Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Kurt Seilers "Verirrung"
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 2)
- Language
- German
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63 Franziska Mann, Berlin: Kurt Seilers „Verirrung", 64 in manchen Jahreszeiten gewichen schien, der aber stets mit den ersten kalten Tagen wieder an ihm zehrte. Wie sehr er sich auch dagegen wehrte — sobald die Blätter fielen, überkam Kurt Seiler ein heftiger Appetit auf eine Speise, die, so wie er sie liebte, nur von jüdischen Händen hergestellt werden konnte, und die nur jüdische Magen vertrugen. Der Herr Staatsanwalts - rat schämte sich: War er denn nicht getauft?! Sein Verlangen galt nicht allein dem materiellen Genüsse, sondern es paarte sich mit Erinnerungen, die seines Amtes, seiner feudalen Gemahlin, seines hocharistokratischen Kreises unwürdig genannt werden mussten. Er entschuldigte es vor sich selbst damit, dass jener Appetit nichts Judenfreundliches bedeuten müsse, sondern dass er nur einem plötzlichen Zurückversetzen in die Tage der Kindheit entspringe. — Aus seiner kleinen Geburtsstadt hatte damals noch kein scharfer Wind Anhänglichkeit an — wie man es bald nachher bezeichnete — „Ueberlebtes" hinfortgefegt. Man genoss sogar dieses Ueberlebte; nicht etwa nur in Form von guten übernommenen Gerichten, sondern hauptsächlich im Festhalten an Gebräuchen, wie sie den Eltern heilig gewesen. Jeder Sabbat, jeder Feiertag wurde zu einem Ruhepunkt, zu einer Kraftquelle für neue, schwere Arbeitstage. — Der frühe Verlust des Elternhauses verpflanzte Kurt dauernd nach Berlin. Dort schienen „die gewaltigen Ideen der Moderne" rasch und gründlich alles vernichtet zu haben, was seine Brust an „sentimentalem Ballast" barg. Und doch konnte dieses Unerklärliche ihn alljährlich überfallen. Kurt Seiler nannte es, wenn er nicht tragisch gestimmt war, seinen unsichtbaren inneren Buckel. — Seltsam, wie sich alle Symptome immer wieder einstellten. In Gedanken verloren schritt er vom Gericht kommend vielleicht hastig an Schaufenstern vorüber, in denen köstliche Delikatessen ausgebreitet lagen; neben Wild hingen Gänse, und eben diese Gänse konnten ihm zum Verhängnis werden. Gänse! Fünfundzwanzig hatte die Mutter stets an einem einzigen „Kislew" (Dezember)-Tage,,schlachten" lassen. Im Keller sassenMine und Friederike und rupften und sengten und wuschen die Fettglänzenden; sie nahmen sie aus, zerlegten sie, Schmalz wurde ausgebraten, Gänseweissauer zubereitet. Geschäftig arbeitete auch die Mutter an solch einem Tage von früh bis spät. Von grösster Bedeutung waren die Fragen: Wird die Gänsefleischwurst geraten? Wird sie nicht zu nüchtern, nicht zu stark gesalzen sein, und vor allem, wird sie nicht innen grau werden? Niemand hatte damals den Ursprung der grauen Farbe feststellen können. Audi die tüchtigste Hausfrau sah daher nicht ohne Sorge dem Tage der Entscheidung entgegen. ,,Wissen Sie schon, Frau Friedenthals ganze Wurst ist grau geworden!" Einer Schmach gleich lastete dann wochenlang der Misser folg auf Frau Friedenthal. — Kurt entsann sich genau seiner einstigen Bitte: ,.Mutter, darf ich nicht beim Fleischer nachfragen, ob unsere Wurst heut aus dem Ranch kommt?"' Und später des Augenblickes des Anschneid ns. Das Wasser lief noch jetzt dem Herrn Staatsanwaltschaftsrat im Munde zusammen, wenn er sich vorstellte; mit welchen Gefühlen er zu den zwanzig „Enden" heraufsah, die dann in der Speisekammer hingen. Zwei, drei Tage durfte niemand an die Wurst heran, weil sie sich, wenn sie zu frisch war, so unvorteilhaft schnitt. Nur dem Vater wurden starke Scheiben sofort vorgelegt. Kurt stand erwartungsvoll neben dem Bevorzugten — ein bisschen zum Kosten gelangte jedesmal auch an ihn. Dünn durfte sich richtige, gute Gänsefleischwurst überhaupt nicht schneiden lassen. — Ach, mit dem Appetit auf diese Wurst tauchten viele dunkle Augen auf, in die Kurt Seiler einst glückselig geschaut hatte, jüdische Augen, deren Liebe zu verleugnen er sich durch Jahrzehnte hindurch gewöhnt hatte. Da waren neben anderen der Tempeldiener, der Schächter, der Kantor, die ihn gefesselt hatten, mit denen er sich prächtig verstand, trotz ihres keineswegs mustergültigen Deutsch. — Unerklärlich blieb Kurt Seiler die Macht gerade dieser Wurst. Andere, einst auch sehr beliebte Gerichte — Mustorte, Nudelspeise oder Rinderbrust — konnten doch für i h n gar nicht mehr in Betracht kommen, woher nur sie, sie allein? Natürlich suchte er jedes Jahr von neuem diesen unstandesgemässen Appetit zu unterdrücken. Mit Austern und Kaviar kämpfte er vergeblich gegen ihn an. Seine Nase witterte nämlich in jedem Delikatessengeschäft in jener gefährlichen Saison einen feinen, ganz zarten Knoblauch geruch. Erwartungsvoll trat er über die Schwelle. Das Wort ,,koscher" durfte der Herr Staatsanwaltschaftsrat natürlich um keinen Preis über seine Lippen bringen. Er forderte also: ,,Gänsefleischwurst". Aus acht oder zehn Geschäften brachte er sie dann heim, aber die richtige war es nie. Endlich, endlich entschloss er sich — er selbst fühlte die Schmach — einen kleinen Laden in der Klosterstrasse aufzusuchen. Scheu, wie ein Verbrecher, sah er sich um: „Nu?" Also lautete Frau Meyers Begrüssung. Ohne das ominöse Wort aussprechen zu müssen, brauchte hier der Käufer nur auf eine appetitliche, rote Wurst zu zeigen. In wenigen Minuten schritt er mit seinem Schatz von dannen. Erst in der Königstrasse atmete Kurt Seiler auf. Fern der gemeinschaftlichen Tafel, allein in seinem Arbeitszimmer, labte er sich an dem schwer erkämpften Besitz. Sie war doch ideal, mit nichts zu vergleichen, diese weiche, fette, von leichtem Knoblauchgeschmack Durchzogene! Allerdings kein Kognak war kräftig genug, um die Frage der geborenen von Barnewitz zu verhindern: „Aber Kurt, wie riechst du?" „Ich?" klang es erstaunt zurück, „wohl nach Rauch?" Doch schnuppernd hob die kleine Frau ihr Naschen und versicherte: „Das ist nicht Rauch, weisst du, Schatz, an Italien erinnerst du — an die engen Gässchen, in denen es manchmal so undefinierbar nach Zwiebeln roch—". Bis zu dem Gedanken an Knoblauch konnte sich die Phantasie dieser Dame nie verirren. Erschwerend für Kurt Seilers „Yerirrung" blieb noch der seltsame Umstand, dass, so oft er erkrankte.