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Ost und West · 1909-07-01 · Heft 7 (Juli 1909) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 7 (Juli 1909)
Article
Der elfte deutsch-israelitische Gemeindetag
Date
1909-07-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
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411 M. A. Klausner: Der elfte deutsch-israelitische Gemeindetag. 412 sogar zu dem Zugeständnis bequemen, dass es nicht handlich genug ist und dass es handlicher gemacht werden sollte — gerade damit man es noch weniger als bisher anwende. Das Gespenst des Schisma ist auf dem elften deutsch -israelitischen Gemeindetag umgegangen. Nicht jeder hat es gesehen — aber es war da, es zeigte sich schon in dem ungewöhnlich starken Besuch. Ich will nicht sagen: Furcht, ich will lieber sagen: schwere Besorgnis hat eine Beteiligung geschaffen, die in gleichem Umfang nie dagewesen ist. Die Orthodoxie, die sich sonst meist abseits hielt, war diesmal in ansehnlichen Kolonnen erschienen. Es kann wohl sein, dass dies bloss geschehen ist, weil man die praktische Tragweite überschätzte, die die Beratungen und Beschlüsse des Gemeindetags haben konnten. Das ändert aber an der Tatsache der regen Beteiligung nichts und nimmt der Tatsache nicht den erfreulichen Charakter. Denn jede Aussprache schafft die Möglichkeit einer Verständigung. Jeder Teil findet in der Regel, dass der andere gar nicht so schwarz ist, wie er verschrieen worden, und dass Verschiedenheit der Ansichten auch in wichtigen und heiligen Dingen noch keine Trennung notwendig macht. So ist die Ueberschätzung der Gemeindetags-Bedeutung zu etwas gut gewesen. Die gute Wirkung wird dadurch nicht aufgehoben, dass man nachträglich einsieht und bekennt: die Beschlüsse des Gemeindetags mochten ausfallen, wie sie wollten — sie wären unter allen Umständen praktisch ohne jede Wirkung geblieben. Ich darf das sagen, weil ich es weiss. Ich bin es gewesen, der vor elf Jahren die konkurrierenden Minister — den Minister des Innern Freiherrn von der Recke, den Kultusminister Dr. Bosse und den Pinanzminister Dr. v. Miquel — tür den Gedanken einer Gesamtorganisation der Juden in Preussen gewonnen hatte. Mir wurde der Wunsch ausgesprochen, ich solle die Grundzüge für eine Vorlage ausarbeiten. Ich hielt es für richtig, die Aufforderung an den Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund weiter zu leiten, damit dieser Gelegenheit habe, sein Können an einer grossen Aufgabe zu erproben. Ich war auch der Meinung, dass gerade der D. I. G. B. die richtige Instanz sei, weil die zu schaffende Gesamtorganisation dazu dienen sollte, sein Scheindasein in Wirklichkeit zu wandeln, seinem blossen Namen Leben zu geben. Ich bin in argem Irrtum gewesen. Wenn eine grosse Gelegenheit versäumt worden ist, so trage ich einen wesentlichen Teil der Schuld, indem ich den Gemeindebund mit der Angelegenheit befasste, und Reue und Leid habe ich oft darum empfunden. Dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund mache ich keine Vorwürfe — denn er hat gewiss getan, was er konnte — nur mir mache ich sie, und dieses öffentliche Schuldbekenntnis gehört zu meiner Busse. Elf Jahre hat der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund gebraucht, um eine Ausarbeitung zu beenden, die sich dann nur wieder als eine Vorarbeit erwies, die erneuter und eingehender Prüfung und Umarbeitung bedarf. Inzwischen aber hat die Gunst der Stunde sich völlig verflüchtigt. Von den drei Ministern, die im Jahre 1898 willig gewesen waren, der gegebenen Anregung freundlich zu folgen, sind zwei nicht mehr am Leben, und der Dritte ist nicht mehr Minister. Die aber heut am Ruder sind, teilen nicht die Ansichten und kaum die wohlwollende Gesinnung ihrer Amts Vorgänger, und einstweilen ist keine Aussicht vorhanden, dass Wirklichkeit wird, was so schön gedacht war und was wir so bitter nötig brauchen. Und wäre auch die alte wohlwollende Gesinnung geblieben und das alte Verständnis — die Ausarbeitung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes wäre doch pro nihilo gewesen, denn es ist ausgeschlossen, dass in Preussen etwas Gesetz wird, was der Vorlage des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bunds ähnelt! Für die Praxis waren die Beschlüsse des elften Gemeindetags völlig unerheblich. Es war aber gut, dass man das nicht wusste. Denn diese Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse hat bewirkt, dass die, die seither zumeist abseits standen, nach rühriger Agitation in hellen Scharen zum elften Gemeindetag kamen. Sie bewiesen damit — und das ist das Hocherfreuliche an dem ganzen elften Gemeindetag — dass auch sie kein Schisma wollen, dass auch sie die Einheit zu wahren wünschen. Denn ihre Abwehr gegenüber den meisten Bestimmungen der Vorlage war tatsächlich nur der Ausdruck des Bestrebens, keine Einrichtungen einführen zu lassen, die ihnen das Festhalten an der Einheitlichkeit fast bis zur Unmöglichkeit erschwerte. Es wäre ja unter keinen Umständen zur Verwirklichung der Vorschläge gekommen; aber es ist unter allen Umständen gut, dass in einer gemeinsamen Aussprache festgestellt worden ist, man habe auf keiner Seite einen Gewissenszwang oder auch nur einen Gewissensdruck beabsichtigt, man sei allseitig bereit, unser jüdisches Haus im Staate so aus-

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