Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1909)
- Article
- Aus einer stillen Welt
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 485 - 486 (sequence 2)
- Language
- German
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485 Max Schachcrl: x\us einer stillen Welt. 486 spräche geben: ,,. . . Es war die Sprache der Mutter. Darum lebt die Sprache auch noch. Auf die Mütter führen auch die ersten Anfänge der jüdischen Literatur zurück . . ." Violleicht wird gerade diese sinnige Betrachtung für den Juden am überzeugendsten klingen und keinen wird die Innigkeit ungerührt lassen, mit der Zlocisti von der historischen Bedeutung der Frau für den Jargon spricht. Eigentlich müsste die Einleitung vollständig hierher gesetzt werden, denn nur so kann sie beurteilt werden. Den Unzähligen, die vom Jargon und seiner Literatur keine oder unrichtige Vorstellungen haben, ist Zlocisti hier ein Lehrmeister, dem erfreulicherweise jedes professorale Talent fehlt und dem es deshalb gelingt, über gelehrte Dinge, die wir uns gemeinhin nur von ehrwürdigen Literaturprofessoren vorgetragen denken können, lehrhaft und mit unleugbarem Causeurtalent, dem ein beträchtliches Mass spezifisch jüdischen Humors den eigentlichen Reiz gibt, zu plaudern. Ist es doch immer ein Genuss, über Wissenschaft geistreich plaudern zu hören. Der Kenner der Materie wird an Zlocistis Stil und Darstellungsgabe seine Freude haben, an so manchem feingeschliffenem Worte, an treffenden Sentenzen und Epigrammen. Auf die moderne Jargonpoesie übergehend, behandelt der Uebersetzer die bekanntesten Autoren und findet für die in ihrem Schaffen sich offenbarende Gedankenwelt die Erklärung in ihrer Umgebung, in der Zeitgeschichte. Und er weiss von dieser stillen Welt, die ihr Reich ist, zu sagen: „Aber die Millionen, so die Träume geben, werden nicht etwa verträumt, vergeudet. Mit den Gebilden der Phantasie spielt eine — realistische Klugheit. Man handelt und wandelt, man baut und schafft und dreht die Welt um — und üegt doch an schwülen Sabbatnachmittagen vor seiner Türe ausgestreckt. Die Schindeldächer mag die Armut annagen, die Kleider mag sie vom Leibe zerren. Aber die Seele bleibt ganz rein und stolz. Sie hat ihre feste Burg in der Stille des Bethharni drasch. Sie hat ihre Freuden und Erregungen in der Weisheit der Ahnen, in dem Rythmus der Feste, in den Lüsten der Sabbatstunden, in den abgestuften Wonnen des bräutlichen Nahens, des gemütlichen Verweilens und des Abschieds der Königin Sabbat . . ." Das Ghetto, die stille Welt . » . In diesen zwei Büchern erschliesst sie sich uns. Ihre Menschen und deren Daseinskampf sind getragen von einer traditionellen Resignation; kein Aufbäumen, kein Kämpfen. Man trägt's, so's Gott gefällt. Wieviel Poesie in dieser Welt, welch unendlich innerer Reichtum bei äusserer Armut! Und diese Menschen: Heldengestalten im Kaftan, königliche Würde und Stolz in abgenutztem Gewände! . . . Der erste Band enthält Erzählungen von Abramowitsch, Perez, Braudes, Steinberg, Asch, Spector; Namen, die jedem geläufig sind, der etwas von Jargon - Hteratur gehört. S. J. A b r a m o w i t s c h (Mendele Mocher Seforim) ist mit zw7ei Novellen vertreten. „Von einem Platze an der Misrachwand" betitelt sich die eine, die von „Kabsanzk", einem anonymen Judenstädtchen erzählt, den Kampf zweier Gemeindegrössen um ein bevorzugtes Plätzchen schildert, ein Kampf gegen den Gutsherrn, voll kleiner Finessen — in dem Kabsanzk und seine Grössen unterliegen. Und erst in den Schlussworten merkt man Abramowitsch's Absicht, erkennt, dass Kabsanzk und seine Menschen ein Symbol: ,,. . . Und wieder brachten sie ganz Kabsanzk in Aufruhr . . . Und wie steht es heute da? Schlecht. Die Verwirrung ist gross. Und so mancher schleppt seinen Bettelsack weit in die WTelt. Es ist eben ein Unglück ohne Ende. . . „Die Entdeckung Wolhyniens" ist eine unaufdringliche Satyre auf die erzählenden Historien der Grossväter, eine leise Parodie auf das alte Lied von der „guten, alten Zeit". Schwer wird es mir, das Beste vom Besten hier anzuführen, denn alle diese Erzählungen sind kleine WTerke für sich und jede nimmt das Interesse gefangen. J. L. Perez begegnen wir mit drei Erzählungen; er ist, wie Zlocisti ihn treffend benennt: „der Aufklärer, der Realist, der mystische Symbolist . . . der Gestalterwillen einer ganzen Generation aus träumerischer Sehnsucht entband . . ." Man wird keine seiner Arbeiten vergessen können. Scholem Asch, der sich mit vier Skizzen einstellt, ist auch dem deutsch-jüdischen Publikum kein Fremder mehr. Verfehlt wäre es allerdings, sein Drama „Der Gott der Rache" als Masstab für sein Können zu halten. Seine Eigenart liegt, so meine ich, in der lyrischsubjektiven Erzählung; da ist er Künstler im höchsten Sinne, da paart sich bei ihm Lebendigkeit des Ausdruckes mit feiner Beobachtung, „Auf dem Wege nach Schemenetz", oder „Ein Frühling" sind entzückende lyrische Miniaturen. Jehuda Steinbergs „Das versäumte Kaddischgebet" ist das schlichte Drama eines Menschenlebens, die Tragik Hirschclcs, des Lehrers. Handlung und Sprache harmonieren hier: still wie das Menschenleben und innig wie sein Herz wird von Hirschele erzählt, wie er auf dem Grabe seines Rösele zum ersten Male das Kaddischgebet um die Tote versäumt. Einer von den deutschen „Literaturentdeckern" hätte Steinberg finden müssen. Denn Jehuda Steinberg ist ein Dichter. Ein jüdischer Dichter: er starb in jungen Jahren Hungers . . . Zwei Arbeiten voll nachdenklichen, köstlichen Humors seien aus dem ersten Bande noch erwähnt: von Rüben Braudes: „Wie der Pumpianer Rabbi die soziale Frage löst", und von M. Spector: „Der Streik der Schnorrer". Der zweite Band bringt zwei Skizzen von David Pinsky. Als ich die erste, „Bergab", gelesen, fiel mir des jungrussischen Schriftstellers Semjon Juschkewitz „Ghetto" ein, das im deutschen Lesepublikum grossen Erfolg hatte. Pinsky behandelt den Untergang, den allmählichen Verfall einer Schneiderfamilie; wie Simon der Schneider mit suggestiver Gewalt zum Alkoholgenuss getrieben wird, wie gemeine Not den Stolz und das ehrliche Wollen eines frommen Lebens zerbricht — dies ist ein Drama aus dieser Welt schwankender Existenzen. Ich stelle Pinskys Arbeit — wohl den wenigsten bekannt — hoch über. Juschkewitsch' stoffverwandte Novelle „Ghetto". Und dann enthält der zweite Band eine Novelle von A, Weissenberg, „Die Widerspenstige", ein Kabinetstüek an Seelenanalyse und Stilkunst. Wie