Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Kulturkuriosa
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 627 - 628 (sequence 1)
- Language
- German
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fe27 628 KULTURKURIOSA. Von Max Schacherl. In einem Jahrhundert der Technik, in einer Zeit, die der Sieg der Materie kennzeichnet, mag das Selbstgefühl des Einzelnen willkommene Steigerung erfahren, mag die Menschheit des Glaubens sein, dass Naturkräfte ihren Meister gefunden. Was einstmals belächelte Utopie, zeigt sich als realer Wert; Träume werden zur Wirklichkeit. Des Zeitungslesers Eigenmeinung feiert ein lärmendes Erwachen, und bestürzt erkennen wir, dass es unschicklich war, den Vorzug, ein Fachmann zu sein, nur Wenigen einzuräumen. Zeppelins Luftschiff gleitet durch den blauen Aether, Blöriot fliegt über den Canal la Manche von Frankreich nach Britannien, die Brüder Wright, Farman, Paulhan — sie sind Helden unserer Tage, vielleicht unserer ganzen Geschichtsepoche. Es ist eine Zeit, in der jeder als wissender Betrachter teilnimmt an den umstürzenden Fortschritten. Altes wird auf den Kopf gestellt, und der konservativste Bürger freut sich dessen. Eine Zeit ist es, die mit der dunklen Ahnung erfüllt, als stände uns noch Gewaltigeres bevor. Ein Entdeckungsfieber befiel die arglose Menschheit. „Wahrlich, es ist eine Lust zu leben!" — sagen die Erfinder, denn sie werden entdeckt. Die ihnen vorangingen, empfanden gar wenig von jener „Lust zu leben". Die genialen Erwecker des Gedankens, dem ein Zeppelin und Wrigth heute die Form gegeben, nahmen nichts als den gläubigen Traum mit. Die Zeit war ihnen nicht günstig, und die Gunst der Zeitgenossen blieb ihnen versagt. Man kann's so erklären; aber auch anders. Immerhin, sie hiessen: David Schwarz und Otto Lilienthal. David Schwarz hat das erste lenkbare Luftschiff gebaut, erfolgreiche Flüge unternommen, mit Regierungen über die Gewährung von Mitteln zwecks neuer Bauten beraten — und musste allzufrüh den Tod des Gebrochenen, Enttäuschten sterben. Er war der Wegweiser. Seine Arbeit hat den sicheren Weg zum Ziel gewiesen, e r liess die Propeller surren, die heute des Glücklicheren Luftfahrzeug dahintragen. Nicht trotzdem, nein, weil er den Weg gewiesen, starb er am Wege. Die da vorangehen im Kampfe gegen tausendfache Hindernisse, trifft die Waffe des Schicksals als erste; die anderen haben die Deckung des Vorangegangenen und kehren heim als Sieger. Die günstigere Situation hat der Nächste; jener, der den Weg zu Ende gegangen, den ein anderer durch steiniges Gerolle und struppiges Dickicht mit Einsatz seines Lebens gebahnt. David Schwarz, der Erfinder des Luftschiffes starb als Hungernder, Verzweifelter. Und vor Wochen flog das Fahrzeug des Grafen Zeppelin über die Häuser der Weltstadt dahin, durchquerte das Reich, und der Jubel von Millionen drang zu ihm empor. . . Am 12. August d. J. waren es zehn Jahre, dass der erste Flugforscher, der geniale Otto Lilienthal, bei einem Aufstieg mit seinem Apparat einer Katastrophe zum Opfer fiel. Die Wrigths und Bleriots mussten erst kommen, ehe des Mannes gedacht wurde, der den Tod für die Wissenschaft erlitt, und von dem Nachdruck verboten. ein gelehrter Aviatiker sagt: „. . . Wie weit es aber in der Zukunft noch kommen mag, es kann nur das Piedestal erhöht werden, auf dem Lilienthal thront, ein Erfinder von Gottes Gnaden, dessen Andenken ewig leben wird in der Geschichte der Wissenschaft . " In seiner Schrift, „Die Brüder Wrigth" feiert Hauptmann Hildebrandt, eine Autorität auf aviatischem Gebiete, Otto Lilienthal als den genialen Bahnbrecher, ohne dessen Erfindung die Siege der Späteren nicht denkbar wären. Und ein anderer Fachmann, Dr. M. Darvai, sagt: „. . . Otto Lilienthal, der erste Flugforscher, dem es gelang, die Gleit- und Segelstudien auf eine entwicklungsfähige Basis zu stellen, auf dessen Arbeiten all' die glänzenden Erfolge der Brüder Wrigth oder eines Bleriot fussen, welche jetzt das tosende Jubelgeschrei der beifallslustigen Menge erregen, war ein Märtyrer der Wissenschaft und des menschlichen Geistes . . ." Heute wird er in der deutschen Presse oft als „unser Lilienthal" erwähnt. David Schwarz und Otto Lilienthal — beide waren Juden. Nun ist auch der Nordpol erreicht; die ganze zivilisierte Menschheit empfindet dieses Gelingen und blickt bewundernd auf den Mann, dem solches gelungen. Ein englisches Blatt hat auf Grund authentischer Belege festgestellt, dass der Entdecker des Nordpols ein Jude ist, dass Dr. Cook einer Frankfurter jüdischen Familie entstammt. So wird man bald lesen können: „unser trefflicher Cook!" Und Cook ist nicht der erste unseres Stammes, der sich mit Einsatz seines Lebens in ferne Regionen gewagt. Wie Dr. Max Grunewald in einem lehrreichen Aufsatz jüngst erzählte, hat der holländische Jude Plancius schon im 16. Jahrhundert die Theorie vom offenen Polarmeer aufgestellt, und 1569 schickten einige Amsterdamer Kaufleute die erste Nordpolexpedition weg, deren Führer auf der Fahrt den Tod fand. Im Jahre 1853 wurden die Juden Gary und Becker in der Polargegend erstarrt und verhungert aufgefunden. August Sonntag, Isaac Israel Hayes und Eduard Israel haben Polarfahrten unternommen und viel für die wissenschaftliche Erforschung des Gebietes getan; gleich ihnen auch Israel Bessels und Angelo Heilprin. Und Waldemar Jochelsohns Ruhm als Erforscher Nordsibiriens lebt in der Wissenschaft fort. Wo immer auch der Menschheit Bedeutsames gegeben wurde, wo immer auch menschlicher Verstand und Ausdauer ihren Triumph feierten — selten fehlt bei solchen Kulturwerken der Jude. Einmal entsteht in ihm der geniale Gedanke, oder er steht im Dienste einer Idee, der er sich restlos weiht; er schafft Werte, die allen zugute kommen — am wenigsten seinen Stammesgeriossen . . . Hier ist ein Kuriosum — nicht nur unserer Zeit. Das grossartige Werk des einzelnen wirft einen leuchtenden Reflex auf seine Stammesgenossen. Das hat sich oft bewiesen, und in diesem Sinne kann man von „gesegneten Nationen" sprechen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Cook, dessen Vaterland