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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 65 - 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Kurt Seilers "Verirrung"
Date
1912-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 3)
Language
German
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65 Franziska Mann, Berlin: Kurt Seilers „Vcrirrung*. 66 in" der Rekonvaleszenz sieh stets der erste Appetit auf jene Wurst richtete. Natürlich wurde er nicht gestillt. Ein Kurt Seiler durfte niemanden zu Frau „Nu?" in die Klosterstrasse schicken. — * * * Die Jahre veränderten auch in dem Lehen vieles. Gerichte, die der Herr Staatsanwaltschaftsrat nicht gemocht hatte, fingen an ihm zu schmecken und manches, was er gern gegessen, ass er nicht mehr. Nur seiner Wurst blieb er treu. Allmählich dachte er weniger streng über die Sehnsucht gerade nach ihr. Ja, es kam sogar ein Tag, an dem er seine Liehe nicht mehr verleugnete. Vielleicht bedeutete dieser Wandel eine bedenkliche Alterserscheinung. Ich weiss es nicht. Die Gattin war ihm genommen. Seine Töchter an adlige Bewerber verheiratet. Vornehme kleine Enkel umsprangen ihn. An einem warmen Spätherbstnachmittage vertiefte sich einer seiner Schwiegersöhne — Baron von der Heyden — im Gespräch mit dem alten Herrn in die Geschichte seines Geschlechtes. Von alten Burgen berichtete er, in denen er aufgewachsen, von Ahnen, ja, bis zurück in die Zeit der Raubritter verlor sich das Gespräch. Milde, blasse Abendsonne schien über den Park, den die beiden langsam durchwandelten. Und da, plötzlich, wie berauscht vom Atem des Herbstes, der Kurt Seiler an so vieles mahnte, was in jedem Leben vergänglich und eitel ist, im leisen Rascheln zu Boden gesunkener Blätter, begann auch er von vergangenen Geschlechtern zu sprechen. Nicht der hohe, schlanke Kurt Seiler schritt neben Baron von der Heyden dahin, sondern ein leichtgeh iickt er Alter. Lächelnd, fast glückselig flössen dem die Worte über die Lippen. Gleich einer Beichte wurde es vor diesem Sohne, der ihn stets am besten verstanden hatte. Und während er von ganz trivialen Dingen erzählte, von kleinen missachteten Leuten und von alten Gebräuchen, von Feiertagen und vom Alltag, war er auch bis an seine Lieblingsspeise gelangt. Ohne zu stocken, ganz schamlos schilderte er fast prahlerisch sogar den Tag der Gänseschlacht und der ihr folgenden Genüsse. Ja, Kurt Seiler sprach von jüdischen Menschen, und von engen, kleinen Gassen, und dennoch schien es ihm, als sähe er sie endlich wieder, die Stadt mit den lichten Türmen. Jung und stark fühlte er sich, wie seit langem nicht. Und dem Baron von der Heyden dünkte es, als würde der gebückte alte Mann grösser und gerader in diesen Augenblicken, als er ihn bisher je gekannt hatte. AUS DEM LEBEN DER KARAITEN. Von Rüben Fahn. Vorwort. Nachdruck verboten. Vor einigen Monaten hielten die Karaiten in Eupatoria (Krim) einen Kongress ab, auf dem beraten wurde, was zur Erhaltung ihrer Gemeinschaft geschehen könnte. Es wurde beschlossen, eine Statistik der Karaiten der ganzen Welt anzulegen und eine karaitische Zeitschrift zu begründen. Von dieser Zeitschrift ist vor kurzem die erste Nummer erschienen. Die Beschlüsse sind darum] bemerkenswert, weil die Karaiten bis nun jede öffentliche Diskussion vermieden und nichts für die Entwickelung ihrer Sekte unternahmen. Jetzt scheinen sie aber eingesehen zu haben, dass sie etwas tun müssen, um dem Verfall zu entgehen. Die Sekte der Karaiten entstand um die Mitte des achten Jahrhunderts. Ihr Gründer, Anan ben David in Bagdad, predigte die Ablehnung der mündlichen Ueberlieferung, des Talmud. Nur die Heilige Schrift sei massgebend, ihr Wortlaut die allein verbindliche Grundlage des religiösen Lebens. Hierdurch traten er und seine Anhänger als , K a r a i m" , Anhänger der Schrift, in schärfsten Gegensatz zu den „Rabbanim", den Anhängern der talmudischen Tradition, d. h. zu dem gesamten übrigen Judentum. Ueber ein Jahrtausend währte der religionsgesetzliche Streit zwischen den zwei ungleich grossen Gruppen. Die bekanntesten karaitischen Werke sind: Jezats Bibel und Kommentar (erschienen um das Jahr 1000) und „Das Buch über das Gebet4', ferner Jeschua ben Jehuda's religionsphilosophische Schriften und ,,Ez Chajim" von Ahron haachron hakrai. Im Jahre 1530 erschienen „Adereth Eliahu" von Elija Baschiatschi und „Schaar Jehuda" von Jehuda Puki, und im Jahre 1581 „Kelik Josi" von Ahron ben Elijah. Lange Zeit hindurch war Jerusalem der Hauptsitz der Karaiten. Dorthin kamen Boten aus allen Ländern, in denen Juden wohnten, und kehrten dann in ihre Heimat zurück, um die neue Lehre zu verbreiten. Um das Jahr 900 entstanden in Persien, Syrien, Aegypten und Armenien karaitische Gemeinden. Diese Gemeinden blühten einige Jahrhunderte. Erst die fortwährenden Türkenkriege zwangen die Karaiten, den Orient zu verlassen und nach der Krim und nach Litauen auszuwandern. Doch blieb speziell Palästina zu allen Zeiten das Land ihrer Sehnsucht, in das sie oft Wallfahrten unternahmen. Im Jahre 1698 plünderten die Kosaken die karaitischen Gemeinden in Litauen, wobei auch viele wertvolle Handschriften verloren gingen. Zwischen den karaitischen und jüdischen Gerne.nden erfolgte damals eine gewisse Annäherung. Heute erfreuen sich die Karaiten in Russland im Gegensatz zu den Juden einer sehr wohlwollenden Behandlung durch die russische Regierung. Sie geniessen dieselben Rechte wie die Katholiken und finden sich in den angesehensten

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