Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Aus dem Leben der Karaiten
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 69 - 70 (sequence 3)
- Language
- German
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G9 Kuben Fahn: Aus dem Leben der Karäiten. 70 grünen Fensterchen sind wie in stumme Trauer versunken und als fürchteten sie den Blick zum hellblauen Himmel zu erheben. Die Sonne sendet an diesem warmen Morgen auch hierher ihre Strahlen. Fliegen schwirren im Licht umher und Schwälbchen fliegen von Dach zu Dach. . . Seit unendlichen Zeiten kommt die Sonne in diesen einsamen Winkel, als wollte sie das Leben hier, das jedem Fremden unsichtbar bleibt, auskundschaften. Sie sah den Anfang und wird das Ende sehen. . . Die Gasse ist unverändert geblieben. Sie könnte von den Karaiten vergangener Jahrhunderte erzählen, die hier ihr Heim aufschlugen, von den Schicksalen Vereinsamter und Unglücklicher, die, losgelöst von ihrem Volk, eine kleine Welt für sich bilden — eine Welt mit eigenem Licht und eigenem Schatten. . . Es gibt Karaiten, die sich von ihrer Sekte trennten und die Gasse verlassen mussten. Andere sind Schänker oder Landwirte in nahen Dörfern. Wieder andere haben fremde Sitten angenommen und sind ihrer Sekte entfremdet. Es wohnen auch Anhänger anderer Religionen in der Gasse. — Die Gasse selbst aber ist ein Zentrum des Karaismus und ein Wahrzeichen karaitischen Lebens geblieben. . . Es ist neun Uhr früh und die Karaiten bei der Arbeit. Ich zögere eine Weile, ehe ich die Gasse betrete. Da kommt ein alter Jude des Wegs, ich wende mich an ihn: „Ich bin hier fremd. Da mich der Zufall hierherführte, möchte ich gerne die Karaiten sehen . . . „Was ist da zu sehen? Eine sonderbare Religion, weder Wolf noch Hund, Jud und Christ zugleich/4 erwidert der Alte. „Die Juden und Christen hier kümmern sich gar nicht um sie." „Vielleicht könnt Ihr mir etwas von ihren Sitten und Gebräuchen erzählen?" frage ich. „Was ist da zu erzählen? Es sind ganz merkwürdige Leute. Haben dieselbe Thora wie wir und halten doch nicht alle Gebote. Ihre Gebetbücher sind nicht wie bei uns. Manche Abschnitte fehlen ganz. Sie haben eine Mesuse an der Tür, aber Tefilin legen sie nicht. Sie tragen Schaufäden, aber keinen Talis beim Beten — nur einen Talis Koton (kleiner Gebetmantel). Rosch-Haschono darf nicht Schofar geblasen werden. Eine Laubhütte haben sie, aber Essrog und Lulow nicht. Purim wird gefeiert, Chanuka nicht. Und so gibt es bei ihnen viele Verkehrtheiten," schliesst der Alte. „Unterscheiden sie sich in der Kleidung von den anderen Einwohnern? Wie kann ich sie auf der Strasse erkennen?" frage ich. „Dort links geht gerade einer/' „Das ist ein Karaite?!" — rufe ich überrascht. „Der sieht ja ganz wie ein Bauer aus. Höchstens, dass ihn das verdüsterte und bärtige Gesicht unterscheidet. Erzählt mir doch noch etwas von den Karaiten . . „Man weiss nie, woran man bei ihnen ist, denn sie hüten sich vor den Anhängern anderer Religionen. Alles ist Geheimnis bei ihnen. Ein jüdischer Knabe wollte sich einmal von einem karaitischen Jungen in der karaitischen Sprache unterrichten lassen. Als die Karaiten dies erfuhren, verprügelten sie den jungen Lehrer. Sie wollen eben nicht, dass Fremde ihr Leben näher kennen lernen--" „Müssen sie auch ein Minjan (zehn Leute) zum Gottesdienst haben, wie die Juden?" frage ich. „Nein — Minjan gibt es bei ihnen nicht. Am Sabbat und an den Feiertagen kommen sie in die Synagoge, knien auf dem Boden nieder und beten. Zwei bis drei Leute genügen." „Und kommen sie auch an den Wochentagen in die Synagoge?" „Einige kommen jeden Morgen. Die älteren Leute sind noch fromm, aber die Jugend betet nicht einmal mehr. Ihr könnt Euch die Synagoge ansehen. Es ist der einzige Ort, der ein karaitisches Gepräge hat." „Würdet Ihr nicht so gut sein, mich hinzubegleiten?" „Nein," gibt der Alte kurz zur Antwort, entschuldigt sich aber sofort: „Ich bin hier geboren, war aber nur einmal in ihrer Synagoge. Ein frommer Jude darf sie nicht betreten. Es ist schlimmer, als wenn man eine Kirche besucht. Geht nur ein wenig die Gasse hinunter. Ihr werdet die Synagoge schon erkennen. Gerade trifft Ihr auch die Karaiten beim Beten." 1 i Der Alte verabschiedet sich und ich gehe in die Gasse hinein. In einem Hof spielen Kinder Ball. Dabei sprechen sie eine fremdartige Sprache. Jedes Kind wirft den Ball zehnmal und zählt laut: „Bir, iki, itz, hert, rest, alti, ini, sigi, tnhus, un . ." Die Kinder bemerken mich, unterbrechen das Spiel und betrachten mich neugierig. Stille ringsum. Ab und zu erscheint an einem Fenster eine karaitische Frau, entfernt sich aber sofort, wie ich sie ansehe. Ich finde die gebräunten Gesichter mit den schwarz-braunen Augen und spitzen Nasen unschön. (Schluss folgt.) JUEDISCHE HOCHZEITSBRAEUCHE IN ALTER UND NEUER ZEIT. Von Bar (Fortsetzung aus Heft XII.) III Zwischendurch laufen eine ganze Reiht4 von teils religiös-sinnigen, teils abergläubischen Sitten und Bräuchen, von letzteren sind manche über die ganze Welt verbreitet. — In manchen Gegenden wird dem Bräutigam vor dem Gang zur Chuppah Asche auf das Haupt gestreut, zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. — Man lässt die Braut eine Weile auf einem umgestülpten Backtrog Platz nehmen (wohl um ihr den Segen der Fruchtbarkeit zu bescheren;. Ami. Nachdruck verboten. Man wickelt in ihr aufgelöstes Haar einen Baumwollfaden, man bestreicht die Haare mit Honig, legt ihr einige Stücke Zucker in einen Zipfel ihres Busengewandes, löst alle Knoten an ihren Kleidern und dgl. Ueberall gebot die alte ehrbare Sitte, dass die Braut am Tage der Trauung keinerlei Schmuck, auch nicht ein Ringlein am Finger, trage. Das Chuppakleid war weiss, aber einfach, meist ans Wolle. Das Antlitz der Braut war mit dem „Decktach" verhüllt.