Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Kulturkuriosa
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 629 - 630 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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629 Max Schacher!: Kulturkuriosa. 630 Deutschland ist, zum amerikanischen Nationalhelden ward. Unserem Empfinden aber ist's ein ausgleichender _ Zug, dass ihn heute Amerika seinen Bürger nennen darf, das landflüchtigen Juden eine Heimstätte geboten hat. Durch die breiten Strassen New Yorks dröhnt der Jubelschrei: „Unser Cook!" ... ein Jubelruf, der sich fortpflanzt über Meere und Reiche hinweg. Es ist eine schöne Zeit für die Entdecker. Ihr Name wird Gemeingut der Einzelindividuen aller Völker, und jeglicher weiss endlich etwas vom Kulturfortschritt. ... Vom Kulturfortschritt. Kurios ist's, wie einseitig dieser Fortschritt sich bewegt. Die Menschheit ist fortgeschritten von Erkenntnis zur Erkenntnis, von Werk zu Werk. Probleme werden geschaffen — sofern sie nicht vorhanden — nur um Verstandesarbeit zu zeigen. Triumphierend verkündet man der Menschheit jede neue Errungenschaft. Besser noch dieses ethisierende Pathos, als die zeitweis sich mel- Einleitung in den Talmud. Von Prof. D. Dr. Hermann L. Strack. Vierte, neubearbeitete Auflage. Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig. Preis Mk. 3,20. Vor 22 Jahren ist die erste Auflage dieses Baches erschienen, dessen Zweck nach den Worten des Verfassers war, „objektiv und wissenschaftlich über das Ganze des Talmuds zu belehren und in das Studium dieses durch Entstehung, Umfang, Inhalt und zuerkannte Autorität gleich merkwürdigen Literaturprodukts einzuführen". In der Vorrede zu der vierten, sehr erweiterten und verbesserten Auflage sagt Strack: „Immer noch suchen unwissende Agitatoren (die meisten von ihnen sind zugleich böswillig) dem christlichen deutschen Volke vorzureden, dass das Judentum den Talmud mit allen nur erdenkbaren Mitteln geheim halte, Bekanntwerden seines Inhalts fürchte, ja dessen Bekanntmachen seitens eines Juden für ein todeswürdiges Verbrechen halte. Dem gegenüber genügt es, einige Namen neuerer jüdischer Talmudübersetzer zu nennen: E. M. Pinner, Isr. M. Rabbinowicz, M. Eawicz, J. Sammter, M. Schwab, D. 0. Straschun, und jetzt Laz. Goldschmidt. Sie alle sind unverfolgt geblieben; ja dem letztgenannten ist zur Durchführung seines, auch wenn man die Mängel streng beurteilt, riesenhaft zu nennenden Unternehmens mehr denn Eine materielle Hilfe von jüdischer Seite geworden. Und Wilh. Bacher hat durch sein sechsbändiges deutsches Werk über die Geschichte der Haggada viel dazu beigetragen, einen Hauptteil des Inhalts des Talmuds bekannt zu machen. dende pathetische Ethik. Sieg um Sieg! Aber die alte Kulturschande dauert fort: der Jude ist entrechtet, da und dort. .. . David Schwarz, Lilienthal, Cook und unzählige andere — sie sind Juden, ihnen dankt die Menschheit das Gefühl der Macht. Man feiert sie oder ihr Andenken, willig oder unwillig — man vergisst jener, aus deren Stamm sie sind. Russische Zeitungen singen Lobeshymnen auf Cook, und Carmen Sylva greift in die Saiten, um ihn zu besingen — es sind Kuriositäten der modernen Kultur. Wir erlebten den Sieg der Materie, aber wir sind nicht fortgeschritten im Bewusstsein der Freiheit, sind unfrei geschichtet nach Klassen und Bekenntnissen. Denn würfe das grossartige Werk des Einzelnen wirklich leuchtende Reflexe auf alle seine Stammesgenossen — wir Juden stünden da in einem Meer von Licht! Doch die Reflexe brechen und verirren sich! Nachdruck verboten. Der Talmud (ich wiederhole, was ich seit vielen Jahren feierlich erklärt habe) enthält keine Nachricht oder Aeusserung, welche, selbstverständlich wenn sie wirklich darin steht, der sprach- und sachkundige christliche Gelehrte zu finden nicht vermöchte . . . Ueberhaupt gibt es innerhalb des gesamten Judentums weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Die Juden sind nicht bemüht vor den Christen etwas zu verbergen, und sie können auch nichts vor ihnen verbergen. Der Talmud, der Schulchan-Aruch und andere jüdische Schriftwerke sind G-eheimbücher nur für diejenigen — Juden nicht minder als Christen — welche weder die zum Lesen der Grundtexte erforderlichen Kenntnisse sich erworben haben, noch von den vorhandenen UeberSetzungen usw. wissen. Für solche ist auch Casars Bellum Gallicum ein Geheimbuch." Für uns ist das nicht neu. Verdienstlich bleibt, wenn es von anderer Seite bezeugt wird, auch wenn die Notwendigkeit solchen Zeugnisses übles Licht wirft auf die, deren Wahrheitsscheu die Notwendigkeit geschaffen hat. Stracks Buch aber hat noch einen anderen Wert als den der Abwehr gegen Unwissenheit und Böswilligkeit: Unabhängig von seiner Bedeutung in dem uns aufgedrängten Streit wider erfinderische Verleumdung, bietet es dem Gebildeten eine vortreffliche Einführung in den Talmud. Auch der Laie gewinnt durch die Strack'schen Darlegungen eine deutliche Vorstellung von dem Ursprung und dem Inhalt des Talmud, von der ihm zugrunde liegenden Denkart und Anschauungsweise, von der talmudischen Methodik. Der aufmerksame Leser bekommt zudem LITERARISCHE RUNDSCHAU.