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Ost und West · 1909-10-01 · Heft 10 (Oktober 1909) · p. Seite 587 - 588

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 10 (Oktober 1909)
Article
Die internationale Bedeutung der englischen Juden
Date
1909-10-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 2)
Language
German
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587 Paul Goodmann, London: Die internationale Bedeutung der englischen Juden. 588 hilfreich annahm, ist vor nicht langen Jahren erst der Synagogenkasse zugeteilt worden, da es jetzt weder eine Inquisition noch Seeräuber gibt, aus deren Händen jüdische Gefangene befreit werden müssten. Die Verhältnisse haben sich derart geändert, dass die freundschaftlichen Beziehungen zu den alten Mutterländern der spanisch-portugiesischen Juden durch die Vermittelung der Londoner Gemeinde erneuert worden sind. Sowohl dem jungen König von Spanien wie dem inzwischen ermordeten König Carlos von Portugal wurde vor einigen Jahren bei ihrer Anwesenheit in der britischen Metropole von Vorstehern der Gemeinde aufgewartet, wobei alte jüdische Erinnerungen wachgerufen und neue Hoffnungen angeknüpft wurden. Die Sephardim nehmen in England jetzt nicht mehr die frühere führende Stellung ein; sie waren es aber, die die englischen Juden zu ihrer hervorragenden Bedeutung innerhalb der Judenheit brachten. Sir Moses Montefiore, der grösste Sephardi des neunzehnten Jahrhunderts, war ein Engländer. Als Präsident des Board of Deputies — voreinst eine sephardische Gemeindeinstitution, die später zu einer repräsentativen britisch-jüdischen Körperschaft ausgebildet wurde — trat Sir Moses 1840 seine historische Reise nach Damaskus an, zu deren Kosten die Aeltesten der spanisch - portugiesischen Gemeinde 500 Pfd. Sterl. beisteuerten. Seit der Damaskus-Affäre haben die englischen Juden eine besonders wichtige Stellung innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft gehabt. Der Board of Deputies war die einzige jüdische Körperschaft in Europa, die nach den Trauertagen von Damaskus eine öffentliche Protestversammlung veranstaltete. Dank den sympatischen Gefühlen ihrer christlichen Mitbürger, konnten die englischen Juden einen Einfluss weit über das Mass ihrer numerischen oder finanziellen Macht ausüben. Das englische Volk, durch den Lord- Mayor von London, erhob seine Stimme gegen die Blutanklage. Und in den Jahren 1882 und 1891 gaben wiederum von derselben Stelle die Spitzen der englischen Nation ihrer Entrüstung über die russischen Greuel Ausdruck. Die Würde und Macht des Mansion House stellte sich wiederholt in den Dienst der unterdrückten Juden. Aehnliches wird man in anderen Ländern vergeblich suchen. Die Sympathie, die jedermann, von der Königin Victoria bis zum kleinsten Journalisten, Sir Moses Montefiore entgegenbrachte, ermöglichte ihm die erfolgreiche Durchführung seiner Mission. Dieses für beide Teile ehrende christliche Zeugnis zugunsten der Wirksamkeit des jüdischen Menschenfreundes flösste sogar einem russischen Zaren und einem marokkanischen Sultan Bespekt ein. Die gleiche Haltung des englischen Volkes hat sich oft zugunsten der unterdrückten Juden bewährt. Der Board of Deputies, als politische Vertretung der englischen Juden, sowie die Anglo-Jewisch Association, die englische Abzweigung der Alliance Israelite Universelle, haben immer wirksame Unterstützung bei den britischen Vertretern im Orient gefunden. So ist auch, trotz der neueren Bealpolitik des Sir Eduard Grey, die Tribüne des Hauses der Gemeinen beständig benutzt worden, um die öffentliche Me;nung über manchen brennenden Punkt der Judenfrage aufzuklären. Jüdische Parlamentarier wiQ Sir Francis und Sir Julian Goldsmid, Sir John Simon, Baron Henry de Worms (später Lord Pirbright) haben sich in dieser Hinsicht um die Judenheit sehr verdient gemacht. Ihre christlichen Kollegen haben es als selbstverständlich betrachtet, dass ein Jude um die Wohlfahrt seiner Glaubensgenossen besorgt sein sollte, so dass die Interpellationen und Debatten gewöhnlich eine gute Wirkung nicht verfehlten. Es muss leider anerkannt werden, dass die Erfolge dieser parlamentarischen Interventionen sowie des Disraelischen Einflusses auf dem Berliner Kongress von J87S noch immer auf sich warten lassen. Von greifbaren Resultaten sind die philanthropischen Bestrebungen der englischen Juden für ihre auswärtigen Stammesgenossen gewesen. Obwohl in 1881 es in London nur ca. 25 000 Juden englischer Geburt gab (es waren damals im ganzen ungefähr 60 000 Juden in Grossbritannien und Irland), so nahmen sie doch den hervorragendsten Anteil an der Linderung der grossen jüdischen Not, die mit den russischen Progromen ausbrach, und letztens war es wieder in London, mit Lord Rothschild an der Spitze, wo die internationale Hilfsaktion zugunsten der russischen Juden ihr Zentrum hatte. Nicht nur dass mit Rat und Tat die englischen Juden in erster Reihe standen, sondern auch die geographische Lage Englands brachte es mit sich, dass eine grosse Anzahl osteuropäischer Glaubensgenossen dort eine sichere Heimstätte fanden, während ein beträchtlicher Teil der Emigranten, deren Ziel die überseeischen Staaten waren, längere Zeit in England ihren Aufenthalt nahmen.« Die gewaltigen Ansprüche, die dadurch an die englische Judenschaft gestellt wurden, fanden glänzende Befriedigung. Die Stabilität des englischen Judentums, die angesehene Stellung der Eingeborenen und das lebhafte jüdische Gefühl der eingewanderten Massen, haben London zu einer „Stadt und Mutter in Israel" gemacht. Auch Baron Hirsch begründete seine Jewish Colonisation Association in England, obwohl die Geschäfte dieser grössten jüdischen Organisation in Paris, dem früheren Wohnort des Baron Hirsch, besorgt werden. Das Gesagte muss nicht als ein Hymnus auf das englische Judentum betrachtet werden. Wo die jüdische Solidarität nicht als Verschwörung oder Verbrechen, sondern als selbstverständliche Pflicht angesehen wird, hört sie auf, eine ausserordentliche Tugend zu sein. Das Verhalten eines Sir Marcus Samuel, der als Lord-Mayor von London dem rumänischen Gesandten die Einladung zum offiziellen Guildhall Bankett vorenthielt, würde in einem anderen Lande undenkbar sein. Nur in England konnte ein Mann wie Lord Rothschild als ausgesprochener Anwalt der fremden Juden in der heiklen Fremdenfrage auftreten, ohne sich einer gewissen Agitation nach berühmten Mustern auszusetzen. Diesem äusseren Einfluss ist es zu verdanken, dass auch der geistige Zug des englischen Judentums sich verstärkt hat, anstatt, wie zuweilen anderwärts,

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