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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 639 - 640

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Die politische Lage in Schiras
Date
1909-10-01
Page
Seite 639 - 640 (sequence 2)
Language
German
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639 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die politische Lage in Schiras. 640 ihnen als Kasernen dienenden Karawansereien verlassen, um vor dem englischen und dem russischen Konsulat zu lagern und dort die Zahlung der sechs Monate rückständigen Löhnung zu verlangen. Sie haben alles in allem Anspruch auf den Wert einer bestimmten täglichen Brotration und auf eine Uniform jährlich. Der Minister des Innern in Teheran, über diese Lage von den Konsuln unterrichtet, hat durch ihre kVermittlung den Aufwieglern telegraphiert, sie sollten ihre Löhnung von dem früheren Gouverneur Assaf-ed-Dowlet verlangen und Schiras nur nach Empfang des Rückstandes verlassen, den Assad-ed- Dowlet vor seiner Absetzung aus den öffentlichen Kassen entnommen. Die seltsamste, an sich freilich wenig interessante Rolle in allen diesen Dingen spielt Assaf-ed-Dowlet. Man kann sich schwer einen kläglicheren Sturz vorstellen als den dieses hohen Beamten, dem man von Teheran aus nicht einmal seine Absetzung mitzuteilen für erforderlich erachtet hat, und der den Gouverneurpalast erst verliess, als man ihn buchstäblich hinauszuwerfen sich anschickte. Vor die Tür seiner amtlichen Residenz gesetzt, ausserstande, nach Teheran abzureisen, da die Garnison, eine recht unbehagliche Gläubigerin, ihn zurückhielt, erbat er vergeblich Gastfreundschaft bei mehreren Gartenbesitzern in der Umgegend von Schiras. Nachdem er beträchtliche Ersparnisse während seines hiesigen Aufenthaltes beiseite gebracht, machte er in der letzten Zeit, als er seine Ungnade nahen fühlte, Schulden über Schulden. Er schuldet der Dienerschaft und allen Lieferanten: Schneidern, Bäckern, Krämern, sogar dem Barbier. Ich glaube, der Barbier allein ist befriedigt worden, hat ein gütliches Abkommen getroffen. Das sind recht drollige Erscheinungen, nur in diesem wunderbaren mittelalterlichen Lande möglich. Wir würden unsern herzlichen Spass daran haben, wenn wir nicht so sehr darunter zu leiden hätten. Im ganzen müssen wir uns noch glücklich schätzen, dass unsere Glaubensgenossen inmitten so grosser Unordnung und Anarchie bisher nicht ernstlich beunruhigt worden sind. Abgesehen von vereinzeltem Eindringen von Manifestanten in die Mahalla und einigen Häkeleien ohne Bedeutung, ist eine Ausschreitung überhaupt nicht vorgekommen. Freilich: seit vierzehn Tagen wagt sich kein Israelit zum Stadtviertel hinaus. Im Einverständnis mit dem Polizeichef habe ich die Schankstätten schliessen, den Verkauf von Wein und Branntwein an die Moslim verbieten lassen. Auch habe ich meine Besuche bei Personen, die noch einiges Ansehen in der Stadt besitzen, vervielfacht, um sie zu gunsten der Unsrigen zu stimmen und mir ihre wohlwollende Beihilfe zu sichern. Ich habe auch die Freundschaft des russischen Konsuls Herrn Kadlabowsky zu gewinnen gesucht, da ich weiss, dass der neue Gouverneur Alas-ed-Dowlet sehr auf ihn hören wird. Herr Kadlabowsky, ein prächtiger Mann, der vortrefflich französisch zu plaudern versteht, scheint die Vorurteile und Voreingenommenheiten seiner Landsleute gegen unsere Glaubensgenossen nicht zu teilen. Er hat mir die Versicherung seiner lebhaftesten Sympathie gegeben und mir seine ganze Hilfe im Fall des Bedarfs versprochen. Ich habe ihm den Gedanken nahegelegt, bei seiner Regierung die Einrichtung eines russischen Konsulats in Schiras anzuregen. Herr Kadlabowsky, dem es hier sehr gut gefällt, hat mir gesagt, dass er das Mögliche tun werde, um die Ernennung zum Konsul in Schiras zu erlangen. Im Innern von Fars ist die Lage noch weniger erfreulich. Die zahlreichen Gemeinden dort leiden unter den empörendsten Missbräuchen. Hier die jüngsten Nachrichten aus Dscharum: Nach den unaufhörlichen Verfolgungen, denen sie sechs Monate hindurch ausgesetzt gewesen waren, verkauften die unglücklichen Israeliten dieser Ortschaft den Rest ihrer Habe, um sich in Schiras niederzulassen. Sie verliessen Dscharum vor etwa einem Monat unter der Führung eines Tscharvadar (Karawanenleiters) und einiger Tofantschis (Infanteristen), die von dem Gouverneur von Dscharum zum Geleit nach Schiras ausersehen waren. Auf halbem Wege plünderte der Tscharvadar im Verein mit den Tofantschis, und wahrscheinlich im Einverständnis mit dem Gouverneur von Dscharum, die armen Juden vollständig aus und verliess sie. Fünf von den Unglücklichen kehrten in ihr Dorf zurück, um die Hilfe des Gouverneurs zu erbitten, der ihnen auch als Ersatz je ein Hemd gab. Sie schrieben darauf einen herzzerreissenden Brief an mich, erzählten mir ausführlich ihr schmerzensreiches Abenteuer und baten mich, zu ihren Gunsten zu intervenieren. Der Lokal- Gouverneur und Nasr-ed-Dowlet, die ich von dem Vorfall in Kenntnis setzte, versprachen ausdrücklich, dass sie das Mögliche tun wollten, um den armen Juden von Dscharum wieder zu ihrer Habe zu verhelfen. Die Moral aus allen diesen Ereignissen ist die, dass nirgend sonst im ganzen Orient Ihr Werk nützlicher, notwendiger und schöner ist, als in diesem Lande. Ich spreche namentlich von dem Schutz, den Sie der hiesigen israelitischen Bevölkerung zuteil werden lassen. Der Wert Ihres Schutzwerkes geht unter den augenblicklichen Umständen noch über den Wert des Unterrichts und der Erziehung hinaus. Die blosse Existenz Ihrer Schulen, die Gegenwart Ihrer Schulleiter genügen bereits, den glühenden, wilden Fanatismus einer unversöhnlich hasserfüllten Menge zu beruhigen, das angeborene unaustilgliche Uebelwollen einer meist unwissenden Bevölkerung zu mildern, mit einem Wort: von tausenden von Personen, die sich nicht selbst verteidigen können, die schlimmsten Verfolgungen abzuwehren. Nicht ohne tiefes Gefühl aufrichtiger Genugtuung und gerechten Stolzes können wir an die Grösse und Schönheit unserer Aufgabe in diesen Ländern denken, die um Jahrhunderte in der Zivilisation zurück sind. N a t a f.

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