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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 271 - 272

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Die Juden in Russland
Date
1912-03-01
Page
Seite 271 - 272 (sequence 2)
Language
German
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271 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Juden in Russland. 272 die den Glaubenshass und die ethnischen Vorurteile zu erwecken bemüht sind. Dieselben Leute, die sich weder um die Meinung des Volks, noch um seine Rechte kümmern, und die bei jeder Gelegenheit bereit sind, die Kundgebungen des Volksunwillens zu ersticken, verstehen im gegebenen Falle sehr gut, den Vorurteilen des Volks zu schmeicheln, seinen Aberglauben zu wecken und die Massen zum Angriff gegen fremdbürtige Mitbürger aufzureizen. Bei Gelegenheit eines in Kiew an einem Kind begangenen Mordes, dessen Einzelheiten noch nicht aufgeklärt sind, sind diese Leute bemüht, das Märchen vom Ritualmord im Volk zu verbreiten. Es ist dies das alte Vorgehen aus barbarischen Zeiten. In den ersten Jahrhunderten des Christentums haben heidnische Priester die Christen beschuldigt, sie brauchten für das heilige Abendmahl das Blut und den Körper eines ermordeten Heidenkindes. Aus diesem Zeitraum stammt diese düstere und gemeine Legende. Das erste Blut, das infolge solcher von römischen Richtern ausgesprochenen Tendenzurteile vergossen worden ist, war christliches Blut; die heidnische Volksmasse begleitete das Vergiessen dieses Blutes mit frenetischem Beifall. Die ersten, die diese Legende zu bekämpfen hatten, sind die Kirchenväter und die Kirchengelehrten gewesen. In seinem Appell an den römischen Senat schrieb der Märtyrer Justinus: ,Ihr müsst selbst verwirrt sein, dass Ihr Unschuldige solcher Verbrechen bezichtigen könnt!' Und andererseits erhebt Tertullian seine Stimme: ,Wo sind denn eure Beweise?' Die Falschheit der gegen die ersten Christen erhobenen Beschuldigungen wird heute einstimmig zugestanden. Und doch hat diese aus dunklem Unwissen und blindem Hass geborene Legende bei den Christen selbst so tiefe Spuren zurückgelassen, dass sie es nun ihrerseits wiederholt zu einem Werkzeug des Hasses und der Uneinigkeit unter den Menschen gebraucht haben. Die unter den Völkern verstreut lebenden Juden haben am schwersten unter dieser gehässigen Lüge gelitten. Die Geschichte des Mittelalters ist voll von Berichten über blutige Pogrome, die durch diese Mordlegende entstanden sind. Zu allen Zeiten hat es Mordtaten gegeben, deren Ursache geheimnisvoll blieb und die den Gerichten grosse Verlegenheiten bereitet haben. In den Gegenden mit dichter jüdischer Bevölkerung wurden solche Verbrechen sofort damit erklärt, dass die Juden Christenblut brauchten. Die Zeugen unterlagen dem Einfluss des Aberglaubens und benahmen den Richtern ihre Ruhe und Unparteilichkeit; daher kamen dann die Justizirrtümer und die Massenmorde. Ueber die Gemeinde Hanekin hat Herr Albala, Direktor der Knabenschule in Bagdad, dem Central - Comite folgenden interessanten Bericht geschickt: Hanekin ist eine Stadt von 5000 Einwohnern, sie liegt 180 km von Bagdad an der persischen Grenze. Die Gemeinde Hanekin besteht erst seit kurzer Zeit. Vor 50 Jahren ist die Stadt selbst nur ein trauriges Dörfchen gewesen. Die ehemals wundervolle Oftmals ist in späterer Zeit die Wahrheit an den Tag gekommen, aber dann war es zu spät; die Reue und die Scham der verständigen und gerechten Leute konnten nichts mehr ungeschehen machen. Eine Anzahl von Päpsten, hervorragende Mitglieder der Geistlichkeit und Staatsmänner haben diese ehrlose Beschuldigung verworfen und haben den Gerichtsbehörden verboten, ihre Untersuchungen durch konfessionelle Vorurteile beeinflussen zu lassen. Kaiser Alexander I. hat am 6. März 1817 einen Ukas in diesem Sinne erlassen; Zar Nikolaus I. erneuerte diese Vorschriften in einem Erlass vom 18. Januar 1835. Ebenfalls im Jahre 1817 verurteilte der griechische Patriarch Gregor auch seinerseits das Märchen von der Verwendung des Christenbluts durch die Juden; er nannte diese Legende: ,ein fürchterliches Vorurteil, dem nur Menschen ohne jeden religiösen Glauben anhängen können/ Die Ukase schlummern in den Archiven, aber die Legende lebt weiter, und wir sind die Zeugen ihres Wiederauflebens. Wird die alte Lüge nicht sogar auf der Tribüne der Duma wiederholt? Selbstverständlich wagt man nicht mehr, die Gesamtheit der Anhänger des Mosaismus zu beschuldigen, aber man bildet sich die Existenz einer besonderen jüdischen Sekte ein, und lässt sich trotzdem nicht davon abbringen, die jüdische Gesamtheit mit Pogromen und Angriffen zu bedrohen. Für diese Leute ist das Kreuz nicht das Symbol der Liebe und des Friedens, sie wollen daraus ein Symbol der Gewalt und des Mordes machen. In all ihren Drohungen wiederholen die Aufwiegler den Ruf nach wilder Gewalt, den ehemals die fanatisierten Heiden bei ihrem Angriff auf die ersten Christen angewendet haben. Diese Vorgänge haben sich neuerdings in den Beschuldigungen der Chinesen gegen christliche Missionare wiederholt und haben wiederum den gewaltsamen Tod von vielen Hunderten zur Folge gehabt. Und immer, so oft diese Legenden verbreitet wurden, hat man die Volksleidenschaften in ihrer ganzen niedrigen Heftigkeit entfesselt gesehen; die Menge ist ein blindes, vielfach missbrauchtes Werkzeug. Zu allen Zeiten haben Menschenliebe und Wahrheit gegen diese Legende gekämpft. Wir, die Unterzeichner dieser Erklärung, Vertreter der Literatur, Kunst und Wissenschaft, die wir unsere Kinder lieben, aber mit Entrüstung eine unsinnige Legende von uns weisen, wir vereinen unsere Stimmen mit der Stimme jenes Kirchenlehrers, der vor fernen Jahrhunderten die Menschheit zur Liebe und zur Vernunft aufruft. Fürchtet alle, die die Lüge aussäen, und trauet keiner Verleumdung, die zur Gewalt aufreizt; sie hat schon so oft Menschenblut vergossen und hat das Gedächtnis ihrer Verbreiter für ewige Zeiten besudelt/' Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Ebene Khorassan, die sich von den Ufern des Tigris und seines Nebenflusses Diala bis zum Dschebel Hamrin erstreckt, war von mongolischen Horden schrecklich verwüstet worden, sie hatten die Städte zerstört und die Bevölkerung vertrieben. Nach ihrem Durchzug wurde die Ebene Khorassan zur Wüster um deren Besitz Türken und Perser lange Zeit im Streit waren. Im Jahre 1847 wurde durch den Vertrag von Erzerum die Grenze festgestellt. Seit jener Zeit SCHULWERK.

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