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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 471 - 472

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Das Lehrlingswerk der Alliance in Tunis
Date
1909-07-01
Page
Seite 471 - 472 (sequence 2)
Language
German
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471 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Lehrlingswerk der Alliance in Tunis. 472 kömmlichen Weise. Sie verdienen wenig und leben schlecht, besonders seit der politischen und wirtschaftlichen Unigestaltung des Landes, die alle Lebensbedingungen geändert, neue Bedürfnisse geschaffen, den Absatz mancher Handwerker verringert und. den Preis der notwendigsten Bedarfsartikel verdoppelt hat. Ehe das Lehrlingswerk der Alliance in Wirksamkeit trat, betätigten sich unsere Glaubensgenossen in etwa zwanzig Handwerken. Ueberfüllung der Berufe, vermehrte Einfuhr fertiger Erzeugnisse, Errichtung von Fabriken, Wechsel in der Lebensweise und Kleidung, Konkurrenz der fremden Handwerker, brachten es mit sich, dass die Löhne in demselben Mass zurückgingen, in dem der Lebensunterhalt teurer wurde. Arbeiterinnen Avaren noch schlimmer daran. Die kleine Zahl der ihnen offen stehenden Berufe zwang die Frauen, sich mit den lächerlichen Löhnen zu begnügen, die ihnen für die Herstellung von Stickereien, Passementierarbeit, Seidenspulen und arabische Leinenmanufaktur geboten wurden. — Das war nicht geeignet, für das heranwachsende Geschlecht das Handwerk verlockend zu machen. Eine grosse Zahl unserer früheren Zöglinge hatte als Beamte, Kassierer, Rechnungsführer leicht Anstellung gefunden. Die Ehrgeizigeren hatten sich den freien Berufen zugewandt. Der unleugbare Erfolg, den unsere erst: n Zöglinge ausserhalb des Handwerks errangen, in dem ihre Eltern sich plagten, erschwerte uns anfänglich die Heranziehung von Lehrlingen. Dazu kamen noch Gründe allgemeiner Art: der Antisemitismus mancher Lehrmeister, der böse Wille der jüdischen Handwerksmeister, die sich keine Konkurrenten heranbilden mochten, die Abneigung der jungen Leute gegen die harte Arbeit am Amboss und in der Schmiedewerkstatt, endlich die Forderung der Eltern, dass die Kinder schon während der Lehrzeit sich selbst erhalten sollten. Man musste sich anfänglich mit den Bewerbern begnügen, die sich gerade meldeten. Sie waren unzureichend unterrichtet, so dass man Abendschulen für sie schaffen musste. Da die Meister sich weigerten, die Lehrlinge aufzunehmen, war man gezwungen, sie durch Bezahlung günstiger zu stimmen. Die Eltern beklagten sich, dass sie die Kinder nähren und kleiden sollten. Darauf wurden die Lehrlinge zur Teilnahme an dem Frühstück der Schulkinder zugelassen; man gab ihnen ausserdem alljährlich ein Gewand und ein Paar Stiefel und endlich eine monatliche Vergütigung von o—7 Francs. Mit Geduld und Hartnäckigkeit überwand man alle Schwierigkeiten. Die Lehrlinge zeigten sich leidlich anstellig, und unsere ehemaligen Zöglinge, deren Intelligenz entwickelt war, kamen zu guten Löhnen. Sechzehn neue Handwerke — die d?r Wagenbauer, Stellmacher, Zimmerleute, Kupferziseleure, Dekorateure, Kunsttischler, Elektriker, Schmiede, Giesser, Graveure, Buchbinder, Holzbildhauer, Böttcher, Färber, Drechsler usw. — die dem Arbeiter guten Lohn sicherten, wurden von zahlreichen Zöglingen erlernt, und der Erfolg unserer ersten Lehrlinge und die materielle Hilfe, die sie ihren Familien brachten, überwanden den letzten Widerstand unserer Schüler und ihrer Eltern. Heute rekrutieren wir unsere Lehrlinge aus den Schülern, die unsere Schule durchgemacht haben. Mehr als die Hälfte von unseren 80 Lehrlingen haben das Abgangszeugnis der Volksschule. Das T ehrlingsinstitut gewinnt von Tag zu Tag an Ausdehnung. In der Zeit vom Januar 1902 bis Januar 1909 haben wir 163 Lehrlinge aufgenommen, von denen 61 noch in der Lehre sind, 29 das Handwerk aufgegeben haben und 73 berufsmässige Handwerker geworden sind. Da wir in der angegebenen siebenjährigen Zeit 44 677 Francs für das Lehrlingswerk ausgegeben haben, so kostet uns jeder ausgebildete Handwerker 613 Francs. Von den 73 ausgebildeten Lehrlingen sind 24 jetzt Handwerksmeister, 49 arbeiten als Gesellen. Unter den 24 Meistern sind: 1 Juwelier, 3 Kunsttischler, 1 Elektriker, 2 Schmiede, 1 Uhrmacher, 1 Marmorschneider, 1 Tischler, 2 Wagenlackierer, 4 Bleiarbeiter, 1 Holzbildhauer, 1 Sattler, 1 Tapezier, 1 Böttcher, 1 Drechsler. Sie verdienen täglich zwischen 8 und 12 Francs. Die 49 Gesellen verteilen sich wie folgt: 2 Juweliere, 6 Kummetmacher, 1 Stellmacher, 3 Kunsttischler, 9 Maler, 4 Bleiarbeiter, 1 Buchbinder, 1 Holzbildhauer, 2 Sattler, 6 Tapeziere, 1 Böttcher, 1 Drechsler, deren Tagelohn sich zwischen 2,50 bis 6,50 (im Durchschnitt 3,70) Francs bewegt. Mit einem Aufwand von 613 Franca ist also je ein Mann dem Elend entrissen, ihm ein ehrenwerter Erwerb und die Möglichkeit gegeben, mit Einsicht und Fleiss zum Wohlstand zu gelangen. Mit dem Anwachsen des Lehrlingswerks wird übrigens die Ausgabe dafür geringer. Denn wir können jetzt sorgsamere Auswahl treffen, so dass die Zahl der Abfälligen kleiner wird. Ausserdem sind wir jetzt in der Lage, unsere Schützlinge bei den früheren Lehrlingen unterzubringen, die mittlerweile Meister geworden sind, so dass wir den Eltern nichts mehr zu zahlen brauchen. Alljährlich verlassen 250—300 Kinder unsere Knabenschule. Die Banken, die kaufmännischen Geschäfte, die Bureaus aller Art sind bereits mit schlecht bezahlten Angestellten überfüllt. Der tunesische Handel kann unseren zumeist aus armen Familien und demgemäss nicht mit Kapital versehenen jungen Leuten keine Zuflucht bieten. Dagegen entstehen immer neue Industrien. Die Ausbeutung des Bodens und der unterirdischen Bodenschätze, die Ausdehnung des Eisenbahnnetzes verlangt täglich mehr geschickte und intelligente Arbeiter. Wollen unsere jungen Leute sich aus dem Elend befreien, in dem sie geboren sind, so brauchen sie nur Arbeiter zu werden. Das sehen die Knaben auch ein, und die Leichtigkeit, mit der wir unter unseren Zöglingen, die die Volksschule durchgemacht haben, Lehrlinge finden, ist der beste Beweis dafür. . . . Wir sollten also unserem Lehrlingswerk weitere Ausdehnung geben. Einstweilen brauchen wir nicht zu fürchten, dass es einen Ueberfluss an ordentlichen und fähigen Arbeitern geben könnte, besonders in den Handwerken, in denen wir unterrichten. Ist doch unser Land den ausländischen Handwerkern noch immer tributpflichtig. Wir könnten recht gut 30—40 Lehrlinge alljährlich ausbilden, nicht bloss 10, und die jährlichen Ausgaben dafür brauchten nur von 8600 auf 16 000 bis 17 000 Francs zu steigen. Eine Verdoppelung der Aufwendungen würde das Ergebnis verdreifachen. Dem Lehrlingswerk für Mädchen standen mancherlei Hindernisse im Weg. Man musste Vorurteile und überlieferte Anschauungen überwinden, den Gefahren vorbeugen, denen ein junges Mädchen in den Werkstätten ausgesetzt sein kann, und Berufe ausfindig machen, für die sich Frauenarbeit eignet, ohne dass ein Lohndruck stattfindet. Wir richteten in der Mädchenschule eine Schneiderwerkstatt ein und brachten gleichzeitig Mädchen als Lehrlinge unter bei Stickerinnen, Korsettmacherinnen, Spitzenklöpplerinnen, Spitzenhändlerinnen, Modistinnen. Eine erste Meisterin in mechanischer Weberei, die wir in der Schule anstellten, führte zur Schaffung einer ganzen Strumpfwaren-Industrie, die auf dem Wege zu vollem Gedeihen ist. Bei der Auswahl der Mädchen für die Lehrlingschaft verfuhren wir mit äusserster Vorsicht. Die Zulassung zur Schulwerkstatt wurde den Mädchen als höchste Belohnung hingestellt. Mit einem Aufwand von jährlich 960 Francs kamen wir zu den erfreulichsten Ergebnissen. In sieben Jahren (1902 bis 1907) haben wir 136 Mädchen als Lehrlinge aufgenommen. Von diesen sind 47 noch in der Lehre. Von den übrigen 89 haben im Lauf der Jahre 21 das Handwerk verlassen, sind 68 oder im Jahresdurchschnitt 10 als fertige Arbeiterinnen ausgebildet. Unter den 68 ausgebildeten Arbeiterinnen sind 23, die zu Haus für sich und ihre Familien arbeiten, da sie nicht unbedingt darauf angewiesen sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu gewinnen. Von den 45 Arbeiterinnen, denen das Handwerk Brot gewährt, sind 6 Stickerinnen, 25 Schneiderinnen, 1 Korsettnäherin, 1 Modistin, 9 Handwerkslehrerinnen, 1 Orthopädistin, 2 Weberinnen. Ihr Tagesverdienst ist zwischen 1,50 und 5 Franken, durchschnittlich 3,40 Francs. Da die Zahl der Schneiderinnen und Stickerinnen erheblich zunimmt, musste man darauf bedacht sein, ihnen dauernde und angemessen bezahlte Arbeit zu sichern. Der Absatz nach Frankreich war durch Prohibitivzölle gesperrt, anderwärts fehlte es an selbstloser und wirksamer Unterstützung. Ein glücklicher Zufall fügte es, dass ich zu Beginn des letzten Winters Fräulein de Monmort kennen lernte, die, durch die Berichte über das Werk der Alliance lebhaft angeregt, unsere hiesige Mädchenschule besuchte, an dem Schicksal unserer Zöglinge Anteil nahm und uns Hilfe versprach. Ihr haben wir es zu danken, dass die Mädchenschulleitung ein Atelier einrichtete, in dem unsere früheren

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