Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 595 - 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Benedictus Spinoza
Date
1909-10-01
Page
Seite 595 - 596 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583990-2600051--09693-2600121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

595 Ernst Altkirch: Benedictas Spinoza. 596 er ausgesetzt war, schweigt er fast ganz; darum nennt ihn der Verfasser der „Lehre von den Geistigen und vom Volke" den wunderbarsten Menschen und „unter allen Menschen den einzigen, der über der Tragik stand". Sein reger Verkehr mit Freunden und Verehrern bezeugt, dass Spinoza zu den geselligen Menschen gehört hat. Er vergrub sich nicht aus Menschenscheu zwischen den Büchern, noch war er ein Stubengelehrter; er arbeitete mit Ausdauer und mit ganzer Hingebung der Seele, oft die stillen Abend- und Nachtstunden zu Hülfe nehmend, da er einer der unermüdlichsten und fleissigsten Geistesarbeiter war. Trat er dann aus seiner Einsamkeit hervor, war er gern in der Gesellschaft von Freunden, und auch' den Genüssen der Tafel zeigte er sich, bei aller Massigkeit und Enthaltsamkeit, die sein körperliches Leiden ihm auferlegten, keineswegs abgeneigt. Bier und Wein wurden von ihm auch im Hause getrunken, und er rauchte dabei sein Pfeifchen, das holländische Tonpfeifchen. Dass er in der Unterhaltung überaus anziehend war, berichtet uns Lucas. Er überredete, ohne es zu wollen. Die Macht der Rede entsprang seinem ruhig heiteren Wesen. Besonders beim Mahle kann ich mir Spinoza gar nicht anders denn als einen humorvollen und lebhaften Plauderer mit einem sehr herzlichen Lachen denken, der den W7itz liebte, und es prächtig verstand, eine Anekdote mit anmutig lächelndem Munde zu erzählen, „dass die feinsten und ernsthaftesten Männer sich daran vergnügten". (Dass bei Spinoza der Humor stark entwickelt gewesen sein muss, darauf weist die nicht geringe Zahl humorvoller Schriftsteller hin, die sich in seiner Bibliothek befanden.) Wie aber mag er erst mit Frauen auf eine zarte, grosse und hinreissende Art gesprochen haben (von Stouppe wissen wir, dass ihn selbst junge Damen von Rang im Haag aufsuchten), und dass uns über sein Verhältnis zu dem weiblichen Geschlecht, ausser einer wenig glaubhaften Liebesgeschichte, so gar nichts überliefert wird, daraus dürfte man vielleicht schliessen, dass er sein Herz nur den edelsten Frauen zuneigte, und diese Frauen haben die Gespräche mit Spinoza immerdar als ihr köstlichstes Erlebnis gehütet. Die Gabe der Rede wurde an Spinoza besonders geschätzt. Ihr verdankt er den Umgang mit vielen Männern von Geist und Ansehen. Unter den Freunden des Philosophen erscheint ohne Zweifel Jan de Witt, sein mächtiger Beschützer, als der bedeutendste und als der einzige, der ihm an Tiefe der Bildung, Beredsamkeit und Selbstlosigkeit nicht gänzlich unebenbürtig war. Eine Ueberlieferung erzählt, dass der grosse Staatsmann sich oft durch ein Seitengässchen in die Behausung des Denkers im Haag stahl, um in der mit Büchern erfüllten Stube, zu der der süsse Duft der Nelken und Rosen aus dem kleinen Garten hinter dem Hause hereindrang, an seinem Munde zu hangen. Auch des schönen Verhältnisses zu Jünglingen sei hier gedacht, denen Spinoza, wenn er sie lieb gewonnen hatte, ein unermüdlicher und geduldiger Lehrer und Meister war. Die Güte ist ein Hauptzug seines Wesens. Nicht minder bewundernswert ist er im Zorn, sobald er erkannte, dass er an einen Unwürdigen geraten war. Seine Liebe und Ehrfurcht, die er Zeit seines Daseins-der Wahrheit bezeugt hat, wandelte sich dann zu jenem göttlichen Zorne, wie er Moses beim Zertrümmern der Gesetzestafeln überkam, als er die Schande seines abergläubischen Volkes sah. Wohltuend berührt es bei einem geistigen Manne wie Spinoza, dass er in der Lebensfürsorge ein aufrechter, vorsichtiger und weltkluger Mann war; und er handelte nicht nur für sich, sondern auch für Freunde und Bekannte weise und bedächtig. Das „Caute" auf seinem Petschaft aber gibt niemandem ein Anrecht, zu behaupten, dass er allzu vorsichtig oder gar feige gewesen sei. Für Spinozas Mut zeugen sein Leben und seine Werke. Ich möchte noch ein Wort über sein Verhältnis zur Kunst hinzufügen. Er ist oft und nicht ohne Absicht phantasielos genannt worden, und man hat ihm jedes Verständnis für Kunst absprechen wollen. Ist doch selbst sein Verhältnis zur Natur angetastet worden. Es kann indessen keinem Zweifel unterliegen, dass Spinoza mit der Natur, besonders wohl mit dem Meere, und auch mit der Kunst, wenn man nicht schon seine Philosophie als eine herrliche Kunst und die Ethik als eins der grössten Kunstwerke gelten lassen will, aufs innigste verwachsen war. Sein Zeichentalent, von dem besonders Colerus berichtet, und die schöngeistigen Schriftsteller, die sich in seiner Bibliothek befanden, sind dafür der sicherste Beweis. Auch meine man nicht, dass Spinoza nur ein grosser Bibelkritiker gewesen sei, für die unvergängliche Schönheit des Buches der Bücher aber unempfindlich. Gewisslich war er, wofür vieles aus seinen eigenen Schriften Zeugnis ablegen könnte, mit unendlich feinen und geläuterten Sinnen für das Schöne begabt, doch ist auch ebenso gewiss, dass er nur für das Ewige in Kunst und Dichtung ein Herz besass. Deshalb finden wir in seiner Bibliothek neben Homer die besten griechischen und lateinischen Dichter und Prosaiker, den fröhlichen Spanier Cervantes, und manch anderen von geistig bedeutender Art, doch keinen Vondel und Gats, Tagesgrössen der damaligen Zeit. Auch wohl schon, dass Spinoza sich wiederholt hat porträtieren lassen, weist darauf hin, dass er von der Bedeutung der Kunst durchdrungen war, zu deren schönsten Aufgaben es gehört, der vergänglichen Gestalt Dauer zu verleihen und das Ideal eines Angesichts im Bilde festzuhalten. Leider war kein wirklich hervorragender Künstler unter denen, die uns Spinoza, der mit Hollands grösstem Porträtmaler beinahe Haus an Haus gewohnt hat, darstellten — es ging ihm darin wie seinem Bewunderer Goethe. Wie von diesem so haben wir auch von Spinoza viele Bilder, aber kein Bild, und unserer inneren Phantasie bleibt darum der wichtigste Anteil, uns das Bild des Mannes, der „nichts als Wahrheit ohne jegliche Beimischung des Verkehrten mit voller Bewusstheit in sich trug", anschaulich und lebensvoll zu gestalten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.