Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Benedictus Spinoza
- Date
- 1909-11-01
- Page
- Seite 663 - 664 (sequence 6)
- Language
- German
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663 Ernst Altkirch: Benedictas Spinoza. 664 Hervorgehoben muss werden, dass Spinoza um etliche Jahre älter als auf dem Oelgemälde dargestellt ist. Möglich, dass hieran das Ungeschick des Stechers die Schuld trägt. Da die ganze Behandlung des Kopfes aber einen nicht unbedeutenden Porträtisten verrät, so möchte ich annehmen, dass der Maler selbst das Blatt gestochen hat, oder dass es ein Künstler war, der Spinoza von Angesicht gekannt und mit Zuhülfenahme der Erinnerung ein Idealbild herzustellen unternommen hat. Leider sind auf keinem dieser Bildnisse die Hände wiedergegeben worden, die charakteristisch wie das Gesicht sind. Die Hände Spinozas dürfen wir uns als klein und zart mit schmalen Fingern vorstellen, da auch anzunehmen ist, dass seine Vorfahren nicht körperlich schwer gearbeitet haben. Für die Lebensgeschichte Spinozas bilden die fünf authentischen Porträts einen reichen Schatz, an dem wir um so mehr Freude haben dürfen, als von seinen Biographen alles Köstliche dieses so seltenen Daseins entweder verschwiegen oder mit dürren Worten abgetan oder gar entstellt worden ist. Dass Spinoza sich des öfteren hat abbilden lassen, darf wohl mit einigem Recht damit in Verbindung gebracht werden, dass er selbst zeichnete und porträtierte. Eine kurze Betrachtung über Spinozas Zeichentalent wird hier am Platze sein. Colerus berichtet darüber folgendes: „Sodann erlernte er von selbst die Zeichenkunst, so das! er jemanden mit Tinte oder Kohle abbilden konnte. Ich habe ein ganzes Büchlein voll von Beweisen dieser seiner Kunst in Händen. In ihm hat er verschiedene vornehme Personen, die ihm bekannt waren, und ihn bei Gelegenheit wohl einmal besuchten, abgebildet. Unter anderen fand ich auf dem vierten Blatt einen Fischer im Hemd gezeichnet mit einem Schiffernetz auf der rechten Schulter, ganz in der Weise, wie der berüchtigte neapolitanische Rebellenhäupting Mas Anjello in den Geschichtsbildern geschildert wird. Herr Hendrik van der Spyck, sein letzter Hauswirt, sagte mir darüber, dass es Spinoza selbst auf ein Haar gleiche, und dass er es ohne Zweifel nach seinem eigenen Gesichte entworfen habe. Die Namen anderer Personen von Ansehen, die in demselben Buch abgebildet sind, werde ich aus gewissen Gründen verschweigen. Als er diese Künste als Mittel zu seinem Lebensunterhalt erlernt hatte, begab sich Spinoza von Amsterdam fort und nahm seine Wohnung bei jemandem auf dem W7eg nach Ouwerkerk." Wir erfahren also von Golerus ganz unzweideutig, dass Spinoza die Zeichenkunst erlernt hat, dass er sich besonders der Porträtkunst befleissigte, und dass er sie zur Gewinnung seines Lebensunterhaltes benutzen wollte. Da Spinoza allem Anschein nach sein Zeichentalent praktisch nicht verwertet hat, so möchte ich schliessen, dass er, bevor er das Schleifen von Gläsern erlernte, sich mit der Zeichenkunst ernsthaft abgegeben hat, dass ihm jedoch seine Befähigung nicht ausreichend erschienen ist, um mit ihr sein Brot zu verdienen. Nicht für glaubhaft halte ich, dass er von selbst die Zeichenkunst erlernte. Er lebte damals im Haus van den Endens in Amsterdam und hatte Umgang mit vielen jungen Leuten, deren gelehrte und künstlerische Neigungen uns bekannt sind. Unter ihnen befand sich Romeyn de Hooghe, ein unsteter Charakter von kühner Phantasie, der sich als Maler, Kupferstecher und Dichter einen Namen gemacht hat. Man erinnere sich auch, dass die niederländische Malerei damals in hoher Blüte stand, und dass der Dilettanten eine übergrosse Zahl war, die zu ihrem Vergnügen den Pinsel führten. Wer also nicht etwas Vortreffliches leistete, der konnte schwerlich daran denken, sich mit der Malerei den Lebensunterhalt zu verdienen. Spinoza kam somit, ebenso wie Goethe — und es ist gewiss höchst reizvoll, sich diesen Umstand zu vergegenwärtigen — über ein Dilettieren nicht hinaus. Während seines ganzen Lebens aber dürfte ihm seine Zeichenkunst eine treue Begleiterin gewesen sein, dafür zeugt das Heft, das sich in Colerus* Besitz befunden hat. Dass Spinoza Rembrandt gekannt hat, dürfen wir annehmen, um so mehr, da dessen Porträts damals hoch geschätzt waren. Besonders das Bildnis Menasses ben Israel wird der junge Gelehrte gesehen und bewundert haben. Die Verwandtschaft beider Naturen sei hier nur angedeutet. Innere Vernehmheit — bei Spinoza die vorsichtige Denkmethode, bei Rembrandt die kühne Pinselführung, mit denen beide nur der Wahrheit dienen; und äussere Vornehmheit — bei Spinoza feine Lebensart und die Vorliebe für besondere Kleidung, bei Rembrandt die Lust am schönen Schein und an einer prächtigen und glänzenden Häuslichkeit, das sind bei dem grossen Philosophen und dem grossen Maler kennzeichnende Merkmale, die nebenbei nicht nur bei Rembrandt, denn bei ihm sind sie selbstverständlich, sondern auch bei Spinoza die künstlerische Veranlagung und den Hang zum Schönen, deutlich hervortreten lassen. Ob wir aus den erhaltenen Bildnissen Spinozas etwas über seine Zeichenbegabung herauslesen dürfen? Ich glaube nicht mehr und nicht weniger, als dass es ihm bei seinem Interesse für das Porträt Freude bereitet hat, von ihm nahestehenden Malern abgebildet zu werden, wobei daran erinnert sei, dass er zweimal bei Malern zur Miete wohnte. Nahe liegt es hierbei, sich zu fragen, ob sich unter den authentischen Bildnissen ein Selbstporträt befinden könnte. Bis auf das Jugendbildnis von 1660 glaube ich dies verneinen zu müssen. Bei diesem Porträt darf vielleicht daran gedacht werden, dass es von der Hand Spinozasherrührt. Es stammt aus der Zeit, als der Philosoph noch mit der Absicht umging, den Lebensunterhaltdurch Malerei zu erwerben. Es ist uns allerdings nicht bekannt, dass Spinoza in Oel gemalt hat; bei der damals ausgebreiteten Oeltechnik der Holländer braucht dies indessen kaum bezweifelt zu werden. Fraglich bleibt jedoch, ob man Spinoza ein solches Mass von Können und Geübtheit, wie es dieses Porträt, immerhin verrät, zutrauen darf. In den beiden Inventaraufnahmen über den Nachlass Spinozas wird ein kleines Gemälde, das ein: Gesicht darstellt, in einem schwarzen polierten Rahmen erwähnt. Vielleicht war es dieses Bildnis von 1660, das den Philosophen an drangvolle Jugendtage erinnerte-