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Ost und West · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. Seite 667 - 668

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Zurück auf die Stelle
Date
1909-11-01
Page
Seite 667 - 668 (sequence 2)
Language
German
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667 Abraham Reisen: Zurück auf die Stelle. 668 wie er bei ihnen im Städtchen so sehr verspottet wird. Und den ganzen Weg über nagte es an ihm, dass er nach Haus mit solchen Kleidern gekommen ist. Und wenn ihn schon mal der Teufel hergebracht hat. warum ist er so schwach und kann sich nicht überwinden: weiss er doch recht gut, dass Armut keine Schande ist; nein, im Gegenteil, eine Ehre ist sie. Alle ehrlichen Leute sind arm. Er hat sich nur nicht um des Geldes willen verkaufen wollen; und dennoch, wie gefallen ist er! Und er kneift die Backen, um den Anschein zu erwecken, dass es ihm dort gut ergangen wäre. Wozu tut er es? WTem zuliebe? \;; Und wie er durch die Strassen schlenderte und auf sich schimpfte, erblickte er Eli Leibes, einen früheren Kameraden, einen Sohn ordentlicher Leute. Dies war ein eitler, geckenhafter Flegel, und Jankel hatte ihn nie leiden können. Und wie er ihn jetzt auf sich zukommen sah, in einem neuen schwarzen Hut und einem schwarzen Paletot, stieg in ihm die Erbitterung gegen den Hohlkopf, wie er ihn nannte, noch mehr, und er wollte ihm aus dem Wege gehen. Dieser hatte ihn aber bereits angelächelt, und an ein Entrinnen war nicht zu denken. Eli hielt ihn an, streckte ihm die Hand hin und rief fröhlich: „Seht, was für ein Gast! Jankel, wie geht's?" Hierauf musterte er Jankel von Kopf bis zu Fuss, als wollte er ihn abschätzen, wieviel er wert wäre. Und als er sich überzeugte, dass die Kleider alt sind und Jankel jämmerlich heruntergekommen aussieht, fixierte er ihn noch einmal eindringlich und, ohne Jankels Antwort abzuwarten, fuhr er fort, mit einer mitleidsvollen Miene: „Es scheint, nicht glänzend, hm/' Jankel errötete. Er warf sich aber in die Brust und antwortete: „N—na, ich danke, recht gut." Der Kamerad zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: Na, man sieht es dir nicht gerade an — und fragte wieder: „Nun, und sag mal, Bruder, was treibst du dort?" Ach, die Pest soll dich . . . fluchte Jankel innerlich, antwortete aber verlegen und kaum hörbar: „In einer Hutfabrik." „Wie bekamst du die Stelle?" forschte der Kamerad mit misstrauischen Blicken. Jankel hielt's nicht mehr aus und antwortete gereizt; „Ich bekam sie! Was kommt's darauf an, wieso?" Der Kamerad bl^eb stehen und fand keine Antwort mehr. Er warf noch einmal einen prüfenden Blick auf Jankels Paletot, hiernach auf seinen eigenen, wie abschätzend, welcher besser sei, worauf er seinen Mund zu einem selbstzufriedenen Lächeln verzog. Er reichte Jankel die Hand und sagte kalt: „Adieu, also, wir sehn uns wohl noch/' „Adieu." Jankel verneigte sich und atmete frei auf. * v * Und wieviel Bekannten Jankel an uiesem Tage auch begegnete, jeder erhielt auf seine Frage, wies ihm gehe, die Antwort: „Na—, ich danke, nicht übel," und bekam einige ausgequälte Lügen zu hören. Na, ein schönes bisschen Lügen zusammengeredet für den einen Tag, dachte er, als er nach Haus ging. Er musste ausspucken, als er sich erinnerte, wie er einem gegenüber über sein Glück da drüben so sehr in Hitze geraten war, dass er herausplatzte, er wäre Buchhalter bei Schaje Priwas, dem berühmten Millionär Schaje Priwas. Zum Unglück musste jener gerade wissen, dass Schaje Priwas keinen Litwak (Litauischen Juden) über seine Schwelle lässt. . . . Gott, wie hässlich, gehts ihm durch den Kopf; kann sogar nichts glatt herunterlügen . . . Und er ging schweren Herzens, als lasteten auf ihm zentnerschwere Steine. Wenn er doch nur einen einzigen Menschen fände, dem er die ganze Wahrheit erzählen dürfte, ihm sagen, dass er dort gar keine Stelle gehabt, dass es ihm die ganzen drei Jahre erbärmlich ergangen, dass er dort gehungert und gefroren, oft nicht gehabt, wo die Nacht zuzubringen, und manche Nacht auf den langen, leeren Strassen umhergeirrt war. . . . Und während der ganzen drei Jahre ist er auch nicht ein einziges Mal im Theater gewesen, nicht einmal in einem Garten, wenn dort Musik gewesen und man hat Eintritt zahlen müssen; und dass es dort viele solche wie er gibt, mit denen er sich zusammengefunden, um mit ihnen zusammen zu leiden, mit ihnen den letzten Bissen zu teilen, dass er . . . ach, von wieviel Leid und Not hätte er zu erzählen! Er hatte soviel gesehen, Hunger, Elend und Qual! . . . Wie aber dies erzählen! Jeder, der ihn fragt: Wie geht es dir, wie hast du gelebt? jeder muss doch wohl eine gute Antwort zu hören bekommen; nicht etwa, weil er ihm so sehr Freund wäre, nur weil es sich mit einem glücklichen Menschen angenehmer spricht, weil man lieber die Gesellschaft eines solchen sucht. Aber um einen Unglücklichen, wer kümmert sich da noch? Nicht einmal Vater und Mutter. . . . Und es übermannte ihn der Zorn. Zorn auf sich selbst, auf die Bekannten und auf die Eltern, die ihn über sein Leben ausgefragt. Was wollen die von mir! Was scheren die sich um mich! . . . Und in seinem Zorn beschloss er, von nun an die Wahrheit zu sagen! Was hat er sich zu schämen! Er wird alles erzählen. . . . ♦ Doch am nächsten Tage, als die Rede darauf kam, was er zu tun gedenke, warf er sich in die Brust: „Was? Zurück auf die Stelle."

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