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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 235 - 236

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Der Prophet Nostradamus
Date
1912-03-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 5)
Language
German
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235 Erich Karl Borck: Der Prophet Nostradamus. 236 Napoleon 1. wird oft und mit vielen Einzelheiten prophezeit. Nostradamus wusste, dass er 14 Jahre herrschen, sich in einer Seestadt (Toulon) der Gewalt bemächtigen werde und spricht in einem Quatrain von einem Kaiser, geboren in der Nähe Italiens, an dessen Hof mehr Metzger als Prinzen sein werden. Aber auch der Sturz Napoleons nach seiner Ehe mit Marie Louise ist prophezeit. Prophezeit ist ferner, dass im Jahre 1660 der Erbe der Kröten (d. h. des merowingischen Wappens) das ganze Reich sich unterwerfen wird. Wirklich machte sich im März 1661 Ludwig XIV. zum absoluten Herrscher. Alle Einwände muss aber der Widmungsbrief von Nostradamus an Heinrich IL erlöschen, der vom 27. Juni 1558 datiert und der 2. Ausgabe seiner Centuries vorgedruckt ist: „ä Ton mil sept cens nonante deux que l'ö cuydera estre une renouation de siecle." ,,Im gleichen Jahre 1792 wird man glauben, eine neue Zeitrechnung einzuführen." Selbst das Wort „glauben" enthält eine Prophezeiung, denn der 1793 eingeführte, mit dem September 1792 beginnende Kalender der Revolution wurde nach 12 Jahren wieder abgeschafft. Kemmerich hat durch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung festgestellt, wie gering der Zufall sein muss, den man bei Prophezeiungen dieser Art mit in Betracht ziehen darf. Bei Prophezeiung der Namen Montmorency und Clerepeyne ist er 1 : 5000 Milliarden, bei Prophezeiung der Tuillerien 1__ 10 000x6 000 000 000 000. Man kann also wohl sagen, von Zufall kann keine Hede mehr sein und Skeptiker mögen ruhig Fälschungen, Irrtümer, Unterschiebungen u. dgl. annehmen. Man wird Kemmerich nicht zustimmen müssen, der Nostradamus „eines der grössten Genies der Weltgeschichte'4 nennt. Aber man kann nach diesen Tatsachen — man denke nur an die Kalenderprophezeiung — den Glauben an Fernsehen nicht mehr als Altweiberglauben verlachen: welche Konsequenzen auch immer daraus für die Willensfreiheit gezogen werden müssten — es gibt ohne Zweifel Kräfte, die mehr sind, als alle unmetaphysischen Versuche mit Tischrücken und Geisterbeschwören ahnen lassen und die eine ferne Zukunft enträtseln wird. Aber nur der metaphysische Mensch wird zu dieser Aufgabe fähig sein. DIE LIEBE PROVINZ. Von Sch. Gorelik. III. Asriel, der Buchbinder. Nachdruck verbotea. 1. An einem Sommertag, als die Sonne heiss herniederglühte, konnte man auf dem Marktplatz unserer Kreisstadt zwei hochgewachsene Polizeileute sehen, die auf hohen Pferden über das Steinpflaster ritten. Zwischen ihnen ging ein kleiner jüdischer junger Mann, mit einer Mütze auf dem Kopf, einem schwarzen Hemd und blauem Gürtel. Er ging nicht gesenkten Kopfes, wie andere Häftlinge, sondern aufrecht, allen gerade in die Augen blickend, und lächelnd, wie wenn ihm ein besonderes Glück widerfahren wäre oder er etwas geleistet hätte, das seine Seele mit Freude erfüllte! Viele Händler schlössen ihre Läden und beeilten sich, nach Hause zu kommen. ..Hast du nicht Chaimkc gesehen?" fragte einer seine Frau, indem er suchende Bücke über die Zimmer und den Hof warf. Und auch in vielen an deren Häusern suchten jüdische Väter und Mütter ihre Söhne und Töchter. Denn alle erwarteten bald wieder zwei Polizisten auf hoben Pferden über das Steinpflaster daherkommen zu sehen, mit einem Abramczyk, Chaimke oder einer Seide in der Mitte. . . . Eine Mutter, eine ängstliche jüdische Mutter, kniete vor dem Ofen und warf die Bücher der Tochter hinein. — harmlose Lehrbücher und einen harmlosen Roman von Turgenjew. Der Rabbi Hess einen von den „jungen Leuten von heute" zu sich rufen, lud ihn zu sitzen ein, legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes und bat ihn, ihm doch aufrichtig zu erzählen, was eigentlich in der Stadt vorgehe. Er wisse ja, dass man ihn um seine Meinung nicht frage und dass seine Worte keine Wirkung haben werden. Aber eines möchte er ihnen doch sagen lassen, Ben jungen Leuten, die andere Wege gegangen seien: Sie mögen bedenken, dass die Juden in Gefahr stehen..... Die Stadt war von Schreck gelähmt. Man erzählte, dass die Polizei auf dem anderen Ufer des Flusses eine Versammlung junger Männer und Mädchen ausgekundschaftet habe und der Haupträdeisführer jener junge Mann sei, den eben die zwei hochgewachsenen Polizisten auf den zwei hohen Pferden zur Polizei gebracht hätten. Der aber steht jetzt dort in einem Winkel, an die Wand gelehnt, barhäuptig, mit jenem Lächeln auf den Lippen, das besonders jenen nicht angenehm ist, die richten und herrschen sollen. Plötzlich geht die Tür auf, und auf der Schwelle erscheint der Kreiskommissar, ein hochgewachsener Mann, mit roten Wangen, langem, herabhängendem Schnurrbart, in grauer Offiziersjoppe, die Hände in den Taschen und eine Zigarre im Munde. Er sieht sich eine Weile den Verbrecher an, tritt dann sporenklirrend ganz nahe auf ihn zu und schreit ihn mit donnerndem Bass an: „Was, du Kriech f liege, auch dir gefällt Russland nicht, die Regierung nicht? Und so was will Revolutionär sein! So eine Kriechfliege! ... Fort mit

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