Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Die Israeliten von Suleymanie
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 577 - 578 (sequence 2)
- Language
- German
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577 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten voii Suleymanie. 578 chen tragen solche Käppchen vöm fünften Jahre an, bis sie sich verheiraten. In auffallendem Gegensatz zu dem Brauch von Irak gehen hier Mädchen und Frauen mit unverhülltem Gesicht und scheuen die Blicke der Männer nicht. Auch vor den Muselmanen verbergen sie sich nicht; übrigens verlassen sie nur selten das Viertel. Unsere Glaubensgenossen von Suleymanie sind gesund und kräftig. Die Mädchen verheiraten sich in der Regel vor dem fünfzehnten Lebensjahr. Die Paare kennen sich vor der Verlobung; doch nach dieser Zeremonie, die nicht wie in Bagdad mit Kidduschim verbunden ist, darf der junge Mann die Braut bis zum Hochzeitstag nicht sehen. Die Trauung findet an einem Donnerstag abend im Haus des Bräutigams statt. Wie fast im ganzen Orient gehen ihr mancherlei Veranstaltungen voraus, zu denen vornehmlich das „Hinne" und das Bad gehören. Mit dem Bad ist in Suleymanie ein besonderer Brauch verbunden: Der Bräutigam und seine Freunde gehen nicht in ein allgemeines Bad, sondern in das dicht bei der Synagoge befindliche Frauenbad, und die Kleider, deren sich der Bräutigam entledigt, um das Tauchbad zu nehmen, fallen dem Synagogendiener zu. Acht Tage nach der Hochzeit findet die ,,Sebahie" statt, d. h. der Empfangstag der Neuvermählten, der die meisten Lustbarkeiten bringt. Allerdings sind diese Lustbarkeiten immer noch sehr bescheiden. Aus Furcht vor den Muselmanen gibt es weder Musik noch Tanz. Aber viel Arac wird getrunken. Dieses Getränk ist unglücklicherweise bei unseren Glaubensgenossen in ganz Kurdistan sehr beliebt. Die Gemeinde von Suleymanie hat zwei Synagogen und eine kleine Talmud-Tora-Schule, alle in kleinen Gemächern untergebracht. Die Frommen setzen sich auf Teppiche, die über den Boden gebreitet sind, die Kinder hocken auf nackter Erde. Das Talmud-Tora- Schulgebäude ist erst neuerlich errichtet worden. Die Geschichte seiner Entstehung verdient Erwähnung: Das jüdische Viertel wird nachts von einem Militärposten bewacht. Dieser Posten war bis in die jüngste Zeit in dem Vorraum einer der Synagogen untergebracht. Da aber die Soldaten diesen Vorraum nachts zu einer Stätte von Ausschweifungen machten und ihn auch sonst in den übelsten Geruch brachten, entschloss sich die Gemeinde, für den Wachtposten ein besonderes Zimmer herzurichten. In diesem Zimmer ist die Talmud-Tora-Schule während des Winters untergebracht. Im Sommer setzen sich die Kinder in den Hof. Die Einkünfte der Gemeinde kommen aus Spenden bei der Verlesung der Tora und aus der Abgabe von 45 Centimes von jedem geschlachteten Hammel. Der Schochet bekommt 90 Centimes und gibt davon die Hälfte an den Gemeindebeamten, der mit der vorschriftsmässigen Entfernung der Adern betraut ist, da die Hausfrauen von Suleymanie diese Verrichtung nicht verstehen. Die Gemeindeeinkünfte belaufen sich auf tausend Francs, die zur Erhaltung der Synagoge und für den an die Beamten des Serail zu entrichtenden Bakschisch verwendet werden. Die Zöglinge der Talmud-Tora-Schule zahlen monatlich zwischen 20 und 50 Centimes an den Rabbiner, der sie in den Gebeten und in der Perascha unterrichtet, ihnen auch ein wenig Uebersetzen ins Chaldäische, die Umgangssprache der Israeliten in Suleymanie, beibringt. Die Steuern, die auf der Gemeinde lasten, sind die „bedel askerie", d. i. die Militärbefreiungssteuer (insgesamt etwa 60 türkische Pfund jährlich), die von einer Kommission auf alle Gemeindemitglieder verteilt wird, ferner die „temettu", der nach dem Vermögen unserer Glaubensgenossen zehn bis fünfzig gute Piaster jährlich ausmacht. Die Gemeinde hat keine Steuerrückstände und würde sich bei aller ihrer Bedürftigkeit glücklich schätzen, wenn sie nicht mit den Verfolgungen und der Raubgier der Aghas oder Scheiks zu rechnen hätte. Sie kennen die Anarchie, die seit langen Jahren in Kurdistan herrscht. Die Regierung hat dort nur nominelles Ansehen. Die Herren und der Schrecken des Landes sind die Aghas, die Stammhäupter der Hamawands, Plünderer und Räuber, die an den Karawanen Erpressungen verüben und zuweilen in die Städte einfallen. Die zahlreichen gegen sie ausgesandten Expeditionen haben nichts ausrichten können. Vier Aghas herrschen in Suleymanie. Sie haben die jüdische „Klientel" unter sich geteilt. Jeder von ihnen hat eine gewisse Zahl jüdischer Familien unter seinen ,,Schutz" genommen. Sie werden sehen, wie kostspielig dieser Schutz für unsere unglücklichen Glaubensgenossen ist. Diese haben an die Aghas keine feste Gebühr zu entrichten; aber bei jedem Fest — es sei muselmanisch oder jüdisch — sind sie gehalten, jenen Geschenke zu schicken: Zuckerhüte, Stoffe, Kleider. Eine Person aus dem Gefolge des Agha kommt in einen jüdischen Laden, um einen Einkauf zu machen, und zahlt nach seinem Belieben die Hälfte oder den vierten Teil des Preises oder auch gar nichts. Der arme Israelit wird sich hüten, Klage zu führen. Bei der Rückkehr von einer Geschäftsreise muss jeder Jude, er sei ein armer Händler oder ein reicher Kaufmann, dem Agha einen Teil seines heimgebrachten Geldes abgeben. Das ist eine Art Ersatz für die Schikanen, denen sich der Reisende durch seine Abwesenheit entzogen hat. Kaum ist er in Suleymanie angelangt, wird er dem Agha gemeldet, der sofort nach den Abgaben zu ihm schickt. Und der Jude muss wohl oder übel zahlen. — Während der Nacht sind Diebstähle in jüdischen Quartieren häufig. Mehrere bis an die Zähne bewaffnete Individuen schlagen die Türe eines Hauses ein und tragen fort, was ihnen gefällt. Die zitternde Familie sieht dem Raube stumm zu, noch glücklich, dass sie das Leben behalten hat. Vor zwei Jahren wurden nachts die Teppiche aus der Synagoge fortgenommen; anderen Tages wurden sie öffentlich im Basar verkauft. Die Israeliten erkannten die Teppiche, erfuhren die Namen der Diebe, wagten aber keinen Einspruch. Bei wem und gegen wen sollten sie Klage erheben? Die Diebe sind die Agenten der Aghas und handeln für deren Rechnung. Die Aghas sind die Herren der Stadt, in der die Gewalt des Mutessarif (Präfekten) nur eine scheinbare ist.