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Ost und West · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. Seite 691 - 692

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Beim Weltschachmeister Lasker
Date
1909-11-01
Page
Seite 691 - 692 (sequence 1)
Language
German
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691 692 BEIM WELTSCHACHMEISTER LASKER. Von Max Schacher!. Nachdruck verboten. Ein Spiel ist's nur, und Viele glauben, es spielen zu können. Wenn ich einmal über den Emst des Lebens in allen seinen Wirkungen und Beziehungen zu schreiben gedächte — ich ginge vom Schachbrett aus; seine vierundsechzig Felder sind Stationen des Kampfes und die vierundsechzig Figuren keine hölzernen Personen. Vergleiche sind nicht so teuer wie manch' Sparsamer annimmt: eigentlich ist das Schachspiel auch das Leben — je nachdem eben gespielt wird. Dieses unblutige Ringen zweier Gegner auf abgestecktem Feld ist kein Spiel gemeinhin; ein Turnier des Geistes ist es. Eine Spezialität des Denkens zu äusserster Routine potenziert, der sichere Feldherrnblick, und nicht zuletzt ein spürendes Verständnis für die eigenen Vorzüge ebenso wie für die Schwächen des Anderen — dieses sind zweifelsohne jene unsichtbaren Imponderabilien, die von bevorzugtem Intellekt gestützt und belebt, das Spiel zur Kunst erheben. Sage mir, wie ein Mensch SchacL spielt, und ich sage dir, was er ist. Denn die Art des Spieles lässt zweifellos das Wesen des Charakters erkennen. Und dann ist es ein Spiel, das jede Zufallschance, jede frohe Möglichkeit „mit Glück zu spielen" ausschliesst. Du kannst das herzzerreissendste Unglück in der Liebe haben und am Schachbrett trotzdem ein Stümper sein. ... Die Meister des königlichen Spieles erregen auch als Menschen unser Interesse, und die Kenntnis ihrer Persönlichkeit erschliesst manch Geheimnis ihrer Kunst. Jetzt, da der Weltmeister Dr. Emanuel L a s k e r in diesen Blättern die Kunst des Spielers erläutern wird, ist es gewiss von Interesse, näheres über den Mann zu vernehmen, der als ein ernster Künstler des Schachspiels weltbekannt ist. Emanuel Lasker wurde als Sohn eines Kantors 1868 zu Berlinchen (Neumark) geboren. In der Rekonvaleszenz nach einer schweren Krankheit — er war damals zwölf Jahre alt — lernte Lasker das Schachspiel durch seinen Bruder Berthold kennen; es war ihm ein amüsanter Zeitvertreib. Später erst wurde ihm das Spiel zu einem Problem, und bald war eine bestimmte Eigenart wahrzunehmen, die, wie ich mir ins Ohr flüstern liess, nicht nur den Spieler Lasker kennzeichnet: Hartnäckigkeit im Festhalten bestimmter Ansichten. Nun, die Geschichte seiner Erfolge beweist, dass er sich diesen Luxus gestatten kann. Die ersten drei Jahre seines Schachspiels nennt Lasker miserabel. Er begann, sich mit der Literatur des Schachspiels vertraut zu machen, übernahm Züge und Consultationspartien, und der Bruder war erstaunt über die raschen Fortschritte. Gerade zu dieser Zeit aber, als ihn sein ganzes Interesse zu dem Spiel drängte, musste er seiner Studien wegen darauf verzichten, schon damals Lorbeeren zu suchen — zweieinhalb Jahre spielte er überhaupt nicht. Die Abituriumszeit verbrachte Lasker in Landsberg a. W., einer traurigen Stadt für Lasker, der •dort keinen Gegner finden konnte, aber einen „Schachbund der Schüler" gründete. Im offiziellen Schachturnier des Deutschen Schachbundes (1889) beginnt die Serie von Laskers Siegen; dann holt er sich den zweiten Preis im Internationalen Amsterdamer Meisterturnier, wo Burn den ersten Preis erhielt. Ich hatte den Vorzug, die Geschichte seiner Anfänge von Emanuel Lasker selbst zu hören, der mich kürzlich in der liebenswürdigsten Weise empfing. Unser Gespräch behandelte die Materie des Schachspiels überhaupt, doch ist Laskers Werdegang, sind seine Kämpfe — nicht nur die auf dem Brett — interessante Charakteristika. Lasker hatte Mathematik und Physik studiert, aber es boten sich ihm in der Heimat wenig Chancen; er übersiedelte nach England. Hier begannen für den Schachkünstler die grössten Schwierigkeiten. Die englischen Meister wollten seine Beteiligung an dem Turnier des Englischen Schachbund verhindern, was ihnen aber nicht gelang: Emanuel Lasker gewann den ersten Preis. Er erwarb die Meisterschaft für England, Amerika und schliesslich die Weltmeisterschaft, alles in einem Zeitraum von zwei Jahren.....• ~ „ * Es ist so ziemlich allgemeine Ansicht, dass der Jude für das Schachspiel besonderes Verständnis besitzt, dass dem jüdischen Scharfsinn ein leichteres Eindringen in die Psychologie des Spiels eigen. Lasker meint, dass solche Behauptungen ohne stichhaltigen Grund aufgestellt werden. „Die Juden haben erst in den letzten fünfzig Jahren Interesse für das Schachspiel bezeugt, bis dahin waren es Spanier, Italiener und Franzosen, die Schachkünstler genannt werden konnten. Selbst der grosse Moses Mendelssohn war kein guter Sipeler! Jetzt allerdings sind die Juden stark eingetreten . . . Ich verweise nun auf die unleugbare mathematische Begabung der Juden und frage den Meister, ob der gute Mathematiker nicht gleich eine günstige Voraussetzung für das * Schachspiel mitbrächte? Auch das lässt Lasker nicht unbedingt gelten, und erläutert: „Beide Begabungen harmonieren äusserst selten. Der Mathematiker kat exochen geht schwierigen Aufgaben an den Leib, der Schachspieler hingegen muss mit einem anderen Willen rechnen/ mit dem seines Gegners. Hier ist der Unterschied zwischen Verstandesarbeit und Willenserkenntnis. Im übrigen lassen sich unter den bedeutenden Mathematikern der letzten zwei Jahrhunderte wenige jüdischen Glaubens finden." Ob er der Ansicht ist, dass das Schachspiel den Geist diszipliniere, die Logik schärfe? „Gewiss. Das Spiel diszipliniert den Geist auf den Kampf zweier Gegner, über gleiche Kraftmittel verfügend; also ergibt sich eine Schulung der Auffassungsgabe.. f. ' Nun frage ich : „Bilden sich bei dem steten Spieler nicht festgelegte Kombinationen heraus und werden diese, zur Routine geworden, nicht fördernd wirken, oder gibt es gewisse Grundlagen?..."

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