Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Auf demVolksliederabend von "Ost und West"
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 2)
- Language
- German
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19 Mathias Acher: Auf dem Volksliederabend von „Ost und West". 20 können? Ob ihnen auch der Sinn dieses Seins aufgeht, ob sie sich wenigstens für einige Augenblicke mit diesem Sinn zu vermählen vermögen? Nun, der Sinn dieses Seins geht ihnen offenbar nicht auf. Das wäre auch zuviel verlangt. Auch ganz mitkommen können sie nicht. Aber ich habe den Eindruck, als ob sie in einer eigenartigen traumhaften Stimmung mitschwebten, mitschwankten, als erblickten ihre flimmernden Augen urplötzlich Gestalten und Erlebnisse, die sich aus dem Schutte der Urgrossväter- und Urgrossmüttertage erhoben. Unruhig rücken sie auf ihren Stühlen herum, — als wollten sie im nächsten Augenblicke aufspringen, um sich diesen Gestalten, diesen Erlebnissen in ihnen und in den Liedern an die Brust zu werfen: Nehmt uns wieder auf, oh, Väter und Mütter, und . . . und ... und — Brüder und Schwestern . . .! Freilich, das Wunder geschieht nicht. Fein manierlich bleiben sie sitzen. . . . Aber, als das Lied verklungen ist, die Bilder verflogen sind, ist eine belebte Wärme, ein Abglanz des geträumten Glückes auf ihren Gesichtern zurückgeblieben. Und ich wünsche, dass dieses Leuchten, dass wenigstens dieses schönen Traumes halbverwehte Spur nie mehr von diesen Wangen, aus diesen Augen weiche. . . . Und fühle zugleich dieses bescheidenen Wunsches Auflehnungstrotz gegen das Fatum. . . . Die Wiegenlieder lassen meine Neugier ein wenig ermatten. Gewiss, es ist für das Ostjudentum, als die stärkste Lebensverdichtung des jüdischen Geistes in unseren Tagen, bezeichnend,, dass sie eine eigene grosse Dichtungsgattung werden konnten. Vielleicht offenbart sich in ihnen auch schon mancher seelische Niederschlag aus eigenen, gesonderten Schicksalen. Aber ich erinnere mich an den Roman einer ausgezeichnet beobachtenden nichtjüdischen Dichterin: wie dort eine geltungsstrebernde getaufte Jüdin aus Berlin W am Hochzeitstage ihrer Tochter ,,wieder Mutter", wieder ,,eine alte, sorgenvolle und kränkliche Judenfrau" wird. Und es kann kein Zweifel für mich sein: da werden sie mitgehen, meine Nachbarn, mitgehen bis ans Ende und in vollem Wachen. Denn soweit sind sie noch ganz Seele von der Seele dieser Lieder. Und ich bin nicht erstaunt, als meine Annahme sich bestätigt. Ich bin natürlich auch nicht erstaunt, dass das innige Liebeslied „Her nor, du shejn mejdele" (Höre doch, du schönes Mädchen") und das lustige ,,Ketzele majns" (,,Mein Kätzchen") soviel Begeisterung wecken. Doch beschäftigt mich weniger der stürmische Applaus als solcher, der ja wohl zum grossen Teil dem erotischen Sujet an sich und dem Vortrag selbst gilt, als der Unterton, den ich deutlich aus dem Beifall meiner Nachbarn heraushöre, wieder das „Wie ist es möglich?", wie gelegentlich des Fährenliedes, nur diesmal freudiger, klingender, dem Gegenstande entsprechend: Wie ist das möglich? Warum kennen und können wir das nicht mehr? Wer gab, wer erhielt jenen diese Frische, diese Herzhaftigkeit, diese Gesundheit der Empfindungen? . . . Und mir ist sogar, als hörte ich diesmal noch mehr, als hörte ich auch etwas wie schüchterne Selbstgeständnisse, verwunderte und lächelnde innere Revisionen: Schau, schau . . . und wir meinten . . . und wir hielten sie . . . Doch schon dringen neue Eindrücke auf meine Nachbarn und auf mich ein. Ich darf nicht zurückbleiben. Plötzlich sind es hebräische Worte, die an mein Ohr klingen, vier Zeilen aus der ,,Hawdolo", die einem humorvoll ernsten jüdischen Liede als Einleitung dienen. Schade, denke ich mir, dass nicht noch mehr von den alten hebräischen Gesängen geboten wird, deren Motive ja in die andern mit hineinverwoben, man möchte fast sagen, deren Leitmotive sind. Ich meine, sie gehören zum Ganzen, natürlich nicht in frisierter Umtonung, sondern mit dem urechten Kolorit ihrer ostjüdischen Sangweise, und dass sie auch mit ein mächtiger Pfeiler sein könnten an der Brücke der Verständigung, die von West nach Ost, aus dem schmalen Landstriche der Konfessionalität ins weite Reich der Volkstümlichkeit mit seiner jüdischen Religiosität und seiner jüdischen Weltlichkeit hinüberführen soll. Und diese Brücke ist ohnehin schwer genug, unsäglich schwer zu bauen — so breit fliesst schon der Strom des Lebens zwischen beiden Ufern. Wie ich aber so weit in meinen Gedanken bin, ergiesst sich plötzlich eine Welle ostjüdischen Lebens über den Saal — einschmeichelnd, übermütig, innig, still: Freitag auf der Nacht". Der Jude kommt von ,,Schul" nach Hause. Sein Weibchen „sitzt und lacht". ,,Und ist so fein und lieb". Der Tisch ist sabbatlich gedeckt. Der Freitagabend duftet. König fühlt der Jude sich in seinem Hause. Und jedes Winkelcheu lacht und die ganze Stube ist vergnügt. . . . Ich sehe es meinen Nachbarn an, wie sich der prunkvolle Saal für sie in die einfache Stube