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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Eine Reformation durch die Juden
Date
1912-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 5)
Language
German
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55 Albert Bach: „Eine Reformation durch die Juden.'' 56 den 5d)affendcn. VVlv wiffen bereits fetyr viel, das mufc unfer €igentum werden. Wir find umgeben von Gott, unb in uns i[t Gott. Des hann nid}t metyr geleugnet werben. — Wir leben nur einmal; alfo müften wir bas Ceben nutzen. — "Cugend ift Cmporbilbung, ift Seintyeit unb Kernigkeit; Tugenb ijt Verebrung bes Gegenwärtigen, eble Kultivierung bes Augenblicks. Der 5tarke ift aud) gütig; es gibt keine Stärke otyie Ibealität; bas mufe feft* ftefyen. — Wir jinb allein ber gröberen unb feineren Welt gegenüber; niemanb r/ilft uns, wenn wir uns nid>t felbft rüften unb wehren. Unfere freunbe finb nur Unferesgieicrjen. Das mufe feftftetyen. — fcunft ift Jd)öpferifcbes, gottburebbrungenes, gan3es Wirken. Unb ift für ben (Denjd)en ebenfo nötig wie Brot. Das mufr feft* fteben. — Der Kampf um ben täglidpen Beoarf unb um irbifebe Güter ift gut unb notwendig. Wir bürfen nid)t klagen. — Wir bürfen ben Groden nid)t nad)abmen; wir follen uns an ibnen nur erbauen. Hacbabmung im Cin5elnen ift immer kleinlid). — niemanb belegen wollen, aber ftets bie Wabrbeit (preetyen. — Die grofee CDenfcr;* beit aufgeben. €s gibt keine einbeitlicbe (Den Jäheit. Das mufc feftfteben. — Unfer Id) als ein Glück betrachten, weil es ein 3ufall ift. — Das Weib als ein Gnaden* Vor mehr als 44 Jahren erschien in Lemberg ein Bändehen lyrischer Gedichte von einem jungen, bis dahin gänzlich unbekannten Autor, Nathan Samuely. Nach vier Jahren folgte ein weiteres Bändchen, eine Reihe kleiner lyrische]1 Epopäen über biblische und spätere historische Stoffe. Die Gedichte erregten bei allen Freiinden hebräischer Poesie lebhaftes Entzücken. Man wittert!? ein neues, schönes und reiches Talent. Smol e n s k i, der gestrenge und unerbittliche Kritiker, der eben erst vor kurzem den alten Letteris so herb (und so ungerecht) abgekanzelt hatte, begrüsste den neuen Ankömmling mit begeistertem Jubel, obgleich er für die Mängel der jugendlichen Leistungen ein sehr scharfes Auge hatte. Und der junge Dichter hatte sich nun einen ehrenhaften Platz auf dem hebräischen Parnass erobert. Das war aber damals nicht so leicht. Denn in den Ohren der hebräischen Leser hallten noch die Gesänge des jüngeren Lebensohn; der ältere war freilich schon alt, aber J. L. Gordons Stern war schon im Aufgehen begriffen. Seither hat Samuely seinen Platz rühmlich behauptet, aber auch sein Schaffensgebiet bedeutend erweitert. Heute liegt vor uns ein reiches und sehr mannigfaltiges Lebenswerk, welches kritisch zu mustern und zu würdigen sich sehr verlohnt. sje sjs * Alle grossen französischen Erzähler haben fast ausnahmslos mit einem Bändehen Lyrik debütiert. Aber weitaus die meisten von ihnen machten es ihren späteren Lesern und Bewunderern fast unmöglich, an ihn» kastalischcn Anfänge zu glauben. Auch gejerjenfc anfersen, -— vor fid) feibjt bie größte 9d)am empfinben, — unb von ber Sd}önr;eit ber letzten Dinge durchdrungen fein. Das ift's, was uns erbeben mad)en foll, bas foll uns bas Ceben bebeuien. Unb noch; einmal: Die kleine lebenbige (Denfd)beit mufe bie grofce, tot^ üiermenfebeit aufgeben". (Cinleitung 5. 12, 13.) 3u 9). ") unb 32). Das Volk, in bem ber (Deffias* glaube Jatyrtaufenbe überdauert, bas keinen Boden tyaben darf, weil es überall unter bie Völker 5egen pflogen foll, bas Volk, bas un3\\?eifelr;aft bie formbilbenben demente für eine 3eitlofe Gottesletyre birgt, darf ftd) feine Rufgabe nierjt leidet machen. „Denn von 3ion gerjt bie Cebre aus unb bas Wort Gottes von Jerufalem". — Der foafr gegen bie Juden wirb fid} vermindern, wirb endlich; [abwinden, wenn fie ibre tyftorifcbe pflicrjt, bie ibnen bie Bibel vor Jafyrtaufenben 3ugewiefen, 3U erfüllen beftrebt fein werben, wenn fie bem 5inne bes Sarves folgen werben: trmp *ui c%:n3 rebü? sb rnn cn«i Dafe jübifebe (Dänner, (wie bie vorliegenben 5enten3en bekunben) fid) um die rjeiligften Dinge bemüben, ift ein 3eid)en bafür, dafo wir auf einem guten Wege uns befinben. Nachdruck verboten. Samuely ist einer weiten und zahlreichen Gemeinde erst als Erzähler und Sittenschi]derer bekannt und lieb geworden, aber er hat in seinen späteren Schöpfungen nirgends den Poeten verleugnet. In allen seinen Erzählungen und Novellen schlummern gleichsam verschwiegene Gedicht-3, und noch aus der übermütigsten Satire und der lustigsten Humoreske kann man, wenn man sehr aufmerksam hinhorcht, einen feinen, gedämpften lyrischen Ton heraushören, eine heimliche, leise Musik, die dem Ganzen einen besonderen intimen Rhythmus verleiht. Dagegen hätten die Leser jener beiden Händchen Gedichte in dem Autor keineswegs den künftigen scharfen Menschenbeobachter und Gestalter, noch weniger den Gesollschal tskritiker und Humoristen ahnen können. Hier scheinen äussere Erlebnisse die tiefer schlummernden Kräfte erst später geweckt und zur Reife gebracht zu haben. Die Gedichte der ersten Epoche atmen die Taufrische ungetrübten jugendlichen Erlebens einer reichen und reinen Menschenseele. Mit naiven, neugierigen, leuchtenden oder verminderten Augen schaut der Dichter in die kleine grosse Welt, die ihn umgiebt. Wie jede empfängliche und kräftig reagierende Natur ist er bald „himmelhoch jauchzend" bald „zu Tode betrübt". Die grossen und stürmischen Freuden des erwachenden Seelenlebens, die langsame Entdeckung der Welt und deren Schönheiten, das Aufjauchzen der knospenden Seele im dunklen Drange nach dem Leben, die plötzliche, grundlose Schwermut, das Träumerische und Ahnungsvolle1, die nebelhaften Hoffnungen und unbestimmte Sehnsucht — kurz, alles, was die Jugend- NATHAN SAMUELY. Versuch einer Würdigung, Von Dr. W. von Roh any, Berlin.

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