Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Die Juden in Russland
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 1)
- Language
- German
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2G9 270 K\\vv«.........""Hfffl, " MITTEILUNGEN f/4, aosdem Deutschen foieau der nru nr BERUM (n 2^. Alliance Jsraeiite Universelle ^KIBT *?D 0ramen6upgervrtf*S DIE JUDEN IN RUSSLAND. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Die dritte Duma wird auseinandergehen, ohne dass in der Rechtslage der Juden nur die geringste Aenderung eingetreten wäre. Zu wiederholten Malen, man darf wohl sagen, bei jeder Gelegenheit, da die Duma irgend eine Seite des jüdischen Problems zu prüfen hatte, hat sie den Israeliten ihre feindliche Gesinnung bewiesen. Um welche Frage es sich auch handeln mochte, um die Ausdehnung des Aufenthaltsrechts, die Teilnahme der Juden am wirtschaftlichen lieben, um grössere Erleichterungen im Schulbesuch der Jugend, um das Militärgesetz und das Gesetz über die polnischen Semstwos — immer hat die Majorität sich geweigert, dieser Paria-Bevölkerung auch nur den geringsten Sympathiebeweis zu geben oder ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die von den reaktionären Verbänden unterhaltene Agitation gegen die Juden, deren gehässige Betätigung auch in den letzten Monaten nicht nachgelassen hat, hat die Duma in dieser Haltung immer weiter bestärkt. Da es ihnen an greifbaren Anschuldigungen fehlt, haben die Nationalisten in jüngster Zeit wieder den berüchtigten Vorwurf des Ritualmords ausgebeutet. Es ist noch erinnerlich, dass vor einigen Monaten ein Christenknabe in Kiew ermordet worden ist. Die gerichtliche Untersuchung hatte festgestellt, dass kein Jude an diesem scheusslichen Verbrechen beteiligt gewesen war. Die fälschlich beschuldigt gewesenen Jsraeliten waren ausser Verfolgung gesetzt worden und es schien erwiesen, dass der Mord an dem Kinde nur zu dem bestimmten Zweck begangen worden war, um einen neuen Pogrom ins Werk zu setzen. Diese Lösung der Sacho war nicht noch dem Geschmack der gewerbsmässigen Aufwiegler. Es wurden von neuem Schmähschriften unter der Volksmenge verbreitet, die im Solde der schwarzen Banden stehenden Hetzredner nahmen ihre aufreizenden Vorträge wieder auf und die jüdische Bevölkerung wurde von neuer Panik ergriffen. Unter dem Druck dieser traurigen Lage veröffentlichten 800 Rabbiner in Russland einen gemeinsamen feierlichen Protest gegen die Beschuldigung, dass die Juden zu rituellen Zwecken Christen- Mut verwendeten. In diesem Schriftstück heisst es an einer Stelle: „Man wagt heute nicht mehr, in ihrer früheren Gestalt eine Anklage vorzubringen, die bereits von Seiten berühmter Theologen, Kirchenfürsten und Souveräne die verdiente Abfertigung gefunden hat. Man hängt ihr deshalb ein neues Mänteichen im* und behauptet, dass unter den Juden eine besondere Sekte bestehe, die Christenblut verwendet. Man mu«s sehr ungebildet und gewissenlos sein, um die . Chassidim als eine Sekte anzuführen, die solche Zwecke verfolgt. Wir, die wir unser ganzes Leben dem Studium der jüdischen Religion und ihrer geschriebenen und mündlichen Ueberlieferungen gewidmet haben, wir protestieren mit Entrüstung gegen solche nichtswürdigen Verleumdungen. Wir erklären vor Gott und vor den Menschen, class an keiner Stelle, weder in der Heiligen Schrift noch im Talmud und seinen Kommentaren, weder im Sohar noch in der Kabbalah noch in irgend einem Werke, das auch nur die entfernteste Beziehung zum jüdischen Glauben hat, die geringste Anspielung zu finden ist, die eine derartige Beschuldigung rechtfertigen könnte. Mit derselben Energie weisen wir die Behauptung von dem Vorhandensein einer jüdischen Sekte oder jüdischer Personen zurück, die Christenblut gebrauchen sollten. Die jüdische Lehr»' ist unveränderlich, unteilbar und einheitlich. Das Judentum kennt keine Sekten. Die jüdische Religion enthält nichts, das derartige blutige Seheusslichkeiten rechtfertigen würde. Weder die Chassidim noch ihre Gegner bilden eine Sekte; für alle gilt das gleiche Gesetz und alle sind denselben Vorschriften und denselben Religionsgebräuchen unterworfen. Sie verehren dieselben Bücher, und diese Bücher sind der ganzen Welt bekannt; geheime Bücher sind nicht vorhanden. Was unsere Religion verbietet, ist allen Juden verboten." In der Ueberzeugung, dass die im Volk unterhaltene unheilvolle Agitation die traurigsten Folgen haben könnte, hat sich auch die Elite der russischen Geistes- und Gelehrtenwelt entschlossen, einen Aufruf an die russische Nation zu veröffentlichen, und dadurch die gehässigen Pläne der Pogrom-Anstifter zu durchkreuzen. In gemeinsamer Arbeit für Gerechtigkeit und Menschlichkeit verbunden haben die hervorragendsten Männer — unter ihnen Gorki, Korolenko, Kowalewski, Andrejeff — folgenden beredten Aufruf erlassen: „Im Namen der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Menschlichkeit erheben wir unsere Stimme, um gegen einen neuen Ausbruch des Fanatismus, gegen einen Feldzug der gemeinsten Lügen zu protestieren. Seit Jahrhunderten besteht der Kampf zwischen denen, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen einführen wollen, und den anderen, die den Hass, die Dienstbarkeit und die Zurücksetzung eines Teils ihrer gleichberechtigten Nächsten predigen. Wie immer sind die Anhänge der Sklaverei ihres eigenen Volkes dieselben Männer,