Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- Synagogen- und Gemeinde-Leben im Mittelalter
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 1)
- Language
- German
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'611 612 SYNAGOGEN- UND GEMEINDE-LEBEN IM MITTELALTER. Von Leon Scheinhaus, Hemel. Nachdruck verboten. I. Die Synagoge bildete im Mittelalter die allgemeine Zentrale im Leben unseres Volkes." Rings um sie gruppierten sich die jüdischen Wohnstätten, und das war der erste Grund zu deren Isolierung innerhalb der christlichen und mohammedanischen Bevölkerung. Die Synagoge nahm mehr und mehr das gesamte jüdische Leben, die gesamten Angelegenheiten der Gemeinde in sich auf, ehe noch das Zusammenleben mit den Andersgläubigen für die Juden verschlossen war.1) Schon der heilige Tempel im Altertum war neben seiner opferdienstlichen Bestimmung auch manchen sonstigen Gemeinsamkeitszwecken des Volkes gewidmet. Das zeigte sich besonders deutlich in den Tagen der nationalen Erhebung, zur Makkabäerzeit. Damals wurden im Tempel politische Volksversammlungen abgehalten. Die Synagoge des Mittelalters war in manchen Beziehungen beschränkter, in manchen aber umfassender als der Tempel im Altertum. Politische Angelegenheiten drangen nur sehr selten in die Synagoge, dagegen waren Erörterungen über Angelegenheiten des inneren Volkslebens darin zu Haus. x) In mehreren Punkten folgte ich im ersten Abschnitt dem hebräischen Aufsatz von ü. Jelin in der Monatsschrift „Haschiloah" (Juli 98), der das englische Werk: „J. Abrahams, Jewish Life in the Middle Ages" skizziert. — A. NEUMANN. Morgenreif. Die Juden schlössen sich patriotisch völlig ihren Landesgenossen an, was die Geschichte unseres Stammes in unzähligen Beispielen zeigt. Der synagogale Ritus freilich bot, abgesehen von den Gebeten für den Landesherrn, für politische Betätigung keine Gelegenheit. Auch verbot ihre stets prekäre Lage den Juden, an den politischen Parteikämpfen ihrer Wohnländer sich zu beteiligen. Nur sehr selten findet man Gebete, meist lokaler Natur, angeheftet, die als Zeichen einer besonderen Stellungnahme anzusehen sind. Fehlte den Juden der politische Stoff, so begegneten dafür die gemeindlichen Angelegenheiten desto grösserem Interesse. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts waren die Juden nicht weniger öffentlich regsam als ihre andersgläubigen Landesgenossen; im Gegenteil, der Kreis der jüdischen Angelegenheiten war viel mannigfaltiger, als der der anderen. Denn die Juden besassen kein religiöses Zentrum, und mussten dieses in jeder Gemeinde sich ersatzweise schaffen. Dadurch waren sie gewissermassen gezwungen, weit über die engen Rahmen d -s Ghettos und selbst ihres Landes hinauszublicken. Die den Juden vielleicht angeborene, durch die vielen Verfolgungen jedenfalls entwickelte Wanderlust förderte die Vergrösserung ihres Gesichtskreises. Der Jude aus irgendeinem weltentlegenen kleinen Ort lernte die Sitten und Gebräuche seiner Glaubensbrüder in fernen Landen kennen. Wanderlehrer, durchziehende Prediger verbreiteten neue Gedanken, Kaufherren und Handwerker führten von Ort zu Ort neue Waren und neues Gewerbe, herumfahrende Kantoren sangen immer neue Melodien, neues Leben strömte aus der Ferne, Rückwanderer aus dem heiligen Lande erzählten mit Entzücken von dem Land der alten Sehnsucht, und aufgeregte Kabbalisten kündeten schwärmerisch Wundertaten von den angeblichen Messiassen, die hie und da aufgetaucht waren. Das erhielt den Geist rege und weckte in den Herzen der Hörer schlummernde Träume, Träume von einer hellen Zukunft. In diesem Sinne war das Leben der Juden nicht beschränkt, obwohl nur beschränkter Raum ihnen gegönnt war. Viele Jahrhunderte lang war ihnen jede freie Bewegung genommen worden, hielt man die Bahnen der Welt ihnen verschlossen — doch weder Innozenz III., der die Juden überhaupt ausserhalb der Menschheit stehen wollte, noch die Inquisition, noch die furchtbaren Folgen des „schwarzen Todes" waren imstande, die Juden von der Anteilnahme am allgemeinen Leben abzuhalten. Für diese Anteilnahme am allgemeinen Leben wurde die Synagoge das OELGEMAELDE.