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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 157 - 158

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Max Pretzfelder
Date
1912-02-01
Page
Seite 157 - 158 (sequence 3)
Language
German
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157 Theater. 158 MAX PRETZFELDER. Frivolität, die vor nichts zurückschreckt, die Neigung zum schlagwortartigen Zusammenfassen und damit Erledigen grösserer Gegenstände und Menschen, das Zersetzende des Witzes ist beiden gemein. Bei den Juden ist es vielleicht noch schärfer als beim Berliner ausgeprägt, so dass dieser nur für die Posse, jener aber für die Satire besondere Gaben mitbringt. Eine Vereinigung beider ipt in den neuen Possen zu entdecken, die Meinhardt und Bernauer mit Glück nun zum drittenmal teils als Theaterdirektoren, teils als Bearbeiter, teils als Verfasser aufgeführt haben. Aber um so viel anders der Geist der Zeiten geworden ist, um so viel unterscheiden sich die alten Possen Kalischs von den neuen, die Bernauer und Schanzer schreiben. Alles, was als sichtbarste Form unseres gesellschaftlichen und städtischen Lebens dem Bearbeiter oder Dichter auf fällt, wird ihm zum Objekt seines Witzes. Es ist klar, dass die Juden dabei keine geringe Rolle spielen. Aber das Interessante an dieser Posse ist, dass die Christen Juden, die Juden Christen sein könnten, ohne dass dadurch die UnWahrscheinlichkeiten grösser oder kleiner würden. Es ist eben nur ein Geist, der die niedere Menschheit verbindet, die Rassen einander nähert, die feindlichen verwandt macht. In den „Grossen Rosinen, oder Berlin hat's eilig" ist alles untereinander geworfen. Die altberliner, provinzielle Gutmütigkeit, die ursprüngliche, witzige Schärfe und der neue Geist, der sich bald als Kaufhaus des Westens, bald als Englisches Cafe von seiner besten oder seiner schlechtesten Seite zeigt. Merkwürdig kam mir aber noch vor, wie diese Posse das verhöhnt, was ihre Figuren im Leben erstreben, und dass sie fast das Publikum züchtigt, während sie es lachen macht. Denn womit kann sich eine demokratische Gesinnung vollständiger in Frage stellen, als durch ihren unausrottbaren Respekt vor dem Adel, und wer könnte ihr kräftiger ins Gesicht schlagen, als sie selbst durch jeden Griff nach Wappen und Krone! Der trottelhafte Graf, der in dieser Posse vor - kommt und den Meinhardt ebenso vollendet spielt, wie sonst die jüdischen Typen, — er könnte noch trottelhafter sein, und die dummen Gänse liefen ihm nicht eifriger nach, als die Aktionäre, die sein Name düpiert. Aber wenn das YV irklichkeit ist — und sie ist es! — warum dankt nicht endlich der demokratische Geist ab, der solchen Unfug duldet, und warum unterstützt er eine Satire, die ihn noch vor den unwahrscheinlich spätesten Jahrhunderten lächerlich machen wird, wofern sie nur dem Lamprecht des 40. Jahrtausends in die Hände fällt. Bernauer und Schanzer haben es sich dieses Mal etwas leichter gemacht als voriges Jahr mit den ..Bummelstudenten**. Einige Situationen wiederholen sich, die kräftigsten Das alte Pferd. NACH EINER RADIERUNG. Wirkungen werden durch die gleichen Mittel erzielt und das Ganze ist fast eine Fortsetzung der „Bummelstudenten*4. Aber einige komische Szenen, die Musik, zu der Bogumil Zepler ein Duett beisteuerte, und vor allem das Spiel der Hauptdarsteller verbürgen den Erfolg. Auf höherem Niveau will uns dieselbe Direktion in ihrem Theater in der Königgrätzer Strasse belustigen. Die fünf Frankfurter eines gleichnamigen Lustspiels von Carl Rössler sind die fünf Brüder Rothschild. Zwar wird ihr Name nicht genannt, aber das Publikum weiss, wer gemeint ist, und empfindet einen tiefen Respekt, Zeuge der weittragendsten Finanzgeschäfte zu sein, die diese fünf Brüder vor seinen Ohren und Augen abschliessen, die Hauspolitik treiben und Einblicke ins politische Räderwerk eröffnen. Ich glaube, das ist der geschickte Griff des Autors gewesen: etwas auf der Bühne vorgehen zu lassen, was die Leute a priori kraft seines Nimbus in Erstaunen setzt. Grosse Namen haben einen besonderen Klang und ihre Akustik erschüttert von vornherein. Nur wäre es nun die Aufgabe des Dichters, das lote Wort eines bekannten Namens individuell zu beleben und dem blassen Gesicht einer überkommenen Figur einen farbigen Ausdruck zu geben. Rössler hat Anselm, Salomon und Jacob am lebendigsten gesehen. Der erste ist der skeptische und vorsichtige, der zweite der draufgängerischste, der dritte der sentimentale unter den Brüdern. Carl hat das Aeussere eines Gecken, Nathan ist — überflüssig. Salomon ist daher die treibende Kraft des Spiels. Den Herzog von Taunus zu seinem Schwiegersolln zu machen — dieses kühne Stück, das sein Meisterstück hätte werden sollen, misslingt ihm allerdings. Denn seine Pläne kreuzt die Liebe seines eigenen Bruders zu seiner Tochter, und da Familieninstinkte stärker als Geschäftsrücksichten sind, werden Cousin und Cousine ein Paar. Bei aller Dünne reicht die Fabel für drei

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