Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 255 - 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Berthold Auerbach
Date
1912-03-01
Page
Seite 255 - 256 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584023-2600705--12823-2600782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

255 Berthold Auerbach. 256 überrascht,als ihm im Auftrage des Ministeriums eröffnet wurde, dass er wegen seiner V erurteilung zum Examen nicht zugelassen werde und nie darauf rechnen dürfe, je in W ürttemberg als Rabbiner angestellt zu werden. Dahin waren die Träume seiner Eltern, dahin seine Hoffnungen, eine Stütze seiner inzwischen verarmten Eltern zu werden. Er wandte sich deshalb der Schriftstellerei zu, schrieb Theaterkritiken, Rezensionen, eine Geschichte Friedrichs des Grossen, eine Schrift ,.l)as Judentum und die deutsche Literatur4'*', ,,S p in o z a*\ i c h t e r u n d Iv a u fman n'\ welch beide Dichtungen ihren Stoff dem dumpfen Ghettoleben entnommen hatten. Aber Auerbach wurde dadurch weder als Schriftsteller berühmt, noch der Nahrungssorgen überhoben. In dieser bangen Zeit starb plötzlich sein Vater. „Unendlich tief," schreibt der 28jährige an seinen Freund Jakob Auerbach, ..hat der Schmerz gewühlt in meinem Innern über' den Tod meines Vaters. Ich habe keine Heimat und keine Familie mehr. Lud so wenig ich auch mein elterliches Haus seit langem als meine eigentliche Heimat betrachtet, so hatte ich doch eine Rücklehne daran, und jetzt — ist die beste Stütze gebrochen und in die Erde gesenkt." Wir stehen am entscheidenden Wendepunkte in A uerbachs Leben und Wirken. I )aslleimweh hatte ihn ergriffen und um es zu bannen, schrieb er seine ,.S c h w a r z w ä 1 d er I) o r f g e s c h ich t e n". So schwer es ihm fiel, einen Verleger dafür-zu finden — W Verleger hatten das Manuskript zurückgeschickt — so gross war die Begeisterung, als die Werke erschienen. F r e i 1 i g r a t h widmete dem I )iehter ein besonderes Gedicht. A. war auf einmal ein geleierter Schriftsteller geworden, der nicht nur von der Gunst des Volkes getragen, sondern auch der gerne gesehene Gast an vielen Fürstenhöfen wurde. Auf dem Gipfel des Ruhmes angelangt, müssen wir fragen: ,,Welche Stellung hat A. dem Judentum und seinen Glaubensgenossen gegenüber eingenommen V:; Man kann sagen, dass er den Rabbiner nie verleugnen konnte, wenn seine Tätigkeit auch auf einer anderen Kanzel sich vollzog. Vor allem müssen wir feststellen, dass wir dem jüdischen Schrifttum öfters in seinen Werken begegnen. Wenn er von der Sommerreise zurückgekehrt, besucht er mit seiner Familie die Synagoge, um ..die Zugehörigkeit zum Judentum zu dokumentieren." Jede Beleidigung seiner Glaubensgenossen trifft auch ihn. Als Professor Hill r o t h - Wien eine die Juden verletzende Aeusserung getan, richtet er an ihn einen ,,offenen Brief". Und als Professor D ö 1 J i n g e r - M ü n c h e n in einer akademischen Rede sich der Juden annimmt, spricht er ihm öffentlich seinen Dank aus. Er interveniert bei hohen Fürstlichkeiten, um das traurige Los seiner Glaubensgenossen in Rumänien und Russland zu mildern. E r f ü h 1 t s i c h v o Nun d ganz J u d e, daher verwundet ihn auch die antisemitische Bewegung so tief, dass sein Lebensabend umdüstert wird und er tief bewegt und erregt an S p i e 1 h a g e n kurz vor seinem Tod aus Günnes schreibt: ,,lch möchte einschlafen und nicht mehr enVächen." Dieses Abschliessen mit dein Leben ist begreiflich, wenn man bedenkt, wie Auerbach schon in der Jugend für Deutschland gekämpft und gelitten, und wie er im Jahre 1870 durch sein Flugblatt „Was will der Deutsche und was will der Franzos" die Massen begeistert, was sogar seine Berufung ins Hauptquartier ziii* Folge hatte. Es sind erbebende Worte, die er in jener denkwürdigen Zeit ,.Waldfried" sprechen lässt: „Mein Herz war so voll, dass ich diesen Tag erleben sollte, und inmitten des hochgespannten freudigen Ereignisses kam es über mich, dass ich mir Rechenschaft gab über mein Leben. Wenn ich jetzt, wenn ich heute sterben muss — ich habe mit bester Kralt der Wahrheit gedient, habe mit Willen niemand beleidigt und habe die Menschheit und mein Vaterland geliebt von ganzer Seele." Auerbach hatte schon im Jahre 1870 hei einem Besuch in der Heimat daran gedacht, seine Lebensgeschichte zu schreiben, der Krieg hat sein Vorhaben vereitelt. Inzwischen mahnte ihn das Greisenalter, falls er seinen Lebensplan zur Ausführung bringen wollte, damit nicht zu zögern. Er weilt deshalb bei einem Freund im Neckartal und lebt seine Jugend nochmals durch, als wäre er kein Greis, sondern ein feuriger Jüngling. Er ist so recht im Schwung der Jugendzeit. Das Y o r w ort, das eine reizende Schilderung seines Besuchs auf dem Synagogenspeicher enthält, und das Kapitel ,.l) e r K n a b e a u f d e m Dorfe" sind beendet, da wird er krank, so krank, dass der Arzt ihn nach Cannes (Südfrankreich) zu bringen forciert. Er hatte zu lange gewartet. In Cannes erholte er sich nicht mehr, er starb am 8. Februar 1882, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag, den man in Berlin im Schriftstellerkreise so festlich begehen wollte. Kurz vor seinem Tod hatte er seinen brüderlichen Freund, Dr. Jakob Auerbach-Frankfurt a. M., beauftragt, seine während eines halben Jahrhunderts an ihn gerichteten Briefe zu veröffentlichen, und ebenso bat er, dass man ihn in Nordstetten „bei seinen Vätern" begrabe. Beides wurde erfüllt. Die Leichenfeier vereinigte alle Kreise der Bevölkerung um seine Bahre. Minister und Bauern, Adjutanten der Fürsten und Künstler, sie alle waren erschienen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Am Grabe sprach unter anderen Rednern auch sein Freund, der Aesthetiker Theodor Y i s c h e r. Der Schluss seiner Rede: „Sei gegrüsst Lebendiger", hat sieh bewahrheitet. Auerbach lebt noch. Seine Werke werden noch gerne gelesen, ebenso die kurzen Erzählungen, die der J u gend lieb und teuer geworden sind. Ganz besonders aber lieben ihn und danken ihm seine Glaubensgenossen dafür, dass er zu allen Zeiten die Fahne des Judentums hochgehalten und sich mit ihnen solidarisch verbunden fühlte. E r h a t d e n g I ä n z e n d e n B e w eis erb r a c h t, d a s s m a n e i n g u t e r Deuts c h er und zugleich a u c b e i n t r e u e r S o h n d e s .lud e n t u in s s e i n k a n n. THEATER Von Felix StÖSSinger. Nachdruck verboten. In der abgelaufenen Berichtswoclie hat nur ein lite- Mizzi oder der Familientag1' (das Buch im S. Fischer Verlag, rarisches Werk eines jüdischen Dichters die szenische Ver- Berlin) wurde vom Lessingtheater gespielt und hat für den körperung, nach dem sich die Seele des Dramas sehnt, er- Wiener Erfolg die Bestätigung Berlins bekommen. Nach dem fahren. Arthur Schnitzlers einaktige Komödie ,.Komtesse ..Weiten Land'4 wirkte diese Komödie doppelt erfreulich: wäh-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.