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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 151 - 152

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Literarische Rundschau [Rezension]
Date
1912-02-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 2)
Language
German
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151 Literarische Rundschau. 152 und gelegentlich auch sittliche Superiorität der zweiten. Aber ich habe begreifen gelernt, was die intellektuellen Juden gewähnlieh gar so sehr vom Judentum fortstiess. Ich sah die Intellektuellen gleich der Intelligenz, ja noch mehr als diese, von den natürlichen Konzentrationen menschlicher Kraft, von den Völkern und ihren Weltanschauungen losgerissen, ohne Wurzeln im tiefen Werden sowohl als im Kreise irdischer Möglichkeiten. Und nun glaub ich an die Weltausbesserung durch die Intellektuellen nicht mehr und muss lächeln, wenn ich sehe, wie sie ihre intellektuellen Ziegel zusammenschleppen, um daraus das „dritte Reich" zu bauen; wenn ich sehe, wie sie bauen wollen, ohne Rücksicht auf das ewige Lallen und das ewige Wissen des Volkes, ohne Eingehen auf seine Weltbilder und Weltbildbedürfnisse und endlich, ohne den Prophetenruf des grossen Genius. . . . Und just jetzt, da sich diese Empfindungen und Erkenntnisse in mir und, wie ich glaube, in vielen, vielen andern, immer mehr befestigten, trägt mir mein Lesegeschick drei Bücher zu, deren illustrative Bedeutung für das Intellektuellenproblem in seinem ganzen Umfange eine ganz beträchtliche ist. Da sind zunächst die „Petersburger Nächte"1) von P a u 1 B a r c h a n. Ich möchte gleich im voraus bemerken, dass mir schon seit langer Zeit kein schöngeistiges Buch in die Hand kam, das so fein und stark zugleich geschrieben war, als diese merkwürdige Sammlung von Bildern aus dem russischen Leben. Wenn ich von dem allerletzten Teile des Buches absehe, der uns das Getue der russischen Literaten und Theaterleute vorführt — ich für meinen Teil kann mich niemals entschliessen, an diese Literatenwichtigkeit zu glauben — so zeugt jedes einzelne Bild von einem Feuilletonisten, der über sich selbst zum Dichter hinausgewachsen ist. Ohne es an Information fehlen zu lassen, deren fein geschliffene, oft haarscharfe Worte einen Reiz für sich bilden, schenkt uns Paul Barchan noch weit Kostbareres, indem er Tageszeiten, Landschaften, Städte, Völker- und Menschenschicksale wie durch ein Sieb der Poesie gehen lässt. Bald hören wir ein leises, geheimnisvolles Lied, wie in der Schilderung der berühmten Petersburger Naturerscheinung der „Weissen Nächte". Bald liest sich's wie das Kapitel eines Geschichtsepos, so das Bild „Der ewige Jude", das uns einen in Petersburg nicht wohnberechtigten Juden auf seinen nächtlichen Wanderungen durch die winterliche Stadt zeigt. Bald wohnen wir einem symbolischen Drama bei, wie in der groteskesten, aber auch geistvollsten und tiefsten Geschichte des Buches, die den Titel „Das russische Gemüt" führt und einen Deutschen und einen Russen einander gegenüberstellt. Barchan hat auch den Vorzug, uns nicht mit Theorien zu plagen. Dass er aus seiner Abneigung gegen die russische Reaktion kein Hehl macht, ist nur selbstverständlich. Aber es fällt ihm wirklich nicht ein, uns in irgendwelche Richtung zu drängen. Er will nichts, als uns die Seelen der russischen Menschen und Dinge in feiner, künstlerischer Projektion darbieten; der Bekenner tritt hinter dieser glänzend gelösten Aufgabe vollständig zurück. Es wäre daher auch gar kein Anlass, nach seiner besondern geistigen Stammschicht zu forschen, wenn uns nicht sein eigentümliches Verhalten zur jüdischen Gemeinschaft reizte. Die kühle Exterri- *) Paul Barchan. Petersburger Nächte. Zweite Auflage. S. Fischer Verlag, Berlin 1010. torialität, in der sich dieser begabte russische Jude gegenüber dem Judentum gefällt, fällt auf. Als ginge ihn dieses nur als eines der zahlreichen Opfer der russischen Unzulänglichkeit an, als wäre er nicht selber jüdischen Blutes und stünde nicht trotz allem unter der ihm wahrlich nicht abträglichen Botmässigkeit dieses seines Blutes. . . . Man erkennt das innere Arrangement des Intellektuellen und ist nur froh, dass es sonst in seinem Buche fast gar nicht fühlbar wird. Der Roman der Grete Meisel-Hess, „Die Intellektuellen",2) lässt diese Freude leider nicht aufkommen. Im Gegenteil. Schon der Titel erfüllt mit Bangen. Wie, wenn er nicht ironisch gemeint wäre? Und richtig ist er das nicht. Wirklich wird auf mehr als fünfhundert Seiten eine etwas redselige Gegenwarts- und Zukunftsapotheose der Intellektuellen gegeben. Noch steckt die Menschenwelt voll Unsinn und Niedrigkeit — worin ich übrigens der geehrten Verfasserin nur beipflichten kann —, aber wartet nur, balde . . .! Schon sind auf allen Ecken und Enden Geistes- und Sittlichkeitsameisen tätig und tragen fein rational und logisch und wissenschaftlich den Glücks- und Adelsstoff für die Menschheit zusammen. Und dass ihr es auch wissen sollt, Grete Meisel-Hess übersieht nicht die Juden. Sie räumt ihnen in ihrem Romane fast alle zu besetzenden Intellektuellenstellen ein. Ja noch mehr. Der jüdische Hauptheld ihres Romanes schreibt selber einen Roman und lässt uns darüber folgendes wissen: „Als Träger der Handlung sehe ich einen aus der jungen Generation hochassimilierter, weltbürgerlich freier Juden. Ich sehe ihn als eminenten Vertreter intellektuellen Ringens. Sein Herz birgt noch die alte Inbrunst vom Sinai — seine Seele liebt vielleicht noch die Gesänge, zu denen an den Wassern des Euphrat die Harfen tönten, — von Tränen betaut, — aber seine Vernunft klettert kühn auf die Gipfel weltlicher Kultur, bis zu Darwin, Nietzsche und Kant." Oh, klettere, klettere, du sympathische jüdische Riesenameise! Und wenn du droben bist und dir Darwin, Nietzsche und Kant angesehen hast, dann drahte, ich bitte dich, an Grete Meisel-Hess, dass diese drei wenigstens—keine Intellektuellen waren. Vielleicht siehst du auch dann ein, dass es besseres zu tun gibt, als ein jüdisches Ameisenghetto zu schaffen. Und vielleicht gelingt es dir dann auch, Grete Meisel-Hess zu kurieren. Aufrichtig gestanden, ich wünsche es sehr sehnlich. Denn ich habe Respekt vor ihr. Ich meine das nicht gerade in bezug auf diesen Roman, in dem die Tendenz zu wenig gezügelt, und der trotzdem so reich an Poesie, an feiner, frauenhafter Webearbeit, an kühnen und stolzen Gedanken, an gesteigerter Menschlichkeit ist, — das Wort stammt von der Dichterin selbst. Ich spreche vielmehr von ihrer ganzen Persönlichkeit, soweit aus Dichtung und öffentlichem Wirken ein Rückschluss gestattet ist. Sie scheint mir ein adeliger und hochbegabter Mensch zu sein. LTnd da ist es mir peinlich zu denken, dass sie immer dort stehen bleiben sollte, wo sie heute steht. Vielleicht findet sie später einmal, nach vielen Bitterkeiten, endlich den Weg zu ihren tiefsten Wunsch¬ und Ahnungstiefen. Und holt dann von dort die Sicherheit hervor, dass das Heil der Menschen nicht von irgend einer Klasse und Schichte, und nicht von intellektueller Ameisenarbeit, durch die sie nur noch unleidlicher und unglück- 2) Grete Meisel-Hess. Die Intellektuellen. Roman. Zweite Auflage. Berlin 1911. Oesterheld & Co. Verlag.

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