Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Aus einer stillen Welt
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 487 - 488 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Max Schacherl: Aus einer stillen Welt, 488 Josell der Fuhrmann von dem unwiederbringlich Verlorenen erzählt, mit fatalistischer Ruhe über Vergangenes und Kommendes denkend, ist in Wrissenbergs Darstellungsgabe eines jener novellistischen Kunstwerke, wie sie jungdeutsche Autoren selbst bei liebevollster Hingebung an französische Originale zu produzieren nicht imstande gewesen sind. Und Scholaum Aleichems köstlicher Humor leuchtet aus zwei Erzählungen. Zlocisti wehrt sich zwar in der Einleitung, Scholaum Aleichem als „jüdischen Mark Twain" gelten zu lassen und wdll einen Gegensatz der Humore gefunden haben. Jedenfalls lässt er nicht die gebräuchlichen Schlagworte gelten, mit denen Scholaum Aleichem erklärlich gemacht werden will. Wichtig erscheint ihm die ungetrübte Naivität, das anscheinend ziellose Plaudern — gewiss das Wesentlichste in des Jargonhumoristen Schaffen. Das „Eigentliche" seiner Kunst ist — eigentlich sclrwer zu definieren, denn es hat keine absolute Form. Dennoch haben der amerikanische und der jüdische Humorist viele Aehnlichkeiten; Mark Twain hat Nachahmer gefunden, Scholaum Aleichem aber ist „Einer". Und wird es in der Jargonliteratur auch bleiben. Abraham Reisen, H.D.Nomberg und S. J. O n a u c h i sind noch in diesem zwreiten Bande vertreten, letzterer mit einem besonders feinen Charakterbild „Chajm Woltermann". Diese zwei Bücher gelesen zu haben, bedeutet einen bleibenden Gewinn, Einblick in den Alltag und in die Mysterien einer uns sonst verschlossenen Welt. Es werden uns alltäglich Bücher empfohlen, die angeblich gelesen werden müssen, dass es fast überflüssig erscheint, solche zu empfehlen, die gelesen werden m ü s s t e n. Müssten, wenn bei der Wahl der Bücher noch anderes als blosses Lektürebedürfnis mitsprechen würde. Hans Heinz Ewers schrieb vor einiger Zeit, dass nur die Bücherkauflust des jüdischen Publikums den deutschen Autor vor gemeiner Not schütze. Nichts Neues. Neu wäre, wenn ein jüdischer Dichter durch das jüdische Publikum vor Not geschützt würde. Aber damit hat's noch gute Wege, denn vorerst weiss der grösste Teil des Publikums überhaupt nichts von der Existenz jüdischer Dichter. Für den Kritiker kann nur der künstlerische Wert dieser Bücher bestimmend sein. Hätte dieser mehr Geltung, dann müssten diese zwei Bücher von allen gelesen werden. Doch sei ihr kultureller Wert nicht übersehen. Jhr Inhalt vermittelt uns die Kenntnis einer Welt und ihrer Menschen, ihres Wesens, das uns fremd ist. Und die Kunst, als höchste Mittlerin zwischen Kultur und Menschheit, bringt uns Fernliegendes nahe. Aus diesen Büchern wird man erlernen, dass der Jargon kein Kauderwelsch, wird erkennen, dass dieser Sprache reiche Ausdrucksfähigkeit sie immer vor dem Verfall schützen wird. Dem Uebersetzer wissen wir Dank für seine Arbeit, deren Mühen dem Laien unverständlich bleiben muss. So wird Zlocisti seinen Lohn darin finden, etwas geschaffen zu haben, was zwar in der Form Literaturhistorik, tiefer gesehen aber ein Stück Volksgeschichte, ein Beitrag zur Sprach- und Literaturgeschichte des jüdischen Volkes ist. Volle Anerkennung verdient der Verlag, der in Erkenntnis der Bedeutung solcher Literatur diese Bücher zu billigem Preise in eleganter, anheimelnder Ausstattung herausbringt. Ich bin, wenn es sich um eine Empfehlung neuer Bücher handelt, sonst ein arger Pessimist; diesmal aber meine ich nicht zu irren, wenn ich sage: diese zwei Bücher werden und müssen ihre Leser finden! MAX NORDAU. Der sechzigste Geburtstag Max Nordaus, der jüngst von seinen Freunden gefeiert worden ist, gibt uns willkommene Veranlassung, von diesem jüdischen Schriftsteller zu sprechen, dessen Bedeutung von seinen Gegnern mehr noch als von seinen Anhängern erkannt wird. Wir sind sicher, dass er selbst an der bedingten Anerkennung seiner Gegner grössere Freude hat, als an der kritiklosen Beweihräucherung, die ihm von übereifrigen Freunden gespendet wird. Indem wir das sagen, geben wir am besten der aufrichtigen Würdigung seiner Bedeutung Ausdruck. Der hervorragende Dialektiker, der so mutig und mit so sicherer Unbefangenheit an die Zeiterscheinungen herangetreten ist, kennt die schwachen Stellen seines Vermögens viel zu gut, um nicht — bei aller Selbstschätzung — ein leises Gefühl mitleidiger Verachtung zu hegen für die rückhaltlose Bewunderung, die nur ihre Blindheit beweist, indem sie für die Lücken einer strahlenden Darstellungskunst kein Auge hat. Nachdruck verboten. Nordau ist vor allem ein glänzender Stilist. Dass er diesen Vorzug sich bewahrt hat, ohne im Lauf der Jahre der Manieriertheit im Ausdruck zu verfallen, gereicht ihm zu besonderem Verdienst. Man hätte das Gegenteil nur beklagen, nicht ihm zum Vorwurf machen dürfen. Was er sagt, mag anfechtbar sein, es bringt immer zu vollendetem Ausdruck, was er sagen wollte — und das macht die Kunst des Schriftstellers aus. Seine wundervolle Begabung wird richtig erst dann erkannt und gewürdigt, wenn man ihr Wesen und ihren ganzen Reiz in der ästhetischen Vollendung seiner Sprachgewalt, seiner Formbeherrschung erblickt. Geradewer imstande ist, seine Paradoxen zu zerpflücken, wird innigstes Behagen empfinden an dem, was seine dialektische Jonglierfertigkeit überraschendes bietet. Seine Wortfeuerwerke sind immer unterhaltend und belehrend, belehrend nicht zum wenigsten für den, der sich nicht von ihnen blenden lässt. Bei seinen Aussprüchen muss man sich stets gegenwärtig halten, dass er auf einem von ihm gewählten