Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Das jüngste Bild vom Judentum
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 6)
- Language
- German
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123 Dr. Max Eschelbacher: Das jüngste Eibl vom Judentum. 124 immer erst mit Aufwendung von allerhand Kunstkniffen das reichtums- und erwerbsfeindliche Essäertum aus seinen heiligen Schriften weginterpretieren." Das ist nicht richtig. Wenn ein frommer Christ etwa den praktischen Kommentar zur biblischen Geschichte von dem Freiburger Weihbischof Knecht, das verbreitetste katholische Unterriclitswerk dieser Art, aufschlägt, dann findet er dort einen Satz, der ebensogut in jedem jüdischen Religionsbuch stehen könnte „Wer dem Mammon dient, diesen unordentlich liebt, den Erwerb und die Vermehrung der Reichtümer als seine höchste Lebensaufgabe ansieht, der vernachlässigt den Dienst Gottes und die Sorge für sein Seelenheil... und scheut selbst die Sünde nicht, um sein Hab und Gut zu mehren/4 Und in dem „Lehrbuch der Moraltheologie" des Erzbischofs von Köln, Kardinal Simar, kann er lesen ,,Da der Besitz irdischer Güter zur Erhaltung des leiblichen Lebens, zur Behauptung einer der Bestimmung des Menschen entsprechenden Stellung in der Gesellschaft unentbehrlich ist, so gehört auch dessen Erwerbung durch persönliche Mühe und Arbeit mit zu den sittlichen Pflichten des Menschen gegen sich selbst. Das Christentum gibt ihm ausserdem in der liebevollen Sorge für das Wohl des Nächsten und für die höchsten Interessen der Menschheit überhaupt die edelsten und mächtigsten Motive zu aufopfernder Erwerbstätigkeit an die Hand." Er findet dort ferner die beruhigenden Worte „Auch der Erwerb und Besitz von Ueberfluss und R e i c h t u m ist dem Christen gestattet, vorausgesetzt, dass er ihn nicht um seiner selbst willen sucht und liebt, sondern nur als Mittel zu höheren, gottgefälligen Zwecken/* Bis ins kleinste entspricht alles das der jüdischen Auffassung. In starkem Gegensatz zu dieser steht allerdings das von Sombart mit besonderein Nachdruck angeführte Wort des Matthäusevangeliums „Leichter ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Himmelreich komme/* Wir halten diesem Ausspruch gegenüber mit voller Ueberzeugung an dem entgegengesetzten Standpunkt des Judentums fest. Hier sei nur hervorgehoben, dass das Wort des Evangeliums in der Geschichte des Christentums nur eine geringe Rolle gespielt hat. Wäre mit ihm Ernst gemacht worden, es hätte die Welt umstürzen müssen. REVUE DER 3hm markiert. Die amerikanische Handelsvertragskündigung hatte im ersten Augenblick in Russland einen niederschmetternden Eindruck Ii ervorgebracht. Es geschah sogar das Unerhörte, dass die offizielle „Rossija" einen judenfreundlichen Artikel veröffentlichte. Aber bald kam den Regierenden der Mut wieder. Die echtrussischen Leute machten einen ungeheuren Lärm., und, da es ihnen offenbar, wie immer bisher, gelang, jenen Faktor zu überzeugen, dessen Stimme in Russland nicht Wenn wir aber einen massgebenden Zeugen der christlichen Lehre befragen, wenn wir z. B. die erwähnte „Moraltheologie" des Kardinals Simar aufschlagen, so sind wir überrascht von der mehr als bescheidenen Rolle, die der Satz aus Matthäus spielt. Bei Simar wird er ein einziges Mal erwähnt, kleingedruckt steht er in einer Anmerkung und wird auch da nur angeführt als Belegstelle für die Richtigkeit des Textes, der da sagt, „Die Gefahr des Geizes oder doch irgendwelcher unordentlichen Anhänglichkeit an den Besitz, liegt dem Wohlhabenden sehr nahe!" Wenn wir nun bei Sombart lesen „Welche Seelenangst muss der reiche Christ ausstehenr da ihm das Himmelreich verschlossen ist, gegenüber dem reichen Juden, der, wie wir sehen, „im Namen Gottes Gold wie Zinn und Silber wie Blei sammelt", so dürfen wir demnach sagen, dass in diesem frivolen und tiefverletzenden Satze die erste Hälfte so unwahr ist, wie die zweite. Das war es so ungefähr, was Sombart in den Kapiteln „Die Grundideen der jüdischen Religion" und „Der Bewährungsgedanke" über uns zu sagen gewusst hat, und was darauf zu erwidern ist. Er spricht dann ausserdem noch viel von der „Rationalisierung des Lebens", von der Stellung Israels zu den Fremden, von der Zinsgesetzgebung und anderen Dingen, vieles, was nicht weniger falsch und schief ist. Doch damit gedenken wir uns ein anderes Mal auseinanderzusetzen. In einer grossen Zeit ist vom Judentum einmal das zukunftsfrohe und sichere Wort gesprochen worden „Eine Waffe, die gegen dich geschmiedet wird, hat kein Glück". Dieses Vertrauen stellt sich auch heute immer wieder ein. Mit allen Errungenschaften und Methoden modernster Wissenschaft hat Sombart Angriffe gegen das Judentum gerichtet, wie sie noch zu keiner Zeit vernommen worden sind. Sie haben uns genötigt, von neuen Seiten das Judentum zu betrachten und von neuen Gesichtspunkten aus es zu prüfen. Und auch da hat es standgehalten. Oft zeigt ein Angriff dem Angegriffenen nur, wie stark er ist. So bleibt auch bei uns als Ergebnis alles Streitens nur ein noch festeres Vertrauen zu dem Glauben unserer Vergangenheit und unserer Zukunft, und über allem Angriff und allem Bestreiten strahlt hell die innere, ewige Kraft des uralten Judentums. L-f\L 1 v_JIN 1J JL. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. überhört werden kann, — schlug der Wind um. Die „Rossija" begann wieder unfreundlich zu werden, und die Regierung einen starken Willen zu markieren. „Niemals!" ist wieder Trumpf in Russland. Niemals werde man die amerikanischen Juden, nach Russland hineinlassen. " Niemals werde ein Vertrag geschlossen werden, der Amerika in diesem Punkte nachgibt. Nun. wir wissen ja, dass es in der Politik kein Niemals gibt. Die Tatsachen und die tatsächlichen Kräfte sind stärker als die Verbissenheiten einer