Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Theater
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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16L Theater. 162 sonifizierungen sinnlich anschaulich geworden und keinen Augenblick langweilig. Hier war es wirklich einmal ein Glück, dass ein ästhetisch zulänglicher Geist eine sonst geschmacklosen Philologen überantwortete Arbeit ausgeführt hat. Das Wunderbarste war aber Reinhardts Inszenierung im Zirkus. Dass dieser Raum nicht notwendig zum Werke passte, wie Form zum Inhalt gehört, beweist schon der Umstand, dass einige Szenen einfach verloren gingen, die auf der gewöhnlichen Theaterbühne wirken mihsten. Aber ich habe noch nie vorher so die innere Mannigfaltigkeit der Regisseurnatur Reinhardts bewundert und erlebt, noch nie vorher sein künstlerisches, angeborenes Stilgefühl für Dinge, die er nur aus der Phantasie her kennt, so überlegen walten sehen. Der junge jüdische Schriftsteller David Bergelsohn, dessen Erzählung „Der Taube" in diesem Hefte von „Ost und West" veröffentlicht wird, trat erst vor kurzem in die literarische Arena. Er lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit sofort auf sich, und das ist kein Wunder. Denn aus seinem ersten Buch „Um den Bahnhof spricht ein Talent, mit einem eigenen Stil, mit einer eigenen Form, mit ganz eigenen Worten, die man bei anderen nicht findet „Um den Bahnhof" schildert uns das Leben von Maklern, Getreidehändlern und verschiedener Arten von „Luftmenschen", die niemals wissen, was der kommende Tag bringen wird, heute arm, morgen reich oder umgekehrt. Eine ganze Reihe bodenloser Händler aus dem jüdischen Ghetto geht an uns vorüber. Aber nicht darin besteht die Originalität des jungen Schriftstellers, dass er diese Leute schildert,—denn das haben ja auch schon andere vor ihm getan, — sondern w i e er sie schildert, von welcher Seite er sie beobachtet. Ferner, dass er darauf verzichtet, etwa einen belletristischen Kommentar zur unnormalen sozialen Lage der Juden zu geben, vielmehr uns ein psychologisches Buch in weicher, lyrischer Form schenkt. Das hat ihm den besonderen Platz in der jüdischen Literatur verschafft. Denn so sind in ihr die Helden noch niemals behandelt worden. „Nur schöne Städte schaffen schöne Seelen", bemerkt ein europäischer Schriftsteller. Das langweilige Leben in der Nähe des kleinen Bahnhofes, der irgendwo mitten im Weg steht, das Leben ohne tiefen Inhalt, ohne Traditionen, das Leben in Hast und Eile, zwischen einem Zug und dem zweiten, muss den herrlichen Garten beschmutzen, muss die Seele unempfindlicher machen. Und Bergelsohn zeigt dies in seinen hingeworfenen Episoden; zeigt uns diese Kommissionäre, Makler, Händler, wie sie in der Langenweile untergehen, wie sie sich mühen, die Oede ihres Daseins mit Tratsch, banalen Anekdoten und billigem Flirt auszufüllen; wie sie die wehe Seele nicht merken, die etwa in ihrer Nähe leidet; wie der Rummel, Er entwickelte in Tracht, Spiel und Bewegungen ein so wundervolles Bild deutschen Mittelalters, dass einfach nichts diese Anschauung vergangenen Stiles für jemanden ersetzen kann, der sie nicht gehabt hat. Man denke sich die lieblichen alten Minnelieder von Schauspielern vorgetragen, die sich wie Menschen auf alten Handschriften und Holzschnitten bewegen; Tischszenen, die sich wahrscheinlich philologisch einwandfrei belegen Hessen und allegorische Figuren, die sich wie Dürersche bewegten, hielten und ausdrückten. Es war in allein ein ungewöhnliches Vergnügen für Augen, Ohren, Herz und Geist und gehört zum Bedeutendsten, Mas Reinhardts Phantasie aus dem Nichts erschaffen hat. Xachdruck verboten. in dem sie leben, sie das Seufzen derer nicht hören lässt, denen nichts gelingen will, denen es schlecht geht, die nichts verdienen. Bergelsohn ist kein fanatischer Pessimist, dem es Freude macht, den Schmutz zu suchen. Er glaubt vielmehr, dass es immer und immer wieder Wände gibt, die die Menschen von einander trennen. Jeder steht allein da. Alle sind schrecklich einsam. Und dann glaubt er, dass nichts den Menschen so sehr dumpf und eintönig macht, als die Langeweile. Vielleicht würden sich seine Helden besser, brüderlicher zu einander stellen, wenn nicht diese Wüstenei um sie, wenn nicht dieser rote Steinbau des Bahnhofs, der nur, wenn der Zug kommt, für eine Weile auflebt, um dann wieder in schweren, tiefen Schlaf zu versinken. Und diese seine traurigen Gedanken über die Menschen, über das Leben, über die Einsamkeit, die immer auf uns wartet, entwickelt uns Bergelsohn, indem er uns die zentrale Figur des Buches vorführt: Benisch Rubinstein. Benisch Rubinstein ist ein „Schlemihl", dem nichts glückt, der sich der Bahnhofs-Atmosphäre nicht anpassen kann. Das ganze Geschäftstreiben der Gesellschaft ist ihm fremd. Er steht höher als diese Leute, die nur das Heute kennen, hat etwas gelernt, ist aus gutem Hause und im ganzen von der Umständlichkeit eines Philosophen. Er liebt es, auf dem Perron nachdenklich herumzustehen, wenn er sich sputen sollte, und hat natürlich Verluste. Im Grunde erschöpft sich das ganze Buch in dem eigentümlichen Kampf zwischen dem unglücklichen, schweigenden Rubinstein und allen den übrigen Helden, die ihn auslachen, mit ihrem Spott, mit ihrem Lächeln ihn kränken und ihn dazu treiben, an Selbstmord zu denken. Interessant ist die Schreibart Bergelsohns, die der Knut Hamsuns und Hermann Bangs so sehr ähnelt. Das ist dieselbe edle Zurückhaltung und Kürze, derselbe weiche, ein wenig schüchterne Lyrismus, dieselbe ruhige stille Schwermut. Ihm ist die Kraft verliehen, mit zarten, lyrischen Worten DAVID BERGELSOHN. Von Sch. Gorelik.