Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Der Taube
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 263 - 264 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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263 David Bergelsohn: Der Taube. 264 und mischen sich unter die Menge. Die Monge verschlingt sie und wird grösser. Der Taube sieht mit seinen bleifarbigen Augen herum und bemerkt, dass die Neuankommenden erschrockene Gesichter, offene Mäuler und furchtbar grosse Augen haben. Sie fragen, wie es scheint, die andern: Ist es wirklich wahr? Und die andern nicken. Da bleiben sie erstarrt und ihre zuckenden Lippen besagen: „Welch ein Unglück!" Es kommt ihm. vor, dass man auf ihn blickt. Die Leute stehen in Gruppen beisammen und flüstern geheimnisvoll miteinander. Dabei schauen sie ihn 'so sonderbar an. Er schleicht um sie herum, streckt überall seinen tauben Kopf hin, um etwas zu erhaschen. Man rückt ihm nun näher. Jemand zeigt mit dem Finger nach ihm. Er sieht an sich herunter, auf seine Kleider: es könnte da etwas in Unordnung sein. Aber man ist jetzt schon bei ihm und schreit ihm ins Ohr, er solle zu Wowe Byk gehen. Er wundert sich, versteht nicht. Was haben denn die Leute davon, wenn er zu Wowe Byk geht? Und es kommt wieder einer auf ihn zu, ein sehr geachteter Bürger, und sagt ihm wieder, er solle zu Byk gehen. Er zeigt mit dem Finger auf seine Brust und fragt: „Ich? Ich soll gehen? Er versteht nicht, geht aber doch, geht achselzuckend zu Byk. Vor Byks Hause stehen auch viele Mensehen. Es scheint ihm, dass es dieselben sind, die er in der Klaus zurückgelassen hat. Sie dringen in die Zimmer der Byks ein, von dort in die Küche. Er, der Taube, mit. Er will eigentlich gar nicht, weiss auch gar nicht warum, aber er lässt sieh doch mitreissen. Die Küche ist schwarz von Menschen. Es schwindelt ihm. Alles schwankt und schaukelt um ihn, so rasch wie die Siebe in der Mühle. Die Küche schwankt, die Menschen, und selbst die Küchenbank mit der blau angelaufenen Leiche, zu der er endlich vorgedrungen ist. Augenblicklich erkennt er sie: ,,Ja, es ist Esther. Gewiss, Esther!*' Er wundert sich gar nicht. Im Gegenteil. Es kommt ihm vor, dass er schon einmal da gestanden hat, an derselben Küchenbank, an derselben Leiche. Das war vor langer, langer Zeit. Aber immerhin, er erinnert sich daran. Ebensoviele Menschen standen herum, und wie heute war auch damals ein trüber Winter morgen. Jemand zerrt ihn am Aermel und zeigt auf die Decke: Ein Strick hängt vom Haken herunter. Er verstellt ganz gut: Sie hat sich erhängt. Er will fragen ..Warum?", fragt aber nicht, und wirft einen raschen Blick auf die alte Frau, die zu Häupten der Leiche hockt, — den zahnlosen Mund offen, den Kopf mit den geschlossenen Augen zurückgeworfen. Sie weint wohl mit herzzerreissender Stimme, aber er ist ja taub und kann nicht hören. Er verzieht das Gesicht und will auch weinen, kann aber nicht. . . . Nun treibt man die Leute heraus. Der alte Chewra-Kadischa-Diener schreit von der Tür her: ,,Genug, genug! Geht in Gottes Namen!" Die Küche wird leer. Man weist auch ihn heraus. Aber er will nicht gehen. Man fasst ihn an den Schultern. Er wirft böse Blicke um sich und hält sich mit beiden Händen an der Küchenbank. Man will ihn fortreissen. Er zieht die Bank sammt der Leiche nach. Man wird müde und lässt ihn zufrieden. Doch er sieht jemanden an der Küchentür, und erinnert sich an seinen Traum, an den Mühlhof, an Mendl, an die Bäuerin und an Esther. Er lässt die Bank los und läuft davon. Aber bald vergisst er, wohin er wollte, stürzt doch auf die Strasse und läuft, läuft rasch, mit allen Kräften. Die Stiefel versinken tief, tief im Schnee. Er atmet schwer, fühlt, wie ihn die Kräfte verlassen, und läuft. V. Etwas sonderlich Wildes war geschehen. Bei Byk hatte man vergessen, die Kuh des Nachts in den Stall zu treiben. Am anderen Morgen, ganz früh, fand man sie draussen an der Hoftür, aber ohne Schweif. Alle Leute, mit Byk an der Spitze, liefen aus der Wohnung heraus. Sie liessen die Kuh in den Hof ein, stellten sich um sie herum, betrachteten sie und sahen sich fragend an. Was hatte das zu bedeuten? Der Schweif war unten am Rücken mit einem scharfen Gegenstande abgeschnitten worden. Von der Wunde trof noch Blut. Die Kuh stand trübselig und unglücklich, mit gesenktem Kopfe, zwischen den Hausleuten. Ihre grossen Augen funkelten gar traurig. Seht, seht, — dachte sio wohl — ich werde niemals mehr den Schweif haben! Wehe, wehe mir. . . . Mehrere Tage nacheinander gab man sich [bei Byks im Hause Mühe, das Rätsel zu lösen: Wer konnte das getan haben? Zuerst verdächtigte man Jossele, den entlassenen Neeinon, dann aber die zwei entlassenen Arbeiter, die Mendel hatten ohrfeigen wollen. Ja, man lud sie sogar zum Gendarmen und fragte sie dort aus. Erst einige Wochen später fasste man einen anderen Verdacht. „Sollte es vielleicht der Taube getan haben?" Irgend jemand hatte es gesagt, ohne sich viel dabei zu denken. Aber alle klammerten sich gleich an den Gedanken an. Es war ja eigentlich zu sonderbar und von ihm gar nicht zu glauben, — von dem hochgewachsenen, breitknochigen Tauben, mit dem Gürtel um den Leib, mit der Pelzmütze bis über die Ohren, mit dem traurig-gleichgültigen Gesicht. Und man glaubte es doch. Man wunderte sich, begriff es nicht, und glaubte. Ganz richtig im Kopfe ist er ja doch nicht. Hat er doch einmal der dürren Trödlerin, als sie ihn irgendwie in Zorn brachte, einen Stiefel an den Kopf geworfen, und die Bettstellen, Tische und Stühle auf die Strasse geschleudert. Vom ganzen Städtchen war man damals zusammengelaufen. Aber niemand hatte sich an ihn herangewagt. „Dem Tauben ist das Blut in den Kopf gestiegen/' hatte es geheissen. Die Trödlerin aber war wie toll hin und her gelaufen, hatte sich mit den Fäusten an den Kopf geschlagen und mit heiserer, kreischender Stimme geschrien: „Seht doch, was er tut! Er macht mir einen Pogrom! . . .Einen Pogrom!" Einige gutherzige, kräftige Kinder waren schon bereit gewesen, sich auf den Tauben zu werfen. Aber die Feinde der Trödlerin, deren es viele gab, hatten es verhindert. „Nicht nötig, nicht nötig," — hatten sie hinter dem Rücken des Weibes geflüstert, „sie tut dem Tauben genug an." Und dann hatte der Taube noch etwas auf die Strasse geworfen und ächzend geflucht: „Dass dich der Teufel ..."