich wer1 do bleiben! Schmuel: Nu — do möchst de schein ankommen. Host de gehört die Kriegsartikel, wos der Kommandant hat uns alle vorgeleint? Do heisst es nach Paragraph Eins: wer sich vun sein Posten entfernt, soll me erschiessen. Awrohom: Hoste gehört! Du bist e Schaute. Wer' ich denn den Kommandanten soogen, das ich bin, vum Posten e weggeloffen? Ich wer' soogen: der Pulver - torm is im ganzen in de Luft gegangenun ich hob7 mich nich e weggeriehrt vum Schilderhaus. Schmuel: E gutter Einfall. Gott soll norr geben,, me soll e'm nit brauchen^ (Man hört 7 schlagen.) Awrohom : Reb Schmu«l, wos soll mer die Naarischkeit. Es schloogt sieben, un der Feldwebel is pünktlich. Lossen mer lieber geihn ufn Posten. Schmuel: Ich bin zufrieden. Ich wer7 mer norr meine Tabakstuse haulen. (Beide begeben sich auf ihre Posten am Hatzfeldschen Palais auf der Albrecht- Strasse.) Der Feldwebel liest die Namen der Abteilung vor: Wolf Blooser (— hier!) Löbel, Wergelholz (— hier!) Feibel Salzmest (— hier!) Modehe Mazzesbäcker (r— hier!) Moses Kälbele (— hier!) Schmuel Maad (— hier!) Ahron Kühnstock (— hier!) Zender Rothkopp (— hier!) Jokef Zupper (— hier!) Joseph Fläumele .... (eine Stimme: „is nit hier! Seine Frau not e Jüngelche gehat,.muss er daheim kochen".) Feldwebel: Dann soll er schriftlich um die Erlaubnis beim Kapitain einkommen. Die Stimme: Er konn obber nischt schreiben, wie soll er do schriftlich einkommen! ^Feldwebel (liest weiter): Awrohom Grief (— hier!) Salomon Trenderle (— hier!) Löser Pappelmacher (— hier!). Schmuel Maad und Awrohom Grief müssen heut abend auf Wache. (Alle gehen, fort, bis auf die beiden, die sich gegenseitig ganz bestürzt ansehen.) Feldwebel: Ihr habt euch pünktlich um 7 Uhr einzufinden. (Er geht ab.) , Reb Schmuel (zu Reb Awrohom): Also heute obend sennen mer, zusammen, kommandiert als Wache! Awrohom: Jau! Schmuel: Un es is nur gut, dass mir nit steihn müssen beim Pulvertorm. Awrohom: Worum! Schmuel:- Worum? Weil mer kennen leicht mit den Torrn in die Luft geih'n. Awrohom: In de Lu!t geih'n kennen mir evadle