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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 593 - 594

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Benedictus Spinoza
Date
1909-10-01
Page
Seite 593 - 594 (sequence 2)
Language
German
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593 -Ernst Altkirch: Benedictas Spinoza. 594 was doch alles nur Zeichen eines schwachen Gemütes ist, zur Tugend an, sondern im Gegenteil; von je grösserer Lust wir erregt werden, um desto mehr gehen wir zu höherer Vollkommenheit über, d. h. notwendig werden wir dadurch desto mehr der göttlichen Natur teilhaftig. Die Dinge also zu gebrauchen und sich an ihnen soviel als möglich zu erfreuen (freilich nicht bis zum Ueberdruss, denn das heisst nicht sich erfreuen), das ist Sache eines weisen Mannes. Es ist Sache eines weisen Mannes, sage ich, sich an angenehmen Speisen und Getränken mit Mässigung zu erholen und zu stärken, ebenso auch an Wohlgerüchen, an der Schönheit blühender Pflanzen, an stattlicher Kleidung, an Musik, an Leibesübungen, Theater und ähnlichem, was ein jeder ohne irgendwelche Beeinträchtigung des andern gemessen kann/' In einem seiner Briefe äussert sich der Philosoph in ähnlicher Weise: „Ich suche das Leben nicht in Trübsal und Seufzen, sondern in Ruhe, Freude und Heiterkeit zu verbringen und steige dadurch eine Stufe empor." Spinoza ist der Typus des geistigen Menschen — ich gebrauche diesen Ausdruck im Sinne Constantin Brunners, im Sinne seiner „Lehre von den Geistigen und vom Volke"*) — und war dies auch nach seiner äusseren Erscheinung und nach den Aeusserlichkeiten seines Auftretens. Er war von mittlerer Grösse, berichtet Colerus, und ich denke mir ihn schlank, schmalbrüstig und mager, von kurzen Beinen und mit einem wiegenden Gange. Die Zimmer, in denen er wohnte und arbeitete, und die er oft wochenlang nicht verlassen hat, waren sehr geräumig, und in ihnen mag er beim Nachdenken und bei der Unterredung und wohl auch beim Diktieren viel auf und ab gewandert sein. Er trug im Hause ein leichtes, bequemes Sergekleid. Als es alt war und wohl gar Löcher besass, soll ihn ein vornehmer Ratsherr wegen des abgetragenen Rockes getadelt und ihm einen neuen angeboten haben. Dieser Ratsherr, so deucht mir, besass wenig Humor. Derselbe Spinoza ging, trotz seiner geringen Einkünfte, sehr sorgfältig und schön gekleidet, sobald er sein Haus verliess. Und er trug sich mit Anstand und schritt gemessen und gravitätisch dahin. Dass *) Constantin Brunner: Die Lehre von den Geistigen und vom Volke. Band 1 in zwei Halbbänden. Berlin, Karl Schnabel Verlag 1908. Spinoza 1660» Nach dem Oelgemälde im Besitze des Generalkonsuls Franz Philippson in Brüssel. er sich einen Degen angesteckt habe, wie in der Stolle- Hallmannschen Reisebeschreibung erzählt wird, muss allerdings bezweifelt werden; aber er kleidete sich gern mit besonderer Eigenart und war überhaupt ein wenig eitel, das scheint gewiss. Man sah ihm auf den ersten Blick den Gelehrten an; die Leute wandten sich nach ihm um, wenn er ihnen im hohen Filzhut und im malerisch umgeworfenen Mantel begegnete, wie man heute dem Schriftsteller und Künstler nachschaut, der einen breitrandigen Hut und einen Samtrock trägt. Nun weiss man zwar, dass sich in solchen Aeusserlichkeiten die Stümper gefallen, aber man vergesse darum nicht, dass auf sie hin und wieder auch die Allergrössten Wert gelegt haben, denen es sich dabei ganz und gar nicht um Aeusserlichkeiten handelte — und in der Tat kommt gerade in derlei viel von der innerlichsten Besonderheit ihresWesens und von ihrem Protest gegen die Allgemeinheit zum Ausdruck. Spinoza war ganz und gar Aristokrat. Er hatte nichts Volkstümliches an sich, und am allerwenigsten kann er in dieser Hinsicht mit Jesus verglichen werden. Doch war er freundlich und hülfsbereit zu jedem, der sich an ihn wandte, und im Umgange mit seinen Freunden erweist er sich als eine zärtliche und liebebedürftige Natur. Wenn wir an sein vornehmes und sicheres Auftreten denken, dürfen wir seine spanische Herkunft nicht vergessen. Lucas achtete ihn einem - Hofmanne^gleich. Sein Antlitz war gebräunt, olivenfarbig sogar nannte es Leibniz, und seine Stirn prachtvoll, seine fdunklen, weitgeöffneten Augen lebhaft und tief, mit gewölbten Braune, seine Nase stark und*gerade, sein Mund schön und von leichter Ironie beseelt, und sein Kinn kräftig und männlich. Die Krankheit, an der Spinoza über ein Jahrzehnt gelitten, wurde von ihm mit wahrhaft heroischem Gleichmute getragen. Höchstselten berührt er in seinen Briefen seinen Gesundheitszustand, niemals klagt er. Von ausserordentlicher Willenskraft zeugt seine Beherrschung von Leid und Schmerz. Als er den Ruf nach Heidelberg ablehnte, unterliess er in seinem Schreiben jede Bemerkung über sein Leiden; man betrachte aber das Bild Vaillants, das ihn uns aus derselben Zeit vergegenwärtigt! Auch über die Verfolgungen, denen

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