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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 637 - 638

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Die politische Lage in Schiras
Date
1909-10-01
Page
Seite 637 - 638 (sequence 1)
Language
German
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637 638 DIE POLITISCHE S c h i r a s , 29. Juli 1909. Niemals ist die politische Lage hier verwirrter gewesen, unbeständiger, drohender. In meinem vorhergehenden Briefe sprach ich Ihnen von der einhelligen Unzufriedenheit, die durch den Generalgouverneur Assaf-ed-Dowlet erregt worden ist, der durch seinen Mangel an Energie und Autorität, durch seine Apathie und seine Indifferenz aus Fars einen wahren Verbrecherwald gemacht hat. Auf die eindringlichen Bitten, auf die eifrigen Beschwerden der Provinzbewohner, und auf die nachdrücklichen Gesuche des englischen und des russischen Konsuls in Schiras, beschloss der Schah Mohamed Ali einige Tage vor seiner Abdankung (niemand sagt Absetzung) die Absetzung des unfähigen Assaf-ed-Dowlet und bestimmte zum Nachfolger den musterhaften Gouverneur Zel-es-Sultan, dessen guter Ruf Ihnen gewiss bekannt ist. Sie wissen, welches ungeheure Ansehen dieser hohe Beamte geniesst. Sie wissen auch, welche wohlwollende Förderung Zel-es-Sultan Ihrem Werk in allen Stellungen, die er eingenommen hat, jederzeit angedeihen liess. Nichts konnte uns deshalb mehr erfreuen, uns mehr Vertrauen einflössen, besser den Interessen der Schule und der Gemeinde dienen, und ich begann einen enthusiastischen Brief, in dem ich Ihnen die gute Nachricht verkündete. Aber ich vergass, dass ich in Persien war, dem Land der Intriguen und Ueberraschungen, namentlich der unangenehmen. Die unerwartete Thronbesteigung eines neuen Schah und die Proklamierung des Oberhauptes des Kaschgaistammes, aus dem die gegenwärtige Dynastie hervorgegangen ist, zum Regenten, haben in der Tat die Dinge vollständig geändert. Die Brüder Kawam, die einsahen, dass die neue Regierung sehr geneigt sein möchte, die Handlungen der vorigen zu desavouieren, wollten um jeden Preis verhindern, dass Sel-es-Sultan, der einzige Gouverneuer, dem sie nicht standzuhalten wagen, nach Schiras komme. Sie erlangten auch durch ihre Intriguen seine neuerliche anderweitige Ernennung und seine Besetzung durch einen gewissen Alas-ed-Dowlet, der schon zweimal Gouverneur von Fars und immer ihnen ergeben gewesen war. In Uebereinstimmung mit dem Direktor des persischen Telegraphenamtes Hessen sie nach Teheran telegraphieren, dass die ganze Bevölkerung gegen die Ernennung von Sel-es-Sultan protestiere. Ohne sich über die Wahrheit einer derartigen Behauptung zu unterrichten, und unzweifelhaft in dem Wunsch, seinen Amtsantritt durch eine Handlung zu inaugurieren, die einem bedeutenden Teil der Untertanen angenehm sein würde, beeilte sich der Regent, dem angeblichen Wunsch der Bevölkerung von Fars zu genügen, und verfügte den Wechsel, von dem ich eben gesprochen habe. Die Nachricht von der Ernennung Alas-ed-Dowlets an Stelle Sel-es-Sultans hat im ganzen Lande den betrüblichsten Eindruck gemacht. Dieser Beamte hat, so sagt man, seine früheren beiden Funktionszeiten durch Handlungen äusserster Willkür und empörendster Grausamkeit »der Erinnerung] eingeprägt. Er war AGE IN SCHIRAS. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. ein hartherziger, ausschweifender Tyrann, überdies ungemein fanatisch und ein wütender Fremdenfeind. Zärtlichkeit empfindet er, wie es scheint, nur für die Russen, was ganz und gar dem Wunsch der Brüder Kawam entspricht, deren einer, Nasr-ed-Dowlet, sich zum russischen Konsulatagenten in Schiras hat ernennen lassen. Die Intriguen dieser Brüder wurden aufgedeckt, die Stadt teilte sich in zwei Lager, ungleich an Zahl, aber gleich an Macht: die Partei der Kawams, aus allen Personen bestehend, die im trüben zu fischen lieben, aus einigen Oberpriestern wie Mirza Ibrahim, dem Imam Dschumba — dieses Lager gestützt von den arabischen Stämmen, die dem Alased-Dowlet zugeneigt sind — und das Lager der kaufmännischen und handwerkerlichen Bevölkerung der Stadt, die es mit den Kaschgai-Stämmen halten, den Freunden Sel-es-Sultans. Die beiden Lager organisieren Kundgebungen, die seit. fünf Tagen ununterbrochen andauern. Von Mittag bis Mitternacht und von Mitternacht bis Mittag gibt es einen fortwährenden Lärm, ein unaufhörliches Geschrei der Feindseligkeit, das die beiden manifestierenden Gruppen gleichzeitig ausstossen, während sie sich in den verschiedenen Moscheen der Stadt versammeln. Dieser Stimmenlärm wird begleitet von unaufhörlichen Gewehrschüssen, die bisher glücklicherweise keinen Schaden angerichtet haben. Währenddem ist das geschäftliche Leben in Schiras vollständig ins Stocken geraten. Die Basare sind seit 8 Tagen geschlossen. Die gouverneurlose Stadt befindet sich in den Händen einiger Oberbeamten, von denen jeder beansprucht, der interimistische Gouverneur zu sein, bis Sel-es-Sultan oder Alas-ed- Dowlet oder ein anderer kommt. Es ist eine wahre Vielherrscherei, wenn ich so sagen darf. Man weiss nicht, bei wem man auch nur die geringste Klage vorbringen kann. Die Kaschgais und die Araber verfehlen natürlich nicht, aus einer solchen Lage Nutzen zu ziehen und sich den gröblichsten Ausschreitungen hinzugeben. Man wird auf offener Straße und am lichten Tage ausgeplündert und muss sich freuen, wenn man das nackte Leben behält. Man fürchtet vor allem die Ankunft aller Kaschgai-Stämme mit ihrem allmächtigen Oberhaupt Saulat-ed-Dowlet, der, wie man erzählt, sich vorgenommen hat, die Kawam- Partei auszurotten und dasselbe Schicksal Alas-ed- Dowlet zu bereiten, wenn er jemals wagen sollte, nach Schiras zu kommen. Und Saulat-ed-Dowlet ist ganz der Mann, ein solches Wort zu halten. Seine Ankunft würde mich in die grösste Verlegenheit bringen. Denn einerseits wäre ich absolut genötigt, ihn zu besuchen und zu bitten, dass er seinen Leuten Befehl gebe, die Israeliten^ nicht zu beunruhigen, und anderseits würden die Schritte, die ich nach dieser Richtung tue, so sehr ich sie verbergen wollte, doch den Brüdern Kawam*. bekannt werden, die mir deswegen grollen und vorkommenden Falls ihre schätzenswerte Hilfe, die sie mir seither so willig gewährt haben, nicht mehr schenken würden. Um den anarchischen Zustand zu vervollständigen, haben die 800 Mann der städtischen Garnison die

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