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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 165 - 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Der Taube
Date
1912-02-01
Page
Seite 165 - 166 (sequence 2)
Language
German
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165 David Bergelsohn: Der Taube. 166 Natürlich wisse er. Warum sollte er nicht wissen? Um sein Leben gerne hätte der Taube gewusst, was die Leute dazu sagen, die gesunden, nicht so taube wie er. Auf dem ganzen Wege von der Mühle beschäftigte ihn die Frage. Er sprach mit den Händen zu sich. Ja, wenn er an beiden Seiten seines Kopfes ordentliche Ohren hätte, nicht diese zwei grossen tauben Lappen, dann wollte er schon da und dort ein Wort auffangen. Er nahm sich vor, zu ihr zu gehen, zu Byk in die Küche, um ihr zu sagen, was gesagt werden musste. Aber gerade damals traf ihn das schreckliche Unglück. II. Kurze, regensüchtige Novembertage! Ein dummtrauriger Himmel sah mit Grimassen und weinend auf die nasse, schwarze Erde herab. Und draussen, ausserhalb der Stadt, im einsamen Tal, in der Byk'schen Mühle brannten die elektrischen Lampen schon ganze vierundzwanzig Stunden, leuchteten bei Tag und Nacht durch db Tiefe des grauen Nebels und wie ermüdete gelbe Augen, so winkten sia der nahen, finsteren Stadt zu- „Wir mahlen Mehl . . . wir mahlen Mehl . . In feuchten Nebel war die vierstöckige Mühle gehüllt. Ruhig, wie sinnend summte sie ihr uraltes, eintöniges Lied und zitterte, zusammen mit ihren vierzig Arbeitern. Mechanisch und ernst, stumm wie die Maschinen und Räder, die um sie herum sich drehten, arbeiteten die Menschen, sprachen nichts und dachten nichts. Als ob die grossen mit Weizen vollgefüllten Mühlenspeicher in ihrem Hirne lägen und dort den Verstand verdrängt hätten! Nur selten hielt das Lied der Mühle inne, von einer traurigen Stimme unterbrochen: Stopp! . . . Stopp! . . . Doch niemand kümmerte sich darum. Es war wohl eine Stimme aus der Ferne, eine verlorene, verhörte Stimme, die jemanden hier sucht, in einer fremden unbekannten Welt, und nicht finden kann. Barfuss, mit einem gleichgültigen, verstaubten Gesicht sass der Taube im vollbeladenen Aufzuge, vom vierten Stockwerk hinunterfahrend. Jemand lief vorbei, bemerkte etwas an der Maschine und rief mit schrecklicher, wilder Stimme: „Halten! Halten!" Im Herzen des Tauben ein jäher Riss und gleichzeitig, blitzartig, im Hirn ein Schreckensgedanke: „Das Seil .... das Seil gerissen!'*' Mit nervöser Schnelligkeit griff er mit beiden Händen nach dem Reste des Seils. Und wunderte sich : Er sollte wirklich von solcher Höhe herunterstürzen?! Im selben Augenblicke aber war er zur Seite geschleudert. Er fühlte sich fallen. Und glaubte doch zu hören, dass jemand ihn bedaure und „Zu spät. . . zu spät . . in eines_^seiner beiden tauben Ohren flüstere. Eine so leise Stimme hat er sein Lebtag nicht gehört. Erschrocken schloss er die grossen, bleifarbenen Augen. Als er sie später wieder öffnete standen schon viele Arbeiter um ihn herum, beugten sich zu ihm nieder und schrieen ihm in die Ohren: „Wo schmerzt's?" Aber er hatte nicht einmal die Kraft, nach dem schmerzenden Schulterblatt und nach der Seite zu zeigen. Mit blassem, fast totem Gesichte lag er auf dem Boden. Man trug ihn dann in sein Häuschen in der schmalen Klausgassc. Der Trödler und sein Weib, die bei ihm in den zwei Zimmern wohnten, Hessen ihn nieht hinlegen. Und so legte man ihn in das alte Holzbett in der Küche. * * * Jossele Bobtsches hatte in seinem boshaften Kopfe noch genug Schliche. Mendel gegenüber so beiläufig: „Was ist da weiter daran? Der Teufel wird ihn nicht holen, den Tauben/*' Und gleich darauf wieder beim Tauben: Wie, aus Byk's Mühle wollte er mit heilen Gliedern herauskommen? Warum er das sagte? Nun, Byk hatte ihn einmal des Diebstahls beschuldigt und ihn mit aller Wucht die steinernen Treppen hinuntergeworfen. Damals war er zu Tod erschrocken gewesen, hatte nach der bluttriefenden Nase gegriffen und wi& ein Weib geheult. Oder er war vielleicht selbst schon seiner Falschheiten überdrüssig, wollte anständig und ehrlich werden, konnte es aber nicht mehr und fand es wenigstens nötig, dem Tauben ein freundliches Wort zu sagen: Es werde gut vorübergehen, ganz gut. Er habe nur nötig, eine Zeit zu liegen und Schulterblatt und Rippen warm zu halten. Freilich, der Taube liess sich nichts einreden, sondern schüttelte trübselig den Kopf: ,,Ja, ja, liegen, warm halten . . .<f Er dachte übrigens weder an Leben, noch an Tod, sondern lag mit einem gleichgültigen, blassen Gesichte da und konnte den trüben Gedanken nicht loswerden: „Ja, ja, vom vierten Stock heruntergefallen!" Ob er noch aufstehen werde oder nicht, die Frage bekümmerte ihn nicht mehr. Dann kam einmal Esther zu ihm, schlank und frisch, in einer neuen, schwarzen Herbstjacke und mit noch neueren und schwärzeren, ernsten Augen. Eine Weile stand sie erstaunt und versonnen an seinem Bette, mit einem Finger am Kinn und sagte, in Gedanken verloren, einige bedauernde Worte. Sie bückte sich zu ihm nieder, wollte ihm offenbar etwas ins Ohr hineinschreien. Und schluchzte plötzlich laut auf. Sie konnte sich nicht länger zurückhalten. Tiefer und immer tiefer vergrub sie den Kopf in die Lappen auf seiner Brust und weinte und winselte. W7einte sie über das Unglück des alten tauben Mannes da im Bette, oder über ihr eigenes Unglück, das unbekannte, geheime, — so geheim, wie jene finstere Herbstnacht, in welcher die zwei entlassenen Arbeiter Byks Haus umstreift und irgend etwas gesehen hatten? Der Taube sah sie mit seinen grossen Augen an und wollte ihr ein notwendiges, ein sehr notwendiges Wort sagen, das wirr und formlos schon in seinem Kopfe herumschwirrte: Hauptsächlich, dass sie sich keine Hoffnungen machen solle . . . Er hatte den Mund schon geöffnet, eine Hand schon eingebogen. Doch Esther hatte sich schon erhoben und schon begonnen, die Herbstjacke zuzuknöpfen. Langsam und traurig schüttelte sie den Kopf, seufzte wehmütig und ihr Mund zuckte resigniert, als wollte er sich über den alten tauben Mann beklagen, von dem ja kein Rat zu holen war. * , * * Der Regen strömte schon tagelang. — regelmässig und hartnäckig. Wie wenn ihn jemand gebeten hätte.

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