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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 265 - 266

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Der Taube
Date
1912-03-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 3)
Language
German
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265 David Bergelsohn: Der Taube. 266 Also, man lud ihn zum Gondarmen. Das Verhör begann: „Kennst du die Kuh des Byk? Er klammerte sich an das Wort Byk und konnte es nicht mehr vergessen: „Ja, ja, Wowe Byk/' Der Gendarm war der Sache bald überdrüssig. Er wäre den hochgewachsenen und breitknochigen Gesellen, der ihn immer mit seinen grossen Augen anglotzte und mühselig immer nur ein Wort herausstammelte, schon gerne los geworden. Aber der wollte ihn jetzt nicht freigeben, rückte ihm vielmehr immer näher an den Leib und fuchtelte ihm mit der Hand vor den Augen: „Wowe Byk .. . oh .. Er wollte ihm etwas erzählen von einer Mühle, die fortwährend zittert, von einer Küchenbank mit einer Leiche drauf und von einem Haken mit einem Strick. Er wollte erzählen, konnte aber nicht. Wie in ein Netz, so war er in den ersten Gedanken Byk verstrickt und konnte sich nicht freimachen. Der Gendarm hatte ihn endlich herausgedrängt und die Tür verschlossen. Nun blieb er draussen stehen und begann, ohne zu wissen warum, etwas an seinen Hosen zu richten. Doch als jemand vorbeiging, vergass er wieder daran, ging mit ausgestrecktem Arm auf den Unbekannten zu und fing ihm an das zu erzählen, was er eben dem Gendarm hatte erzählen wollen: „Oh . . . Byk . . Der Fremde erschrak und lief mit furchtbarem Herzklopfen davon. Der Taube aber ging weiter, zur Stadt zu, und streckte nach jedem, dem er begegnete, den Arm aus. Die Leute hatten Angst und wichen ihm aus. Und er blieb immer wieder stehen, mit ausgestreckter Hand und mit den abgebrochenen Worten: „Oh ...!" Byk ...!" Offenbar begann jeder Gedanke in seinem gepressten Gehirn mit diesem Worte. Aber keiner wollte den Gedanken hören. Und so blieb es bei dem ersten Worte. Es war, als hoffte und wartete er auf den, der endlich doch kommen musste, auf den, der ihm wird zuhören wollen, und dem er dann alle die Gedanken erzählen wird, die in seinem tauben, gepressten Kopfe sind. Langsam kam er so zur Klaus. Er öffnete die Tür und steckte den Kopf hinein. Niemand war drin. Er setzte sich nun an den heissen Ofen. Es war so still und ruhig um ihn. Die Scheiben matt vereist, die Ständer vereinsamt, wie Grabsteine von Heiligen, die mit dem Gesichte nach Osten stehen und Blicke hinüberwerfen, zu Gott, gelobt sei er. Irgendwo gegenüber dem heissen Ofen schnarcht ein armer Mensch, der aus der Ferne zu Fuss gekommen ist, schnarcht gemütlich und träumt von viel, recht viel Kopekenstücken. Der Taube aber sitzt am Ofen und hört nicht, ja, weiss nicht einmal, dass gegenüber dem Ofen ein Mensch liegt. Sein Hirn ist zusammengepresst, kalt, und erinnert sich schwach und nebelhaft an ein trauriges Ereignis, das eines seiner Schulterblätter betroffen hat, an eine Küchenbank mit einer Leiche drauf und mit einem eisernen Haken, an welchem ein Strick befestigt ist. Und um das alles irrte ein begonnener Gedanke: „Byk . . . oh . . .!<£ jossele, der Neemon, kommt. Er zieht seinen Pelzrock aus, setzt sich neben ihn an den Ofen und streicht sich langsam und nachdenklich das Bärtchen. Er sinnt wohl an seinen bösen Gedanken, den Gedanken eines schlechten Kerls, dem es schlecht geht. Aber nein, Jossele hat eine Seele, die zeitweise von wildfremden Angelegenheiten berührt wird. Er schreit dem Tauben etwas ins Ohr und dieser beugt sich zu ihm hin und schüttelt den Kopf: „Gestorben? Natürlich . . . gestorben/'' Er will etwas sagen, aber Jossele lacht. Seine Oberlippe mit dem zugestutzten Schnurrbart biegt sich hinauf und legt die gelben, angerauchten Zähne frei. Jossele schreit wieder und er, der Taube, sieht ihm in die Augen. Sein Gesicht ist so traurig, die bleifarbigen Augen sind von einem starren Glanz, doch haschen sie nach Josseies hingeworfenen Wörtern und übermitteln sie dem gepressten Hirn: „Ein Schwein ist er, der Byk . . . ein reiches Schwein . . . Ja." Er glaubt, dass Jossele ihn ärgern will. Das verdriesst ihn. Aber bald vergisst er wieder, dass es ihn verdriesst, und erinnert sich nur noch an das hohe, weisse Haus des Byk mit den breiten Akazien vor den Fenstern und dem blauen, wie eben gewaschenen Zaun. Die eisgeblumten Scheiben werden dunkel. Es kommen Leute in die Klaus. Da schleicht er sich heraus, birgt die Hände in den Aermeln und geht. Langsam geht er, den Kopf gesenkt, und hat vergessen, wohin er will. Ja, er fühlt nicht einmal, dass er geht, weiss nicht, ob Sommer oder Winter ist. Knaben verlassen für eine Weile die Schleif bahn und laufen ihm nach. Sie schreien ihm etwas zu, aber er hört nicht, geht zwischen zwei Reihen von hölzernen Gesell äftsläden und sieht sich nach ihnen nicht um. Leute weichen ihm aus, er bemerkt es nicht. Hinter ihm kommt ein Schlitten, dem Bauer ist kalt, er ist faul, die Zügel in die Hand zu nehmen und auszuweichen, und ruft nur „Achtung!" Der Taube hört es nicht. Die Deichsel stösst ihm in den gebogenen breiten Rücken. Er greift mit der Hand nach der verwundeten Stelle, sieht sich aber nicht um und geht weiter. Im finstern Hausflur bei Byk bleibt er stehen und weiss nicht, wohin er sich nun wenden soll. Die Tür rechts, die ins Speisezimmer führt, ist fest verschlossen, offenbar von innen. Die linke Tür, in die Küche, ist ein wenig offen. Ein langer und schmaler Lichtstreifen fällt durch die Spalte, breitet sich über den Boden des Korridors aus und rührt sich nicht. Er stellt sich in den Winkel gegenüber der Tür und rührt sich auch nicht. Jemand kommt mit einer Lampe durch, bemerkt mit Schreck zwei Stiefelspitzen und macht Lärm. Schon sind die Leute aus dem Zimmer herausgeeilt. Byk selbst auch, der dem Tauben etwas ins Ohr schreit. Der Taube hört es natürlich nicht, und denkt nur: „Ein Schwein, der Byk . . . ein reiches Schwein ja." (Schluss folgt.)

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