Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Literarische Rundschau [Rezension]
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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153 Literarische Rundschau. 154 seliger werden können,kommt, sondern nur von jenen Stimmen aus der Unendlichkeit, die begnadete Zeiten und begnadete Menschen den Völkern als Ewigkeitssymbole undWeltinhalte in die Seelen senken. Im übrigen rate ich Grete Meisel-Hess noch, ein kleines Büchlein zu lesen: „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer"3) von Arnold Zweig. Daraus kann sie viel lernen, wenn sie will. Mir hat es mächtig Spass gemacht. Nicht etwa, dass es komisch wäre oder an sich komisch wirkte. Ganz im Gegenteil. Es ist sehr ernst und geeignet, ernst zu wirken. Die Geschichte spielt in nicht zu ferner Zukunft, im — Judenstaat in Palästina. Der Held und die Heldin, seine Schwester — sie erinnern in ihrem Verhältnis zu einander an das fürstliche Geschwisterpaar Agrippa und Berenice — sind von einem jüdischen Vater und einer italienischen Mutter. Wenn man ihnen zusieht und zuhört, ihnen und ihrem bohrenden und unfruchtbaren Gegrübel, ihrem sich und andere Belauern und Belächeln, ihren seltsamen Wandelgängen an der Grenze von Licht und Dunkelheit, — wird einem angst und bange und kalt. Man ist anfangs geneigt, dem Dichter die Schuld an dieser Kälte zu geben, weil er an Begebenheiten, die er selbst fast gewaltsam ethnisch, sozial und politisch bedingt hat, zu viel ästhetisch - individualistisches Interesse verrät. Aber bald überzeugt man sich, dass die Hauptschuldigen diese Geschwister sind. Von ihnen geht der eisige Hauch aus und dem Leser ans Herz. Von ihnen, — dieser Reinkultur des Intellektualismus. Von dem Helden besonders, der die furchtbaren Worte 3) Arnold Zweig. Aufzeichnungen über eine -Familie Klopfe r. Kleine Bibliothek Langen. Band 110. Einen jungen Künstler stellen wir heute mit einigen Radierungen den Lesern vor. Max Pretzfelder, ein geborener Nürnberger, der augenblicklich zum Studium in Paris weilt, erweist sich in seinen graphischen Arbeiten als ein feiner Beobachter de** Natur, dem das bescheidenste Winkelt hen, das einfachste Haus und der kleinste Baum genügend sagt, um in einem Bildchen in poetischem Scheine verklärt zu werden. niederschreibt : „Keinerlei Sehnsucht erfüllt mich, keinerlei Schmerz oder unglückliche Gefühle, wenn ich das feststelle: ich bin ausgeschlossen von diesem Volke, welches ich verachte, indem ich es liebe, und gehöre ihm nicht an, wie ich niemandem angehöre,ausser meiner Schwester. Es ist nicht nur das lateinische Blut meiner Mutter, welches mich von diesen Menschen trennt, dieses Blut, das meine Hände zwingt, nach dem Diktat eines unzulänglichen Geistes zu schreiben, um missgestaltete Werke hervorzubringen und zu zerstören, das meine Sensibilität verachtet und meine Klugheit verlacht: sondern es ist auch die vererbte Kraft zu denken, den Phantomen mit unwiderleglichen Schritten nachzugehen und sie zu erledigen, es ist jener Massstab der Vornehmheit, den ich stets verachte und durchschaue, ohne ihn zu verwerfen, und der mich von diesem unheimlich alten und jungen Volke scheidet, das riesenmässig gross und unsäglich gemein in einem ist und nie aufgehört hat, zu sein/' Und weiter geht die Beichte des Unglückseligen. Er sieht sich und seine Schwester als „die letzten Europäer" ,,in diesem Volke beginnender Asiaten"" — „losgelöst von allen AVurzeln, allen Gesetzen, allen Sitten, unabhängig von allen Wertungen, von keiner Strafe geschreckt, gelockt von keinem Lohn, ohne Reue und ohne Zukunft". Letzte Europäer? Nein, letzte und logische Ausläufer eineT Richtung, die sich in ihrer Jugend unterfangen hat, mit Fleiss und gutem Willen, aber ohne das Fundament der Ewigkeit, Menschheits-Zukunft zu bauen. Einsame Eisnadeln! Wir aber brauchen einsame Vulkane. . . . Wir: die Menschheit sowohl als unser Stamm. M a t h i a s Acher. Nachdrucke verbeten. Wie oft führt uns das Alltagsleben an solchen Dingen vorbei, die wir achtlos übersehen, und wie ergreifen uns dieselben Gegenstände in ihrer Bescheidenheit und Innigkeit, wenn wir erst darauf aufmerksam gemacht werden. Dann beginnen sie zu erzählen, viel eindringlicher und herzlicher als all das Grosse, das wir zu unserer Begeisterung nötig zu haben glauben. MAX PRETZFELDER. Apfelbäume. NACH EINER RADIERUNG. MAX PRETZFELDER. Von Karl Schwarz.