Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter
- Date
- 1909-11-01
- Page
- Seite 681 - 682 (sequence 4)
- Language
- German
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681 Leon Scheinhaus: Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter. 682 sittliche Anordnungen, Abwendung von drohenden Gefahren, gemeinsame Unterstützung leidender Glaubensbrüder, das waren die Punkte, die von dieser centralen eigenen Verwaltung verhandelt und bindend verabredet wurden. Abschriften der Beschlüsse wurden überall hin verbreitet. Sie wirkten sehr wohltätig, verhüteten tiefgehende Zwistigkeiten, wehrten Ungerechtigkeiten ab, hielten den Gemeinsinn wach, lenkten ihn auf die Gesamtheit und arbeiteten der Engherzigkeit und der Selbstsucht örtlicher Interessen entgegen. Aus diesem Grund war die polnisch-jüdische Centralversammlung auch auswärts hoch angesehen; selbst entfernte deutsche Gemeinden und Private, die sich über Unbilden zu beklagen hatten, wandten sich an diese höchste Behörde, in der Gewissheit, von ihr Abhilfe zu erlangen (Feldmarschall Graf Moltke in seiner Studie (1832) über Polen und Litauen, spricht von einem eigenen jüdischen Reichstag, womit diese Zentralversammlung gemeint ist.) Auch eine Bücherzensur übte die hohe Versammlung, indem sie für gewisse Bücher die Erlaubnis erteilte, gedruckt und verkauft zu werden, für andere, die ihr schädlich schienen, Druck und Verbreitung untersagte. Erwähnenswert ist noch, dass diese polnisch-jüdische Versammlung auch zwei deutsche Bibelübersetzungen von Blitz und Witzenhausen (in jüdischdeutscher Mundart) priviligierte. Diese Tatsache, dass ein so grossartiges Unternehmen von zwei Seiten begonnen und offiziell approbiert werden konnte, wirft ein Streiflicht auf die Ausbreitung der deutschen Sprache bei den Juden.8) Diese Centrai-Organisation der polnischen Juden, die etwa um 1550 entstand, wurde vom letzten König von Polen, Stanislaus Augtist Poniatowski, in der Konstitution von 1764 aufgehoben.9) Ausser dem erwähnten Landtag (Sejm) tagten noch öfters kleinere Bezirkstage (Sejmiki), die mit dem der Vier-Länder in Fühlung standen. Die Juden Litauens aber besassen noch die Kraft, neben ihrer Beteiligung an dem Generallandtag einen eigenen 8) M. Friedeberg, Bilder von der Ostgrenze p. 43. 9) Grätz, Bd. IX (1877) p. 464 ff. und Note 9 und Note 9 und Bd. X (ed. II) p. 55, 75 und 329. Nach Grätz haben sich viele hebräische und russische Gelehrte, Harkavi, Dubnow, Berschadsky, Dembitzer u. a. mit diesem Abschnitt eingehend beschäftigt. Die pietätvolle Bestattung der Toten, wie sie bei den Juden seit urdenklichen Zeiten üblich ist, wurde mit Recht vielfach als ein Ruhmestitel des jüdischen Stammes bezeichnet. Man muss dabei in Betracht ziehen, dass dem Judentum jede Art von Totenkultus fremd war, und wenn hin und wieder doch religiöse Vorstellungen dieser Art auch bei den Juden zu finden sind, so ist dies auf den Einfluss von aussen zurückzuführen. . In der Agada wird hervorgehoben, dass das Grab Moses deshalb unbekannt geblieben sei, damit niemand zu der Begräbnisstätte J. PLESSNER. BERLIN. Studie zu den „Bettelweibern". Provinziallandtag zu unterhalten, in derselben Art und Weise, wie der grosse. Unter Führung der Gemeinde Brest hielten sie ihre regelmässigen Versammlungen an den litauischen Jahrmärkten und leiteten die gesamten Angelegenheiten der litauischjüdischen Interessen. Die von dieser Centrai- Organisation aufbewahrt gebliebenen Protokollbücher von 1623—1761, aus einem Zeitraum von 138 Jahren, die zum Teil veröffentlicht worden sind10), bieten reiches Material zur Sittengeschichte der litauischen Juden. Etwaige Differenzen zwischen der einzelnen Provinzialversammlung und der der Vier-Länder wurden auf den Jahrmärkten in Lublin, Jaraslou und in Lenezno bestmöglich geordnet. * * * So haben unsere Alten in friedlicher Erbauung alle Kämpfe, Leid und Drangsal siegreich überdauert. Sie, die Besten ihrer Zeit, die im Gegensatz zu den dunkeln Verhältnissen, in denen sie lebten, verstanden haben, nur Gutes zu stiften, das reine Familienleben zu fördern, Friede, Einigkeit, weise Erkenntnis und edle Geistestätigkeit zu mehren und das Judentum durch die Jahrhunderte zu erhalten, diese edlen Ordner und Bildner der Judenheit im Wechsel der Tage, haben gelebt für alle Zeiten. 10) Durch Dr Harkavi und L. Feinstem in den hebräischen Jahrbüchern „Haossif" und „Knesseth-Israel." Nachdruck verboten. des grossen Lehrers wallfahre und ihr abgöttische Verehrung erweise. Auch der Erzvater Jacob habe deshalb vor seinem Tode gebeten, nicht in Aegypten bestattet zu werden, damit die Aegypter mit seiner Leiche keinen Götzendienst treiben. Was also die Juden stets für die würdige Bestattung ihrer Toten taten, geschah lediglich, wie sich der Talmud ausdrückt, als Liebesdienst für die Toten und die Lebenden. Nicht nur, dass unsere toten Lieben in Ehren zur letzten Buhe in die Erde gebettet, sondern dass auch die trauernden Hinterbliebenen durch die FRIEDHOFSHALLEN. Von Dr. Simon Bernfeld.