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Ost und West · 1909-12-01 · Heft 12 (Dezember 1909) · p. Seite 741 - 742

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 12 (Dezember 1909)
Article
Felix Salten
Date
1909-12-01
Page
Seite 741 - 742 (sequence 1)
Language
German
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741 742 FELIX SALTEN. Von Max Schacherl. Nachdruck^ verboten. Es musste gerade kein besonderer Anlass vorliegen, um über diesen Wiener Dichter und Kritiker ausführlicher zu sprechen. Er feiert augenblicklich keinen Geburtstag, kein Jubiläum. Aber ein kürzlich erschienenes, feines Buch trägt seinen Namen, und so ergibt sich von selbst die Aktualität. „Das österreichische Antlitz4'*) nennt sich das Buch, und es handelt von Wiener Leben und Kultur, von österreichischen Menschen. Saiten hat Tieferes, Dauernderes geschrieben, als es diese Wiener Studien sind; nichts aber, das deutlicher seine künstlerische Persönlichkeit widerspiegelte. Wir kennen dieses österreichische Antlitz; dieses liebe Gesicht, gezeichnet von den Eunen des Kampfes und den Runzeln des Alters, kennen die österreichische Weise, den Wiener Text. Und auch die Herren Verfasser ... Zu ihnen zählt Felix Saiten. Es ist Vorzug und Schaden zugleich, dem Wiener Kreis zugezählt zu werden, diesem Kreis melancholischer Literaten und literarischer Melancholiker, dem Zirkel der Sprachkünstler und Neuösterreichverkünder. Nur in seiner unbefriedigten Liebe zum österreichischen Wien begegnet er dem Wiener Kreis; sonst aber scheidet ihn lebendiger Radikalismus und schaffensfrohe Kritik von dem Kreis der Unzufriedenen. Deshalb erscheinen mir seine Wiener Porträts plastischer als etwa Bahrs temperamentvolles Reklamebuch, als die elegischen Stimmungsbilder so mancher Wiener Spaziergänger. Das macht: er klagt nicht über die Schönheitsfehler des österreichischen Gesichtes, spricht nicht in Trauertönen von der Vergänglichkeit aller Schönheit, kennt nicht die übersättigten Sentiments der Wiener Literatur. Sein Schimpfen, seine bohrende Kritik lassen erkennen, wie oft er sich in seinem Kulturempfinden verletzt fühlt. Er hat seine scharf umrissene Eigenart und schreibt ein eigenes Deutsch; im Kreis der Vielen ist er Einer. Felix Saiten, der Journalist, der Theaterkritiker, gilt als beste Hoffnung der modernen Novelle; Felix Saiten, der Kulturessayist, verblüffte auf den Brettern, schrieb ein paar Einakter — und seitdem will man in ihm auch eine Hoffnung der deutschen Bühne erblicken. Eine Felix Saiten, Vielseitigkeit, die zu näherer Betrachtung reizt und zuerst auf spekulative Produktion schliessen liesse. Man lese aber diese verschiedenartigen Bücher Saltens, und man wird leicht erkennen, dass er nirgend ein Halber ist, wird begreifen, dass hier ein ganz ungewöhnlich kultivierter Geist sich zeigt. Des Bühnenkritikers Saiten Wort gilt viel — nicht nur in der Theaterstadt Wien. In seinen „Totengesprächen" sagt Fritz Mauthner: „Nicht besser und nicht schlechter als andere Richter über Mein und Dein, über Kopf und Kragen. Menschen, Man hat einen drolligen Namen für diese Richter. Theaterkritiker nennt man sie. Ueber Freude und Andacht urteilen sie". — Das ist es nun, was Saltens Kritiken eigensten Wert gibt: er ist kein Richter, ihn reizt es zu korrigieren, zu urteilen ohne zu verurteilen; wo seinem sichern Blick sich Mängel, Lücken offenbaren, drängt es ihn zur Neugestaltung, Belebung fremder Materien. Ein intuitives Verständnis für Wirkung und Gegenwirkung gibt seinem Urteil sicheren Stützpunkt. Und er ist es zumeist, der den Darsteller auf die psychische Gestaltung der Rolle verweist, routinierte Theaterdirektoren oft erst lehrte, dass sich in ihrem Ensemble auch wirkliche Talente befänden. Ein Wiener Kritiker, fühlt ersieh als Hüter einer Tradition und hat dem Publikum dieses Fühlen deutlich gemacht. Seine Novellen sind Romanstücke. Er könnte jede fortspinnen, denn er gibt in jeder ein Stück Weltbild. Felix Saiten hat noch keinen Roman geschrieben, und die sein Schaffen kennen, sehen darin keinön Zufall. Merkwürdig ist's immerhin, dass er, der grosse Sujets in kleine Novellen band, der grossen Gestaltung bisher auswich. Die Novellen aber lehren, dass er's könnte. Da ist „Herr Wenzel auf Rehberg"*), dieser Ausschnitt aus der Zeit Kaiser Karls V. Die Geschichte eines biederen, treuherzigen Fuhrkneehtes, der aus der Stille seines Lebens in den Glanz des königlichen Hofes gerät, der auch hier in Pracht und Fülle handelt, wie's sein Herz will, und der darum sein junges Leben lassen muss. Im Stil alter Chroniken erzählt Felix Saiten dieses ehrlichen Menschenkindes Geschichte, in schmuckloser, aber inniger *) Verlag S. Fischer. Berlin. *)' Verlag S Fischer, Berlin.

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