Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Die Juden in den Ostmarken
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 711 - 712 (sequence 2)
- Language
- German
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711 Justizrat Wolff, Lissa: Die Juden in den Ostmarken. 712 Die Regierung erschwert,' ja untergräbt durch ihre Massnahmen vielfach die Existenzmöglichkeit für die in der Hauptsache den Erwerbsständen angehörigen Juden. Sie greift gerade da ein, wo der Lebensnerv der Juden des Ostens sich befindet: in den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Bedarfsartikeln aller Art, der von altersher wesentlich in den Händen der Juden sich befand. Die Förderung und die Unterstützung, die die Regierung dem Genossenschaftswesen in ,den Ostmarken zuteil werden lässt, und die auch bei den Polen eine Ueberanspannung des Genossenschaftsprinzips hervorgerufen hat, graben den Juden den Boden ab, auf dem sie bisher ihre Existenz gefunden haben. Das Vorgehen der Regierung, besonders der Ansiedlungskommission, ist hart und unklug. Denn mit der Dezimierung der Juden in den Ostmarken verringert sich nicht nur die deutsche Bevölkerung, sondern es wird auch gerade das Element entkräftet, das dem wirtschaftlichen Vordringen der Polen am meisten Widerstand zu leisten imstande ist. Die Behandlung aber, die den Juden seitens der Behörden zuteil wird, und die naturgemäss auf die deutsche Bevölkerung ihre Einwirkung übt, legt die Frage nahe, ob denn die Juden in den Ostmarken ein solches Schicksal verdient haben. Darum wird es berechtigt sein, die Frage aufzuwrerf en: Was haben die Juden in den Ostmarken dem Preussischen Staate geleistet, und was hat andererseits der Staat den Juden geleistet? Für die Beantwortung dieser Frage ist ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der ostmärkischen Juden in vorpreussischer Zeit unerlässlich. Die Juden sind nach einigen Angaben seit dem 9. Jahrhundert, nach anderen zwei Jahrhunderte später in Polen eingewandert. Sie waren Deutsche und behielten ihre deutsche Muttersprache — wenn auch in verstümmelter Form — während der ganzen Zeit ihrer Zugehörigkeit zum Polnischen Reich bei. Sie lebten hier — wenigstens zunächst — in den günstigsten Verhältnissen. Denn Polen war lange Zeit hindurch das toleranteste Land der Welt und eine Zufluchtstätte für die Juden vor den Verfolgungen in den anderen Ländern. Der Sclmtzbrief, den Herzog Boleslav der Fromme von Polen im Jahr 1264 erlassen, und den Kasimir der Grosse im Jahr 1334 erneuert hat, ist wohl das toleranteste Dokument jener Zeit. Es ist insbesondere bezeichnend, dass darin der Blutbeschuldigung mit grosser Schärfe entgegengetreten ist. Es heisst darin: „Gemäss den Bestimmungen des Papstes verbieten war auf das entschiedenste, die Juden unserer Territorien zu beschuldigen, als ob.sie sich Menschenblutes bedienten, da alle Juden ihrer Gesetzesvorschrift nach sich jeglichen Blutes enthalten müssen. Wenn aber ein Jude durch einen Christen der Tötung eines Christenkindes beschuldigt wird, so soll er durch drei Christen und ebensoviel Juden überführt werden; ist er überführt worden, dann soll der Jude die auf das begangene Verbrechen gesetzte Strafe erleiden. Wenn aber die oben genannten Zeugen und seine Schuldlosigkeit ihn freisprechen, so soll der Christ die Strafe, welche der Jude würde haben erleiden müssen, für die Verleumdung wohlverdienterweise verbüssen." Schon im Verlauf des 14. Jahrhunderts, besonders aber seitdem 16. Jahrhundert, unterlagen die Juden in Polen häufigen Vexationen und Verfolgungen. Immerhin kann man sagen, dass sie damals im allgemeinen nicht ungünstiger gestellt waren als in Deutschland. In späterer Zeit wurden aber ihre Verhältnisse infolge der politischen Entwicklung des polnischen Reiches immer ungünstiger. Der Adel erhielt alle Vorrechte, und neben ihm herrschte allenfalls noch die Geistlichkeit, so dass von Staatsbürgerrechten in unserem Sinn für die übrige Bevölkerung, und damit auch für die Juden, kein Raum war; Grund und Boden, Aemter und Würden fielen lediglich dem Adel und der Geistlichkeit zu, uiid da die Juden auf dem Land Grundbesitz nicht mehr erwerben konnten, wurden sie in die Städte gedrängt und in der Hauptsache dem Handel und dem Handwerk zugeführt, soweit nicht auch hier die Zünfte hinderlich waren. Die staatsrechtlichen Verhältnisse der Juden in Polen waren aber der Besserung nahe, kurz bevor die zweite Teilung Polens im Jahr 1793 erfolgte. Die Gefahr, dass infolge der inneren Wirren Russland eingreifen werde, und wohl auch die Nachwirkung der Französischen Revolution veranlassten den Polnischen Reichstag, dem Lande eine geänderte freiere Verfassung zu geben, nämlich die Konstitution vom 3. Mai 1791. Freilich wurde sogleich behauptet, dass die bürgerliche Gleichstellung der Juden aus dei Konstitution nicht herzuleiten sei. Aber ehe dir Frage zum Austrag kam, erfolgte die zweite Teilung Polens, bei welcher derjenige Teil Polens, der ungefähr die heutige Provinz Posen ausmacht, unter dem Namen Südpreussen an Preussen fiel. Welcher Art war nun die jüdische Bevölkerung die damals (und schon vorher 1772 bei der ersten Teilung Polens) in den Machtbereich des Preussischen Staates kam? Die Antwort kann nur lauten: Dir damalige jüdische Bevölkerung der Ostmarken war zivilisatorisches, ein deutsches und ein friedlichloyales Element der neu erworbenen Landesteile. Dass sie ein bedeutendes zivilisatorisches Element waren, wird von der Regierung selbst bezeugt. Der Minister von Voss sagt in seinem Bericht vom Jahr 1794: „Fast aller Handel befindet sich in den Händei der Juden, eine Menge Handwerker ist unter ihnen, und im ganzen genommen ist der Jude in Südpreussen ein kultivierterer Mensch als der Bürge] in den kleinen Städten und der Bauer auf dem platten Lande." Auch zahlreiche andere Urteile bestätigen diese Tatsache. So schreibt der Geh. Finanzrat v. Göckingk am 11. Juni 1793: ,,Die beste Arbeit aller Art machen noch die Juden, die alle Handwerke ohne Ausnahme treiben und in manchen Städten eigene Zünfte haben. Ueberhaupt ist bei dieser Volksklasse, wenn man den Teil des Adels ausnimmt, der Reisen ins Ausland gemacht hat, die mehrste Kultur."