Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Aus dem Leben der Karaiten
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584021-2600413--12614-2600490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<i7 , Lviibon Fuhn: Aus dem Leben der Karaiten. GS Stellungen. So gibt es z. B. viele karaitische Richter. Im geistigen Leben der Krim spielen sie eine führende Rolle. Die russischen Karaiten sind die besten Tabakkenner und Tabakfachleute der Welt. Sie haben in Russland die Tabakplantagen angelegt und beherrschen ganz die Tabakindustrie, die sie geschaffen haben. Die Inhaber der Zigarettenfirmen „Bostanjoglo" Und „Stamboli", die jedem Raucher auch in Deutschland bekannt sind, sind Karaiten. Andere karaitische Tabakfirmen, die einen Weltruf geniessen, sind: Gebrüder Schapsal, Petersburg, Satschi & Mangubi, Petersburg, Ottomann, Petersburg, Calanidi, Rostow a. Don, Schischmann & Deruncza, Wilna (die einzige karaitische Firma, die jüdische Arbeiter beschäftigt. Der Firmeninhaber sympatisiert mit der jüdischnationalen Bewegung und nahm seinerzeit an der Deputation zum Empfang Dr. Herzls in Wilna teil) Gebrüder Kogen, Kiew, Salomon Kogen, Kiew, Meraksudi in Kertsch (Krim) (Herr Meraksudi ist Antisemit!) und Giso, Kiew. Auch im Wein- und Südfrüchtehandel Russlands sind die Karaiten hervorragend tätig. Viele haben es zu grossem Reichtum, viele zu Wohlstand gebracht. Infolge ihres stark ausgeprägten Gemeinsinns gibt es in Russland fast kein Proletariat unter ihnen. Nach einer in der erwähnten karaitischen Zeitschrift gebrachten Statistik gab es im Jahre 1897 in Russland (Krim und Litauen) 12 900 Karaiten. In P a 1 ä s t i n a , wo die Sekte einst so mächtig war, ist sie zur völligen Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Es leben dort noch etwa fünfzig bis sechzig Familien, die in Jerusalem auf einem grossen Hof in einem Haufen verfallener alter Hütten zusammenwohnen, durchwegs ungebildete, arme Leute, die als Handwerker ihr Brot verdienen. Ihre Zahl vermindert sich noch immer. Die intelligente Jugend flüchtet zu anderen Religionen. So ist z. B. der Sohn des früheren karaitischen Chacham hebräischer Lehrer an der englischen Missionsschule in Jerusalem. Einen richtigen Chacham haben sie nicht mehr. Die türkische Regierung betrachtet den jüdischen Chacham-Baschi von Jerusalem auch als ihr geistliches Oberhaupt. Ihre Synagoge ist sehr alt und befindet sich in einer Versenkung, fast unter der Erde. Einen eigenen Friedhof besitzen sie nicht, sondern begraben ihre Toten auf dem Friedhof der sephardischen Juden. Nach G a 1 i z i e n kamen die Karaiten vor sechshundert Jahren. Und zwar waren es, wie aus einem im Jahre 1893 im „Hamagid" veröffentlichten Brief des karaitischen Gelehrten Elischa Leonowitsch an den Forscher Abraham Firkowicz hervorgeht, hundert karaitische Familien, die der tartarische Chan aus der Krim dahin schickte. Sie Hessen sich in Halicz nieder, wo sie Handel und Ackerbau trieben. Der galizische Fürst Daniel soll ihnen viele Freiheiten eingeräumt haben. Halicz liegt am rechten Ufer des Dniester, drei Stunden Bahnfahrt von Lemberg entfernt. Vor sechs Jahrhunderten, als die Karaiten hinkamen, war Halicz eine blühende Handelsstadt und die Hauptstadt eines grösseren Gebietes. Doch wurde es nachmals von den Tartaren zerstört und konnte sich seitdem nicht wieder erholen. Heute ist es ein verfallenes galizisches Landstädtchen. Es wurden übrigens auch in Lemberg und Kokurow karaitische Gemeinden gegründet, aber nur die Haliczer Gemeinde hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Auch die galizischen Karaiten genossen gegenüber den Juden viele Vorrechte. Was die Steuern betrifft, waren sie den Christen gleichgestellt. Im Jahre 1774 sollte der Karaite Itzko Salomonowitsch heiraten. Er bat, dass man ihm den Heiratskonsens unentgeltlich erteile und ihn und alle Karaiten von der jüdischen Kopfsteuer befreie. Daraufhin wurde ihm die Gebühr für den Konsens von zwanzig auf zehn Dukaten ermässigt, und die Kaiserin Maria Theresia nahm bald Anlass, für die Karaiten die Kopfsteuer aufzuheben. Als unter Kaiser Joseph II. die Juden zum persönlichen Militärdienst verpflichtet wurden, blieben die Karaiten dieser Verpflichtung enthoben. Bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Oesterreich erbaten sie vom Kaiser die Befreiung vom persönlichen Militärdienst. In dem Gesuch führten sie, nach einem Aufsatz von G. Wolf in einer jüdischen Wochenschrift vom Jahre 1883 an, dass sie sich noch vor Christi Geburt (!) von den Juden getrennt hätten und nicht an den Talmud glauben. Sie wären im 13. Jahrhundert nach Galizien eingewandert, und hätten sich durc!: musterhafte Landwirtschaft, Solidität im Handel, durch sittliches und tadelloses Leben, durch Fernhaltung von allen politischen Wirren ausgezeichnet. Weil ihnen Verbrechen fremd seien, hätten sie die milde Fürsorge der Regierung erworben, so dass ihnen vorteilhafte Privilegien verliehen wurden. Da ihre Zahl gering sei, 180 (95 Männer und 85 Weiber) wären sie stets vom Militärdienst befreit gewesen. . . . Das Gesuch hatte den Erfolg, dass ein kaiserlicher Beschluss die Karaiten mit Ausnahme jener, die zu dieser Religion übertreten sollten, vom Dienst mit der Waffe befreite. Seit dieser Zeit dienen die Karaiten in Oesterreich nur in der Sanitätstruppe. Während vor sechshundert Jahren, wie wir hörten, hundert karaitische Familien nach Galizien einwanderten, gibt es da heute nur mehr fünfzig Familien mit zweihundert Seelen. Vom Leben und Wesen dieser galizischen Karaiten sollen nun die nachfolgenden Skizzen eine Vorstellung geben. I. In der Karaitengasse. Wie ein Denkmal aus längstentschwundener Zeit steht die Karaitengasse in Halicz da. Ein geheimnisvolles Flüstern scheint in der Luft zu liegen, als wäre der Ort mit den Seelen vergangener Generationen angefüllt. Die gebückten Häuschen mit den niedrigen