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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 155 - 156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Max Pretzfelder
Date
1912-02-01
Page
Seite 155 - 156 (sequence 2)
Language
German
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155 Karl Schwarz: Max Pretzfelder. 155 1 ^^sSXr MAX PRETZFELDER. Hügel und Turm. NACH EINER RADIERUNG Diese Alltäglichkeit zeigt Pretzfelder in seinen Radierungen. Leise säuselt der Wind durch das Laub der zarten Bäumenen, deren Stämmehen kaum selbständig die kleine Last tragen können. Nichts sonst als diese fünf Bäume im Vordergrund — und trotzdem geht der Blick weit weit in die Ferne; die feine gewellte Linie dort liinten lässt von Hügeln und Bergen träumen. Kann man sich etwas Einfacheres denken als dieses Blättchen? Mit ebenso bescheidenen Mitteln ist die Landschaft mit dem Turm gegeb en. Wenige Stricl i e deuten nur an, z. B. die Baumgruppe und der Zaun an der rechten Seite. Vorn eine grosse weisse Fläche, erst nach einer weiten Strecke hebt das Bild an. Die ruhige stille Natur. So auch in dem Vorst adtbildchcn, wo die Menschen schleichen und jedes Knistern hörbar wird. Pretzfelder ist ein fein beobachtender Künstler, der graphisch darzustellen vermag. Jede Linie spricht, edles ist nur in Linien gesehen, lind wenn auch das Vorbild, das den Künstler geleitet hat, deutlich zu erkennen ist — es sind die zarten Radierungen Adolf Schinnerers — so bleibt doch in jeder Arbeit so viel eigene Kraft und Darstollungsföhigkcit, doss die Zukunft uns sicherlich weitere schöne Werke Pretzfelders, der ein tüchtiges Glied der jüngeren Graphikergeneration ist, bringen wird. THE, Von F e 1 i x £ Auch dies?» Jahr scheint die Direktion des Berliner Theaters den Geschmack des grossen Publikums, das allein einen Jahreserfolg garantiert, mit einer Posse getroffen zu haben. Berlin hat vor seinem Eintritt in die Reihe der Weltstädte wenig bei den Künsten verweilt. Sehen wir von den kurzen Perioden ab. in denen die bildenden Künste blühten, so hat sich die ganze Entwicklung hinter seinem Rücken vollzogen. Xur in der Posse, also im niedersten Genre, hat Berlin Originelles geleistet, und was da entstanden ist, scheint noch jetzt, entsprechend modernisiert, harmlosen Leuten gefallen zu können. Heute hat sich Berlin in der Malerei und der Dichtung seinen Anspruch, einen Wert in der Entwicklungsgeschichte vorzustellen, gesichert — aber dabei ist es der Boden geblieben, auf dem eine Posse entstehen kann. Ich glaube, dass bei dieser Entwicklung die Juden keine geringe Rolle gespielt haben. Es gibt vor allem kaum eine Weltstadt, in der die Juden sozial und gesellschaftlich ein solches Xiveau erreicht haben, und in so hohem Masse anerkannt und geduldet werden, wie in Berlin. Auch in Wien haben sie ihren Teil an der Finanz-, Gelehrten- und Kunstwelt zu erringen verstanden, — aber ihnen steht doch eine grosse, kompakte, österreichische, rein nationale Gesellschaft II JL- 1\. Nachdruck verboten, tössinger. gegenüber, die sich fremd abliebt. In Berlin ist das schon deshalb nicht möglich, weil es keine eigentlichen Berliner gibt, und eine derart zusammengewürfelte Kolonistengesellschaft zu allerletzt nationale Ansprüche stellen, Rassevorzüge fordern oder auch nur theoretisch bevorzugen wird. Die Exklusivität des junkerhaften Adels kommt ja für das weitere Berlinert um kaum in Frage — fast sind schon die Berliner fremd in Berlin geworden. In so einer Sozietät nehmen nun natürlich die Juden eine ganz besondere Stellung ein. Sie haben c; leichter, in einen werdenden Organismus hineinzuwachsen, als in einen gewordenen, sie können eher ein junges Stadtwesen beeinflussen, als ein gereiftes, odsr gar ein veraltetes, sie sind eben in Berlin fremd, wie es die meisten und daher heimisch, wie es alle sind. Nun kommt aber noch dazu, dass zwischen dem Berliner und dem Juden eine geistige Verwandtschaft besteht. Beide sind vorwiegend spirituelle Wesen, geistig regsam, neuerungslustig, Unternehmernaturen, und niemals zufrieden, ruhig, gesättigt; geistig durch ihren Witz überlegen, dem Gefühl nach — was eher die neudeutschen als etwa die reineren Juden des Ostens bestätigen werden — sehr bewusst und ausserdem Anbeter eines Bildungsideals. Die Ueberlegenheit ist aber die Voraussetzung zur Posse und zur Satire. Die

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