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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 331 - 332

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Constantin Brunner und Martin Buber
Date
1912-04-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 2)
Language
German
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331 Constantin Brunner und Martin Buber. 332 Auf fundamentalen Ideen Brunners bauen sich die Reden über das Judentum auf. Kein Philosoph hat vor Brunner die Begriffe abs o 1 u t und relativ bewusst und nachdrücklich zu den eigentlichen Trägern aller Philosophie, ja jeglicher philosophischen Betrachtung, gemacht. Durch Brunner sind diese urwichtigsten Begriffe zum ersten Maie für alle Zeiten klar ausgeprägt worden, und ihre Fruchtbarkeit erweist er, indem er seine ganze Philosophie, die ich für die Philosophie halte, aus ihnen entwickelt. Das Absolute manifestiert sich nach Brunner in der Anlage, die er Geist nennt und die nur einem Teil der Menschheit zukommt, den Geistigen. Geist ist, was über das rein Praktische, über das Denken der Lebensfürsorere (das Relative) hinausgeht und somit in die absolute Wahrheit führt. Die meisten Menschen kennen die geistige Wahrheit nicht, sind ihrer nicht fähig und beruhigen die Unruhe des praktischen, nur relativen Denkens und Lebens (das des Haltes und Grundes, ja des eigentlichen Inhaltes bedarf, da es an sich nichts ist) statt mit der Wahrheit des Geistes mit deren Gegenteil und Verkehrung: mit Aberglauben. Wie nun Brnnner die einzelnen Individuen einteilt in Geistige (die die Wahrheit des Geistes denken und leben) und Volk (die den Aberglauben, d. h. die Unwahrheit denken und leben), und wie nach seiner Auffassung der Geistigen nur sehr wenige sind im Vergleich zu der Menge der Abergläubischen, so sieht er dasselbe Verhältnis herrschen, indem er die Völker als Völker betrachtet: die Nationen, die in unsrer Kultur und Geschichte eine Rolle spielen und spielten, tragen im allgemeinen den Stempel des Ungeistigen; bis auf die Griechen und die Juden. Diese allein erkennt Brunner als geistige Völker an. „Ich nenne EMIL POTTNfiR. BERLIN, Hahn und Henne« (Majolikafigur.) geistige Völker solche Völker, die eine grosse Fülle der geistigen freien Charaktere aus sich entsandt haben, (wodurch es kommt, dass die geistigen Völker auch zugleich historische Organe der ganzen Menschheit werden und dies ewig, auch nach ihrem politischen Untergange, bleiben) und in denen auch als ganzen Völkern zu gewahren ist, wenigstens in einigen Punkten zu gewahren ist, was bei andern Völkern nicht gewahrt werden kann: eine Beziehung des Lebens auf das Ewige". .... (Die Lehre von den Geistigen und vom Volke S. 480). Die Juden sind das geistige Volk in unsrer Kultur. Von diesem Satze Brunners geht Buber aus, auf ihn gründet er seine Darlegungen — er sogar so weit, „tiefstes Menschentum" und „tiefstes Judentum" zu identifizieren, was nur Sinn hat unter der Voraussetzung, dass das jüdische Wesen das geistige Element in der heutigen Menschheit repräsentiere. Aber „geistigu, „absolut" und „relativ", diese Worte, die immerwährend aus Bubers Feder fliessen, haben ihren tiefen wie deutlichen Sinn wohl in den Zusammenhängen der „Lehre von' den Geistigen und vom Volke", die uns zeigt, inwiefern das Geistige der empirische Ausdruck (alier Ausdruck ist selbstverständlich empirisch) des Absoluten ist, wo wir die Termini aus den Begriffen herauswachsen sehen, wo nichts vereinzelt für sich steht, dass man fragen müsste: was soll das? woher kommt das? wo jedes ein notwendiges Glied darstellt in der grossen Gedankenkette, die um Welt und Denken geschlungen wird. Wenn jedoch Buber, beispielsweise, sagt: „Wenn ich von Ideen spreche, meine ich selbstverständlich nicht abstrakte Begriffe, sondern natürliche Tendenzen des Volkscharakters, die sich mit so grosser Kraft und mit so grosser Dauer äussern, dass sie einen Komplex von geistigen Werken und Werten erzeugen, welcher als das absolute Leben des Volkes angesprochen werden darf4, so ist das ausserhalb des Zusammenhanges, in den dieser Gedanke Brunoers (ein Fnndamentalgedanke!) ursprünglich gehört, nach seinem eigentlichen Sinn nicht verständlich. Und wenn es ferner bei Buber heisst: ,,In der Gegenwart kennt das jüdische Volk nur das relative Leben; es muss das absolute .... wiedergewinnen" oder, an anderer Stelle, ,,Das wahre Leben des Judentums . . . ist das, welches ich das absolute genannt habe" — ja das und viel mehr, was noch angeführt werden könnte, ist für den, der Brunner nicht kennt, unklar und finden, der ihn kennt, höchst befremdend und überdies ärgerlich. ,,Welches ich das absolute genannt habe'*! Nein wirklich, nicht Buber war es, der die Lehre vom absoluten Geiste und von der Relativität der Welt und von den geistigen und den ungeistigen Menschen und Völkern schuf, sondern Constantin Brunner; und darum hätte es sich gebührt, dass dieser Name über, in und unter den Zeilen Bubers zu lesen wäre. So hätte es sich gebührt, und so wäre zugleich Buber besser daran gewesen. Denn was jetzt bei ihm in der Luft schwebt und für die meisten nicht oder nicht recht zu fassen sein wird, hätte festen Boden gehabt, wenn es auf den Boden gestellt worden wäie, auf den es gehört. Ohne Brunner ist Buber nicht verständlich. Was Buber spricht, i s t nicht Phrase, erscheint aber häufig so, weil die Begründung im Zusammenhange fehlt, die man erst bei Brunner findet. Noch ein Beispiel: Buber redet von der „Sehnsucht, sich .... in eine absolute Einheit zu retten und zu erheben". Nur durch Brunner erfährt man aber wirk-

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