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Ost und West · 1909-11-01 · Heft 11 (November 1909) · p. Seite 665 - 666

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 11 (November 1909)
Article
Zurück auf die Stelle
Date
1909-11-01
Page
Seite 665 - 666 (sequence 1)
Language
German
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665 666 ZURUECK AUF DIE STELLE. Von Abraham Reisen. Nachdruckverboten. Jankel Libeimann war bereits drei Jahre in Warschau. Daheim, in seinem Städtchen, hatte man ihn fast vergessen. Nur seine nähern Bekannten wussten, dass er sich irgendwo in Warschau aufhielt. Es soll ihm dort ganz gut gehn. Nun ist er nach Haus zu seinen Eltern gekommen, armen Kleinbürgern in einem kleinen Städtchen. „Nun, also, wie geht's dir?" fragte der Vater, nachdem er sich einigermassen über die plötzliche Ankunft des Sohnes beruhigt hatte. „Nicht übel . . Jankel warf sich in die Brust. „Gar nicht übel! . . Der Vater starrte ihn an, und Jankel schien es, dass der Vater bereits alles begriffen, dass der Vater dasässe und dachte: „Aus dir wird dein lebelang nichts werden!" Und Jankel fühlte: wenn er ihm jetzt nich tfaustdick vorlügt, wird er kein sonderlich willkommener Gast sein, dann wird der Vater ihm mit dem Lächeln eines Weisen sagen: „Nun, was habe ich dir vor drei Jahren gesagt — fahre nicht! Ueberall ist dasselbe. Ueberall Tohuwabohu. Ueberall sind die Geschäfte jetzt bitter. Was hilft dir Warschau. Wohin rennst du! " Aber lieber, als sich solche Worte vom Vater sagen zu lassen, geht er in den Tod, und nachdem der Vater allerlei hin und her gefragt, zwingt er sich, sich zu ereifern „Oho, was weisst du, Vater ... Was erzählt man dir und w i e erzählt man dir! Es ist doch Warschau! . . . Begreifst du denn nicht, es ist doch Warschau! ..." Und Jankel will ihm klarmachen, was Warschau ist, wie glücklich man dort ist. . . . WTenn man dort hingerät — Boulevards, Theater, Gärten, Konditoreien, Kutschen, wie es sich dort leben lässt. ... Aber er erbliokt plötzlich die Nowolipia-Gasse mit der finstern Kammer, darin er gehaust, da wird ihm die Zunge schwer, und er bringt kein Wort mehr über die Lippen. „Nun, erzähle, erzähle!" ermuntert ihn der Vater. Aber Jankel stammelt noch einige undeutliche Worte und schweigt alsdann. Die Mutter steht abseits und betrachtet ihren Jankel mit traurigen Blicken. Sein ganzer Aufzug will ihr nicht gefallen. Sein Hut ist fabelhaft hoch und stellenweise eingebullert, der Rock hängt auf ihm, wie nicht für ihn genäht. ... Sie hätte ihn fragen mögen, ob in Warschau alte Kleider billig seien. Sie fühlt jedoch, dass sie ihren Sohn durch diese Frage verletzen kann, und unwillkürlich bemerkt sie mit einem Seufzer: „Der Ärmel sieht aus, schwarz wie die Erde .. u -„Wirklich . . ." stimmt der Vater bei. Jankels Gesicht verfinstert sich bei diesen Bemerkungen noch mehr. Mit eingefallenen Augen blickt er um sich, bald jedoch hat er sich gefasst.t^Sr^f )f) „Das kommt von der Reise. Was das heisst, drei Tage fahren in dieser Enge. . . . Eine Kleinigkeit — Warschau! Eine ganze Welt fährt doch . . ." „Wie heisst — von Warschau dauerts doch nur einen Tag," wirft der Vater verwundert ein. Jankel errötet, im Kopfe hämmert's: Miess hereingefallen! Es gelingt ihm aber sogleich, eine Antwort zu finden: „Ja, natürlich, die Reise selbst dauert nur einen Tag. Aber die Vorbereitungen . . ." Im Stübchen wird es still. ... Es ist, als fühlten sich alle schuldig, als fühlten alle eine hässliche Sünde auf sich lasten, .indem man einander durchschaut, und man schämt sich, einander anzublicken. „Nun, und Synagogen gibts dort viele?" fragt der Vater plötzlich, wie um dio Stille zu verscheuchen, die sie alle bedrückt. Jankel wird es freudiger und freier ums Herz. Jetzt kann er die reine Wahrheit berichten, und es soll ihm nicht schaden. ... Er richtet sich auf, macht einen Schritt auf den Vater zu und ereifert sich: „Die Sache ist die ... Synagogen gibt es dort viele . . . eine Kleinigkeit — Warschau! Aber ihre Synagogen sind anders als unsere. Bei ihnen sind es ,Stübelchenc, chassidische ,Stübelchenc. Dort sind sie alle Chassidim, Tolle; einfach toll sind sie alle. Tragen lange Röcke, Gürtel und ,Streimelf . , ." Jankel spricht und spricht. Er erzählt, wie komisch die Warschauer sprechen, — statt „ich" sagen sie „jach", statt „was für welche?" sagen sie ,,sarne?" . . . und dann ihr Singsang! Aber er merkt endlich, dass sein Vater gar nicht hinhört, er begreift, dass es diesem nur um die Hauptsache zu tun ist: hat er dort etwas verdient, hat er Geld mitgebracht? Aber die Synagogen, die Chassidim, die dortige Sprechweise, das alles wird sich schon finden . . . Aber es ist, als fürchte es Jankel, über sich selbst zu sprechen, und im Stübchen wird es wieder still. . . Sie fühlen alle ein Unbehagen, doch schwerer als allen ist es der Mutter ums Herz. Sie hätte an Jankel herantreten mögen, ganz nahe, ihm tief in die Augen hineinblicken und ihn fragen: wie geht es dir? erzähle! Sie merkt aber, dass Jankel am liebsten sich verstecken möchte, dass er etwas verheimlicht, und ihrem Mutterherzen wird es bange: so manche hässliche Beschäftigung einer grossen Stadt geht ihr durch den Kopf. Und indem sie Jankels fabelhaften Hut lange anstarrt, will es ihr scheinen, dass er da drüben Leiermann gewesen. . . . * * * Am folgenden Tag, nach dem ärmlichen Frühstück, ging Jankel aus. Er schlenderte durch die Strassen, und es quälte ihn: soll er den Ueberzieher zuknöpfen, um den Rock zu verbergen, oder soll er es lieber sein lassen und den Rock zeigen. Es fiel ihm, weiss Gott, schwer, zu entscheiden, was eigentlich neuer aussieht. Der Rock oder der Ueberzieher. Er knöpfte sich zu und wieder auf — bis er sich doch überzeugen musste, dass beides, sowohl der Ueberzieher wie der Rock, alt und abgetragen aussahen, und er sich darin wie ein armseliger Geck ausnimmt,

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