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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 335 - 336

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
A. M. und Constantin Brunner
Date
1912-04-01
Page
Seite 335 - 336 (sequence 2)
Language
German
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335 Maitin Buber: A. M. und Constantin Brunner. 336 gleichen Zeitabschnitt immer wieder dargelegt und begründet habe, so fern und fremd ist es mir, das Judentum als „das geistige Element in der heutigen Menschheit" anzusehen (eine Ueberheblichkeit, die ich übrigens bemerkenswerterweise in .Brunners Buch nirgends ausgesprochen finde). 2. Keine Ahnung von dem Menschen, über den er schrieb. Denn er weiss nicht, dass ich von den Gedanken, in denen er Plagiate wittert, die wesentlichsten schon in den Jahren 1902—1905 mündlich (worüber Stenogramme bestehen) und schriftlich (zum Teil in Druckschriften1), zum Teil unter meinen Freunden abschriftlich verbreitet) ausgesprochen habe. Er könnte sich demgegenüber immerhin auf die abweichende Formulierung der „"Reden" berufen. Aber diese Formulierung ist ausnahmslos einer grösseren Arbeit über das Judentum entnommen, von der die in Betracht kommenden Teile2) bereits, wie die mit ihnen vertrauten Freunde bezeugen können, vorlagen, ehe Brunners Buch (1908) erschien. Ich habe hernach manchmal bedauert, dass ich diese Bruchstücke damals dem oder jenem mitgeteilt habe; jetzt habe ich immerhin den Nutzen davon, mich nicht auf den Glauben berufen zu müssen, den mein eigenes Wort fordern darf. 3. Keine Ahnung von der Sprache des Gedankens und ihren Unterschieden. Denn sonst hätte er das, was ich „das absolute Leben eines Volkes" nenne, nicht wohl mit dem verwechseln und zusammenwerfen können, was Brunner „das absc" lute Denken" nennt. Was ich meine und so genannt habe, ehe ich Brunners Buch kannte, hat mit dem, was er meint, kaum mehr als das Adjektiv gemeinsam. Ich stehe der Brunnerschen Lehre von den Geistigen und vom Volke, unbeschadet meiner Schätzung der Persönlichkeit ihres Urhebers, in den wichtigsten Punkten ablehnend gegenüber, am entschiedensten in dem Punkt, auf den sich der Apostel beruft. Ich halte die Scheidung des Menschengeschlechts in zwei prinzipiell gesonderte Kategorien mit verschiedenartigem Denken für einen fundamentalen Irrtum, dem meine Anschauung einer polaren Dualität im einzelnen Dasein gegensätzlich fernsteht. Brunners Absolutes ist ein ■ Privilegium der „Geistigen", mein Absolutes ist die Aufgabe, die jedem Einzelnen und jeder Gemeinschaft gestellt ist. Darum konnte ich „jedes schaffenden Volkes wahres Leben" sein absolutes nennen, wie es aus Brunners Gedankengang' nie genannt wTerden könnte. D.irum konnte ich als die zu heilende Krankheit, als das zu überwindende Verhängnis des Judenvolkes bezeichnen, was aus Brmraers Gedankengang als urnotwendig und unüberwindlich angesehen *) Von „Die Schaffenden, das Volk und die Bewegung* im „Jüdischen Almanach", (1. Auflage 1902) bis zur Einleitung zu den „Geschichten des Rabbi Xachman"' {geschrieben im Dezember 1905, gedruckt im Sommer 190G). 2) Niedergeschrieben 1906 und 1907. werden müsste: „dass sein absolutes und sein relatives- Leben auseinanderfallen". Darum konnte ich' fordern,, was aus Brunners Gedankengang nie gefordert werden könnte: „dass der Kampf um die Erfüllung dasganze Volk erfasse". So verhält es sich mit dem Sinn der beiden Begriffe bei Brunner und bei mir. Und die Worte „absolut" und „relativ", das Gemeingut aller Philosophie, wird A. M. doch wohl ebensowenig wie das Wort „geistig" als unantastbares- Eigentum für seinen Meister in Anspruch nehmen wollen. — Es mag übrigens sein, dass nicht alle Terminologie meiner drei „Reden" dem gedanklich Ungebildeten unmittelbar verständlich ist; aber sie wird ihm nicht durch Brunners Buch, sondern durch die Darlegung meiner eigenen Ideen, um deren Vollendung willen ich auf die Vollendung des Buches über das Judentum vorerst verzichtet habe (vergl. das Vorwoit der „Reden"), verständlich werden. Und auch diese allgemeinen Ideen sind nicht so verhohlen geblieben, dass ich mich in der OerTentlichkeit nicht auf sie berufen dürfte, sondern mehrere Freunde, die sie seit vielen Jahren aus stundenlangen, abendlangen Mitteilungen kennen, werden mir bezeugen können, dass hier ein System vorliegt, das in seiner Problemstellung und in seiner Methode, in seinem Aufbau und in seinen Formulierungen mit dem Brunnerschen Werk gar keine Aehnlichkeit hat, dessen Ausgang, Weg und Ziel ganz und gar andere sind als die Brunners und dessen längst fixierte Prinzipien die Lektüre Brunners auch nicht um ein Haar zu verschieben, dessen längst fixierte Lehrsätze die Lektüre Brunners auch nicht um ein Jota zu verändern vermochte.3) — Handelt es sieh A. M. nicht um einen hartnäckigen, erkenntnbfremden Angriff im vermeintlichen Interesse seines Meisters, sondern verlangt es ihn ehrlich, die Wahrheit kennen zu lernen, so stehen ihm die Namen der hier und weiter oben erwähnten Personen — Namen, von denen ihm die meisten nicht ungeläufig sein dürften — zur Verfügung. —- Um übrigens A. M.7s Sucbr, Abhängigkeiten zu konstruieren, vollends ad absurdum zu führen, will ich hier einen Passus aus meinem oben erwähnten Aufsatz „Die Schaffenden, das Volk und die Bewegung" (1902) zitieren. Er lautet: „Die Schaffenden sind die heimlichen Könige des Volkes. Sie j egieren das unterirdische Schicksal des Volkes [das, was ich später — 1900 — „das absolute Leben des Volkes" nannte], von dem das äussere [das, was ich später — 1906 — „das relative Leben des Volkes" nannte] nur der sichtbare Widerschein ist Man kann sie mit einiger 3) Üm auch hier, wenn auch nur beiläufig, eine Druckschrift anzuführen, empfehle ich auf Seite 86 und 90 meiner „Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse" nachzulesen, was ich unter Einheit verstehe und was ich darunter nicht verstehe: dass ich darunter auch die (ven A. M. fälschlich für Brunner monopolisierte) „Einheit des. Geistes" nicht verstehe.

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