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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 17 - 18

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Auf demVolksliederabend von "Ost und West"
Date
1912-01-01
Page
Seite 17 - 18 (sequence 1)
Language
German
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17 18 AUF DEM VOLKSLIEDERABEND VON „OST UND WEST". Von Math Im Konzertsaal der „Gesellschaft der Freunde" in Berlin. Ich kann die kindliche, frohe Erwartung nicht finden, wie sonst, wenn mir der Genuss ostjüdischer Lieder bevorsteht. Sollte ich, Nimmermüder, endlich doch den geliebten Reiz dieser Klänge überwunden, die Macht der Gewohnheit sollte sich endlich auch hier bewährt haben? Oder bin ich das nächste Mal wieder der alte Unverbesserliche, und bin nur heute von einer anderen Leidenschaft gepackt, neben der für die erste kein Platz ist?____ Der Beobachter ist los in mir. Ich sitze da und sehe mir meine Nachbarn an, lausche ihren Gesprächen und bin glücklich, dass ich's so gut getroffen habe, dass ich soviel zu tun bekomme. Denn ich stellte bereits ihr Nationale fest und, kein Zweifel, sie werden heute das N e u e erleben, und ich werde ermitteln können, wie es auf sie wirkt. Ob es wirklich das restlos Neue für sie ist? Oder ob nicht denn doch . . . Meine Spannung ist gross . . . Und nun bin ich mitten drin im Erleben, in doppeltem Erleben. Meine Seele konnte doch nicht widerstehen. Sie atmet hastiger, voller, gibt sich diesen Melodien wieder hin, folgt wieder dem schmeichelnden, lockenden Ruf der Volksseele, vermählt sich mit ihr. Doch, wie wenn noch ein anderer in mir wäre, so dringen meine Beobachterblicke durch diese Liebesfreude hindurch. Kühle Blicke, die sich aber allmählich auch erwärmen, an meiner Liebe und an dem — was sie sehen . .. Jüdische Hochzeitsmelodien auf dem Cello. Ein stilles Aufmerksamwerden ringsum. . . . Eine fremde Welt, die an meiner Nachbarn Ohren klingt. ... Ja, eine fremde, eine neue — kein Zweifel. . . . Aber sie wissen noch gar nichts von ihr, tappen noch im Dunkeln. So unvorbereitet wie sie sind, vermögen sie sich am gespielten Liede nicht zu orientieren. ... Sie warten auf mehr . . . auf die Lösung des aufgegebenen Rätsels ... auf das Wort! Und auch ich warte darauf. Ich blicke in die gedruckten Liedertexte und ärgere mich über die fremde Tracht der deutschen Rechtschreibung, die man ihnen angelegt hat und in der sie so traurig dahinhinken müssen. Aber ich fühle, wie ich lächle. Ich weiss es ja: Bald werden die weichen, warmen Wellen des Sanges durch die weite Halle fluten und werden ihnen die unkleidsame Hülle vom Leibe spülen. Nein, von der Seele, von der Seele des ias Acher. Xachdruck verboteü. Volkes, die dann durchblinken wird, so deutlich, wie wenn sie nackt wäre. Und es wird nackte Schönheit sein. . . . Ein ganz guter Anfang. Volksphilosophie. Unglaublich schlicht: Das Leben ist eine Fähre, die Welt ein tiefer, breiter Strom, über den sie die Menschen hinüberfährt. . . . Das ist alles. Aber diese volkstümliche Anschaulichkeit des Bildes! Auf beiden Ufern hastende Menschen, Pferde, Wagen, und die Menschen wünschen einander glückliche Ueberfahrt. . . . Dann die kurze Gleichniserklärung, so stark durch ihre Einfalt und Einfachheit. Und dazu diese wehmütig bejahende Tragik in der Melodie: Man glaubt sie vor sich zu sehen, die Leute aus dem Volke, wie die Ahnung ewigen Abschieds als Sinnbilds des Lebens über ihre derben und harten Gesichter dahinzittert und sie adelt. Ich blicke mich im Kreise um. Und was ich sehe, ist Ueberraschung, Respekt und Ergriffenheit. Manche sprechen ihre Empfindungen aus. Aber es wäre gar nicht nötig. Ich lese sie ohnehin von ihren Gesichtern ab, und vielleicht lese ich mehr, als sich die meisten von ihnen zu empfinden bewusst werden . . .: Wie, ist das möglich? Warum kennen und können wir das nicht mehr? Wer gab, wer erhielt jenen die Unmittelbarkeit, die Ursprünglichkeit, die Urwüchsigkeit ihres Wesens und ihres Schauens, das weite, breite Allgefühl? .. . Doch schon wird das zweite Liedchen gesungen, mein Lieblingslied, zu dem ich mich bekenne, trotzdem es eines der abgesungensten ist in den Kreisen, in denen man jüdische Lieder singt: das „Alef-bejs". Ich liebe seine wunderbare Innigkeit und seinen reichen Stimmungsgehalt. Ich liebe den „Rebben", von dem es uns singt. Oh, wie dieser Rebbe das Alphabet lehrt! Wie zärtlich er die Kleinen aneifert, auf ihre Kinderart und ihre Kinderwünsche eingeht und dabei seine grosse Liebe in sie pflanzt — die Liebe zur jüdischen Lehre, dem Lebensnerv des jüdischen Volkes. Ein Idyll mit dem Hintergrund eines gewaltigen Volksgeschehens. Der jüdische Schulmeister von Wilna, Warschau und Krakau als Siegstifter der ewigen Armee des jüdischen Gedankens . ..! Und fast besorgt sehe ich mich nach meinen Nachbarn um —, nun, wo das Heimatkünstlerische des Festes hervorzukommen beginnt. Ob sie da, wo es mehr galt, als ein Sein festzustellen, auf das sie nicht vorbereitet waren, noch mitkommen

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