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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 159 - 160

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Theater
Date
1912-02-01
Page
Seite 159 - 160 (sequence 3)
Language
German
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159 Theater, 160 schlanke Lustspielakte, der Humor für einen kurzen Abend aus, wenn sich nur nicht wieder ein alter Bohemien als Erzphilister, ein maskierter Künstler als bürgerlicher Lustspieldichter entpuppt hätte. Die literarische Revolution hat die Sehnsucht des Publikums nicht vernichten können, dabei zu sein, wenn der Hans die Grete bekommt, nur die Dichter sind ein wenig anders, nämlich wählerischer in den Mitteln geworden, das heisst: sie sind dieselben geblieben. Die besonders im 2. Akt geschickte Regie wurde vor allem von zwei Schauspielern unterstützt: von Herzfeld, der einen ganz reizenden, jüdisch-skeptisch-witzelnden Ton traf, und von Hartau, der für die draufgängerische Unbedenklichkeit seiner Rolle die Vitalität seiner Natur und die bewegliche, die Bühne überaus belebende Elastizität seiner Gesten einsetzte. Hugo von Hofmannsthal hat wiederum, seit seiner „Elektra" zum erstenmal, mit zwei dramatischen Arbeiten Erfolg geerntet. Sein Text zum „Rosenkavalier" und die Bearbeitung des alten Mysterienspiels „Jedermann" haben wirklichen theatralischen Wert und hätten darum mehr Aussicht, auch noch in späteren Jahren fortzuleben als seine anderen dramatischen Arbeiten. Denn teils verdecken diese mit einer tragischen grossen Gebärde einen geringen Inhalt, - - Elektra, Das gerettete Venedig, Oedipus und die Sphinx — teils sind sie zu zart, zu lyrisch, wie die kleinen Dramen, teils misslungen wie Christinas Heimreise, seine letzte selbständige Bühnendichtung. Hofmannsthal hat wie epische und lyrische auch die tiefsten und letzten Anlagen zum Dramatiker. Seiner Natur nach hätte er ein grosser Dichter werden müssen, aber wegen eines allzu geringen seelischen Fonds ist er hinter sich selbst zurückgeblieben. Nach einer ersten, überaus verheissungsvollen Jugend hat sich der Mund dieses Dichters, der zuerst so rührend und edel klagte, nur noch verzerrt auf getan und die wohlgeformteste Kunst ist seitdem von Krämpfen und Grimassen entstellt. Ist seine Rosenkavalier-Dichtung auch nur Libretto, das also ganz andere Maasse verlangt, so ist doch fast zu bezweifeln, dass ihm ein selbständiges Lustspiel besser gelungen wäre. Nach einem guten Einsatz überschlägt sich die Handlung, der Dichter verliert die Uebersicht und kommt zwar da heraus, wo er herauskommen wollte, aber nur nach umständlichen, überflüssigen Verirrungen und Intrigen. Manchmal muss man sein Geschick, Wünschen des Opernkomponisten zu begegnen, bewundern; aber wie viel Ansätze haben sich um eine schlank gedachte Fabel gelagert und wie mangelhaft sind die einzelnen Personen untereinander verbunden. Viel zu schwach ist z. B. Quin-quin charakterisiert. Ein geschickterer Dramatiker hätte nicht zu Ende, sondern schon zu Beginn des 1. Aktes gezeigt, wie die Marschallin ihren Liebhaber verliert und besser Quin-quins Bedeutung für den Ausgang der Fabel vorbereitet. Die Hauptszenen haben kein genügend starkes Gewicht und sind noch viel zu wenig modelliert. Wirklich ist Hofmannsthal aber ein Mensch gelungen, nämlich die Marschall in, deren Resignation und Traurigkeit, deren Klage um ihre fliehende Jugend und um ihr Los, zu altern, in rührenden Versen gestaltet ist. Es ist der Mensch, der in allen Werken Hofmannsthals vorkommt, der aber hier zum erstenmal allgemein gültig geworden ist, weil nicht ein junger Literat, sondern eine ältere Frau in Klagen ausbricht, die aus ihrer tiefsten, wahrsten Seele kommen. So wenig wie im „Rosenkavalier", hat Hofmannsthal aus „Jedermann" das Problem seines Lebens und Dichtens weglassen können: nämlich die Klage über die Sinnlosigkeit des Seins, die Flüchtigkeit unseres Lebens und die Nichtigkeit eines genossenen Glücks. Ja, es ist wahrscheinlich, dass er nur deswegen „Das alte Spiel von Jedermann" bearbeitet hat, weil auch das alte Stück dieses Problem in einer Form enthielt: Der Mensch wird von seinem Leben hinweggerissen und muss über sein freches Geniessen Rechenschaft ablegen. Hofmannsthals schöpferischer Anteil an dieser Arbeit ist gering. Er war vorwiegend Arrangeur, stellte verschiedene Fassungen, Formen und Dichtstücke zusammen und brachte alles auf einen so einheitlichen Ton, dass es schwerfällt, auf die Nähte, die die fremden Bestandteile verbinden, den Finger zu legen. Das alte Stück ist bei aller Naivität und Kindlichkeit von feinstem menschlichen und künstlerischen Gehalt. Alles ist durch die Per- MAX PRETZFELDER. Strasse in München N. NACH EINER RADIERUNG.

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