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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 167 - 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Der Taube
Date
1912-02-01
Page
Seite 167 - 168 (sequence 3)
Language
German
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167 David Bergelsohn: Der Taube. 168 doch schon endlich Ruhe zu geben, er aber sich weigern würde, immer wiederholend: So will ich . . . so will ich ... so will ich . . . Schmutzige Herbsttränen rannen über die farblosen Scheiben, schlängelten sich langsam und träge hinab, um schliesslich in die nassen krummen Wände der Küche einzusickern. Wer brauchte sie, die Tränen? Alles ringsum war so böse und verdrossen, selbst der alte krumme und abgewetzte Backofen, der dem Tauben Tag und Nacht gleichmässig ins Gesicht sah. Und so stumm war's. Dass selbst der Taube sich wundorte: Hörte er ja doch einmal sogar die Nähmaschine des Trödlers klopfen. Ganze Stunden sass er auf dem Bette, die Füsse herabhängen lassend, trübsinnig und schweigend. Und wenn die Trödlerin hereinkam, um mit dem nassen Holz im Backofen zu hantieren, sah er sie mit flehentlichen Blicken an. Es war eine Kleinigkeit, um die er sie bitten wollte und kam ihm doch so schwer an. Sein blasses, abgeplagtes Gesicht verzog sich wie bei einem Bettler. Sie möge ilim nur einige wenige Worte ins Ohr schreien. Dann würde er wissen, um wieviel tauber er geworden sei. Doch die Trödlerin war ein verdammt böses Weib. Ging immer dicht an seinem Bette vorbei, streifte sogar seine herabhängenden Beine, aber eines Blickes würdigte sie ihn nicht. Und so konnte er selbst mit seinem Bettlergesicht nicht ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er könnte ihr ja ein Bein stellen und sie anhalten. Dann wrürde sie wahrscheinlich sehr erschrecken und sich wundern: Was, der Taube lebt noch! Er ärgerte sich über die Trödlerin, sah sie mit wütenden Blicken an und brummte. Ganz so hatte er sein Weib Lea angeblickt und angebrummt. Sie pflegte sich zur Bache in den Kleidern ins Bett zu legen, wofür er wieder die Schüsseln vom Tische zu packen und zu Boden zu schleudern pflegte. Esther kam einmal und zankte sich seinetwegen mit der Trödlerin herum. Er lag im Bette, hörte nichts, und sann jenem ernsten und wichtigen Worte nach, das er seiner Esther zu sagen hatte. Es ging ihm lange in seinem tauben Kopf herum und kam endlich matt und albern heraus, ganz anders, als er sich's gedacht hatte: „Ja, siehst du, wenn deine Mutter selig noch lebte . . Er sagte das so hart und schwer, und fing doch schon an sich zu schämen, vor sich selbst und vor ihr, der Schlanken, Aufgeregten, die sich nicht einmal mehr erinnerte, wie ihre Mutter ausgesehen hatte. Sie sah ihn auch verwundert an, als wollte sie ihn fragen: Was nützt sie mir jetzt, die tote Mutter, da draussen auf dem alten Friedhof? Sie nahm ein Stück Butterkuchen aus ihrer Handtasche und gab es ihm. Er kostete es und besah es dann: Ja, Byk weiss, was gut ist. Und plötzlich war das nötige Wort, das er so lange gesucht hatte, zu einem Gedanken gestaltet: Es ist schlimm . . . ., was damals die Arbeiter bei Nacht sahen. . . Und noch eins! Er glaubt ihnen nicht, nicht dem alten und nicht dem jungen Byk. Er glaubt ihnen durchaus nicht. III. Sowie die ersten Fröste kamen, Hess der Schmerz in der Seite und im Schulterblatt nach. Die Küchenfenster waren schon mit Schnee verweht und bei der Trödlerin im Ofen war das Holz noch nasser. Es war ihm kalt. Er zog die Stijfel herauf, das watti?rte Leibchen an, nahm den roten Gürtel um und zog die geflickte Mütze über die tauben Ohren. Die Trödlerin wunderte sich. Wohin geht er denn, der Taube? In die Klaus (Betstube), gab er ihr trübselig und still zu verstehen, in die Klaus, — sich wärmen. Die Trödlerin bewegte rasch die Lippen. Vielleicht fluchte sie. Er wusste es nicht, und ging seines Wegs. In der Klaus traf ihn einmal amheissenOfen Jossele, der Neemon, und fing sofort an, ihm ins Ohr zu schreien: „Byk! . . . Byk!" Er erzählte ihm zuerst, dass Byk ihn, Jossele den Neemon, ohne Grund entlassen habe, und dann irgend etwas von ihm, dem Tauben. Gewiss, er, der Taube, müsse Byk klagen. . . . „Klagen?" . . . wunderte sich der Taube. Er begriff es nicht. Er Byk klagen? Und er hob erst die Hand hoch um sie dann bis nahe an den Fussboden sinken zu lassen. Das sollte heissen: Byk sei so gross und er, der Taube, sei so klein . . . ganz klein. Da werde doch sicherlich der Grosse siegen. Jossele furchte die Stirn, nahm das Bärtchen in die Hand und dachte nach. Und der Taube glaubte schon ein sehr kluges und tiefes Wort gesagt zu haben, fing auch zu sinnen an und fügte nach einer Weile noch etwas hinzu: Wenn wenigstens Byk ihn, den Tauben, in Ruhe lassen wollte . . . Er meinte damit nicht sich und Byk, sondern Byks braunen, hochgewachsenen Jungen. Er wollte Jossele Bobtsches auch wegen dieser Sache fragen, aber er wusste nicht, wie anzufangen. Es war ein kalter, schneeiger Abend, als er nachdenklich zu Esther ging. Er hatte vor, eine wichtige Frage an sie zu stellen und wiederholte sich's über den ganzen Weg, wie er beginnen wolle: Der Mensch muss wissen ... Der Mensch muss verstehen. . . . Aber als er die Tür der Byk'schen Küche öffnete, sah er, wie der hochgewachsene und flinke Mendel aus einer Küchenecke hervorsprang und durch die zweite weisse Tür, die in die Wohnung führte, herauslief. Er erschrak, fühlte ein sonderbares Herzklopfen, und verlor wieder das nötige Wort. In seinem tauben Kopfe schwirrte ein Verdacht herum: Mendel ist nicht zu trauen . . . gar nicht zu trauen. Doch Esther sass schon neben ihm, steckte ihm eine gebratene Kartoffel in die Hand und schrie ihm zu : „Note, der Sehadchen war da." Das Gesicht des Tauben heiterte sich auf, und seine Augen fragten, schon etwras lächelnd: Wirklich? ... Du foppst mich nicht? Und sie schrie ihm wieder etwas zu: „Joelke, den Sohn von Pinie, dem Färber/' Er biss ein Stückchen von der heissen Kartoffel ab und hielt es im Munde. Sein breitknochiges Gesicht verzog sich und sah aus, als wollte es jemanden um Mitleid bitten. Die Partie gefiel ihm nicht. Sie schrie ihm ins Ohr: Joelke ist ein Lump, ... ein Odessaer Lump . . . Er kaute die Kartoffel und schüttelte den Kopf zu ihren Worten: Ja, ja, ein Lump, . . . gewiss ein Lump . . . (Schlug folgt)

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